Skillfully Killing Darlings: Unser Samweis Gamdschie

Diese Woche in
Skillfully Killing Darlings: Skillanes tödlich gute Wochenkolumne

Ein weiterer, wichtiger Aspekt des (Schriftsteller-)Daseins: Die Selbstpflege. Gesprochen wird über Meditation, Spaziergänge und das Vertrauen sowie den Mut, auf die persönliche kleine Samweis-Gamdschie-Stimme zu hören.

Wenn du diesen Artikel in der perfekten Stimmung lesen willst, dann scrolle vorzeitig zum Ende und starte das Video mit dem wunderschönen Stück „Concerning Hobbits“ von Howard Shore.

Der Geist ist abstrakt.

Einen Gedankengang können wir uns nicht brechen, wir kriegen keinen Ausschlag auf Ideen, Emotionen fallen uns nicht aus oder werden schütter, seelischer Schmerz hat keine Örtlichkeit, auf die wir Salbe schmieren können.

Deswegen sind viele Menschen skeptisch gegenüber der Vorstellung, unseren Geist zu pflegen, wie wir es mit unserem Körper tun. Wir sind Wesen der Sinnhaftigkeit: was wir nicht sehen, hören, riechen, schmecken oder ertasten, das vernachlässigen wir.

Hört zu, viele von uns haben in jungen Jahren Bewältigungsstrategien aufgenommen, um das noch wachsende Wesen in unserem Herzen vor Verletzungen zu bewahren. Und dann hat das Leben plötzlich Fahrt aufgenommen und nun halten wir all diese Schilde aufrecht, ohne die Zeit zu haben, dem Wesen zuzuhören, es kennenzulernen, zu wissen, was es wirklich braucht – und da sitzt es nun, einsam in einer Stube unseres Verstandes, wie ein daheimgebliebenes Kind, dessen Eltern schuften, um ihm Spielzeug zu kaufen, das es gar nicht braucht.

Denn klammheimlich hat es sich entwickelt, das Wesen; unter dem Sarkasmus und der Isolation, unter der Alltagsflucht, der Sucht und der Erwartungslosigkeit ist es gewachsen und will sich die gottverdammte Welt zu eigen machen.

Wenn wir ganz still sind und lauschen, dann hören wir es manchmal. Es ist immer ehrlich, denn es duldet nicht, dass wir uns selbst belügen, es ist Lehrer und Freund zugleich, es ist loyal und hat das Herz eines Kindes, die Sterne sind das Limit in seinen Augen.

Unser eigener Samweis Gamdschie.

Freunde, es ist an der Zeit, dass wir ihm das Steuer überlassen.

Und in meinem heutigen Beitrag möchte ich euch Wege nennen, die mir ermöglicht haben, meinem Sam eine Stimme zu geben und dieser Vertrauen zu schenken. Womöglich sind meine Erfahrung – sei es im Teil oder in ihrer Gänze – nicht für jeden relevant – das möge der Leser für sich selbst entscheiden.   

Gönnen wir uns Langsamkeit

„Aber was uns wirklich am Herzen liegt ist Frieden und Stille und ein gutbestellter Boden. Denn nichts lieben Hobbits mehr als Dinge, die wachsen.“

„Hin und wieder zurück… die Geschichte eines Hobbits“ von Bilbo Beutlin

Alles rückt zusammen.
Es gibt knapp siebeneinhalb Milliarden Menschen auf der Welt, die alle zu Wort kommen wollen, die alle eine Plattform, eine Agenda haben, die durcheinanderreden in der Enge von LAN-Kabeln und zwar dort, wo wir wohnen, essen, schlafen, leben. Jeder stellt Erwartungen an andere, viele davon unfair, häufig fehlt das Verständnis, schnell wird auf Wut gesetzt, denn mit Wut setzt man sich durch und wer sich nicht durchsetzt, der hat versagt.

Wir werden aufgenommen und mitgerissen und dann strampeln wir, um fremden Anforderungen gerecht zu werden, fremde Ideen von Erfolg umzusetzen, uns fremde Verachtung zu eigen zu machen. Der Aufwind treibt uns hoch, wir verlieren den Boden unter den Füßen und fürchten, zu stürzen, wenn wir innehalten.

Jeder von uns hat vierundzwanzig Stunden am Tag – viele davon heutzutage gefüllt mit Mikrotätigkeiten, die sich häufen, ohne dass wir es bemerken. Twitter; sechstausendmal zweihundertachzig Zeichen in der Sekunde. Netflix, Sky, Amazon Prime; Eindruck über Eindruck, Licht, Geräusch, Gespräch, Bewegung. Smartphone: knapp dreieinhalb Millionen Apps, jederzeit ein Anruf, jederzeit im Dialog mit der Welt.

Deswegen brauchen wir Müßiggang.

Atempausen.

Langsamkeit.

Sie dehnt unsere Wahrnehmung der Zeit; Stunden werden zu Minuten werden zu Sekunden, einzelne Bausteine, die, wenn erkannt, mit bewusster Entscheidung verwendet werden können.

Auch wird es still, wenn der Sturm sich legt. Leise Samweis-Stimmen kommen zu Wort, die wir sonst zur Seite stoßen, weil wir sie nicht für wichtig erachten – sie sagen uns, was wir brauchen, sie reden uns gut zu. Sie sind mitunter unkonventionell und darin liegt ihre Schönheit, denn so wissen wir, dass sie unsere eigene Wahrheit sprechen. Und wenn sie uns Schmerzen bereiten, dann tun sie es auf dieselbe Weise, wie das Auswaschen einer frischen Wunde.

Augen zu und atmen. Langsam gehen.

Erinnerst du dich noch ans Auenland, Herr Frodo?

Apropos gehen, wir Texthäkchen haben schon manch eine Lanze für den simplen Akt des Spazierens gebrochen. (Siehe: „Take a walk – der Weg zu Inspiration und Motivation„)

Beginnen wir mit den physiologischen Vorteilen; Gehen ist eine Form der Bewegung, das Herz gerät in Euphorie, pumpt das Blut schneller, Sauerstoff gelangt überall hin und belebt alles, was es erreicht – und so nicht zuletzt auch das Gehirn. Glückshormone werden ausgeschüttet. Steife Glieder gelockert.

Und es geht noch weiter: wechselnde Eindrücke regen unser Auge an in einer Geschwindigkeit, die wir selbst bestimmen, wir sind völlig eigenständig, jeder Weg, den wir gehen, alles, was wir betrachten, jede Pause eine Entscheidung von uns für uns selbst, ohne Rechtfertigung oder Urteil. Wir lernen, sehen, erfahren. Wir sinnieren, begegnen, kommen voran, ein Gefühl von Erfolg, von Fortschritt.  

Vor allem der Weg aus der Stadt heraus, wenn der Blick in alle Richtungen frei wandern kann, ohne auf etwas Hartes zu treffen, ist zutiefst befreiend.

Die sächsische Schweiz

„Erinnerst du dich noch ans Auenland, Herr Frodo? Da wird bald Frühling sein. Alle Obstbäume stehen dann in voller Blüte. Und die Vögel bauen ihre Nester im Haselnussdickicht. Und sie werden die Sommergerste in den unteren Feldern aussähen. Und die ersten Erdbeeren mit Schlagsahne essen. Erinnerst du dich noch an den Geschmack von Erdbeeren?“

Samweis Gamdschie

Meditation – Klischee aber wirksam

Meditation ist der bewusste Akt, die Gedankenflut zu beruhigen und Ruhe in unseren Kopf zu bekommen. Wenn man innehält, wirklich innehält und evaluiert, so stellt man in den meisten Momenten fest, dass diese in sich friedlich sind – wir werden nicht bedroht, konfrontiert oder genötigt. Und doch empfinden wir Stress, weil Gedanken an die Zukunft uns vor- und Gedanken an die Vergangenheit uns niederzerren.

Ich meditiere nicht regelmäßig. Ich habe keinen gesonderten Ort dafür, ich beherrsche keinen Schneidersitz, keine Klangschale steht auf meinem Tisch. Auch bin ich kein spiritueller Mensch, ich bin nicht religiös und bin allem Esoterischen eher skeptisch gegenüber. Meditieren ist für mich ein Akt der Psychologie und Physiologie. Es hat etwas damit zu tun, die metaphorischen Muskeln des Gehirnes kennenzulernen und zu wissen, wie man diese gezielt im Alltag entspannen kann. Ein konkretes Verankern im Moment, eine Form des Erdens, sodass man fest auf dem Boden steht und selber entscheidet, in welche Richtung man sich bewegt.

Wie also beginnen?

Ich habe es mir einfach gemacht; ich habe mir Apps runtergeladen. Begonnen habe ich mit der englischsprachigen App „Headspace“. Dort gibt es einen kostenlosen 10-Tage-Anfänger Kurs für das Meditieren, der einen Informationen und Verständnis für die Thematik mittels angenehm simpler Animationen näherbringt. Als ich diesen abgeschlossen hatte, bin ich auf die App „Insight Timer“ umgestiegen – diese ist völlig gratis und unterstützt mehrere Sprachen. Dort kann man unter den vorhandenen, geführten Meditationen sowohl das gewünschte Thema anwählen, als auch die Länge, die man bevorzugt. Möchte man frei meditieren, so gibt es einen Timer, der einem je nach Wunsch Musik oder Geräusche vorspielt.

Sagen euch diese Apps nicht zu, so gibt es mit Sicherheit noch viele weitere, die ich nicht getestet habe. Auch gibt es bei YouTube viele Videos zu Informationszwecken oder mit geführten Meditationen. Darüber hinaus bleiben natürlich die klassischen Möglichkeiten: in manchen Städten gibt es Gruppen, mit denen man meditieren kann, es gibt Bücher zu dem Thema und Foren.

Wähle einfach den Weg, der für dich am angenehmsten ist.

Freundschaft: Ohne mich geht Herr Frodo nirgendwo hin!

„Aber eine der Hauptfiguren hast du ausgelassen: Samweis den Beherzten.
Erzähl uns mehr von Sam!
Frodo wäre ohne Sam nicht weit gekommen.“

Frodo begreift es…kurzzeitig

Sam erinnert Frodo daran, zu essen, zu schlafen, er versucht, ihm den Geschmack von Erdbeeren ins Gedächtnis zu rufen, in seiner Tasche hat er Gewürze aus dem Auenland, ein Stück Heimat, er kocht, er teilt das Essen so ein, dass es für den Rückweg reicht, obwohl auch er ahnt, dass sie diesen vielleicht nicht antreten werden.

Es ist ein Vergleich zu ziehen zwischen unserem Umgang mit Freunden und jenem mit uns selbst. Wie wir manchmal das Wort an uns selber richten in einer Art, wie wir es niemals einem Freund gegenüber tun würden, uns Dinge nicht verzeihen, die Liebe zu uns selbst verlieren. Die Unterhaltung mit einem guten Freund erinnert uns daran, wie wir mit uns umzugehen haben. Sie gibt uns Perspektive und Verständnis für uns selbst. Und bald hören wir, dass auch unser eigener Samweis diese Worte spricht. Ignorieren wir ihn nicht länger!

Fazit: Vertraue deinem Samweis Gamdschie

„Ich kann ihn nicht für dich tragen…
Aber ich kann dich tragen!“

Samweis Gamdschie, hier, am Ende aller Dinge!

Ich verabschiede mich an dieser Stelle und hoffe, euch bleibende Anregungen gegeben zu haben.

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