Warum wir Vorsätze brauchen – und es gut ist, auch mal zurückzublicken.

Vorsätze sind gut, solange wir uns nicht darauf reduzieren. Vielmehr sollten wir sie als Möglichkeiten für unser zukünftiges Handeln betrachten. Auch ein Blick in unsere Vergangenheit kann dabei hilfreich sein. Nichts anderes hat Ebenezer Scrooge dazu gebracht, ein netter Mensch zu werden, oder?

„So this is Christmas. And what have you done?
Another year over. A new one just begun.“

[John Lennon: ‚Happy Christmas (War is over)‘]

Die Worte des verstorbenen Beatles-Helden John Lennon haben trotz ihrer friedfertigen Melodie einen vorwurfsvollen Klang:
Ein weiteres Jahr ist vorbei. Ich hoffe, du hattest Spaß.
Ein weiteres Jahr ist vorbei und was hast du erreicht?
Sätze, die wie gut getarnte Ermahnungen – bekannt durch Lehrer, Eltern und Jobcenter-Mitarbeiter – aussehen und die uns vor allem von unserer eigenen, vorwurfsvoll klingenden inneren Stimme immer wieder leise zugezischt werden.

Was hast DU schon erreicht?

Auf Süßigkeiten verzichtet? Modegeschmack entwickelt? Ein Instrument gelernt? Von wegen! Die Texthäkchen fragen sich, ob Vorsätze nicht eher das Gegenteil bewirken.
Auf Süßigkeiten verzichtet? Modegeschmack entwickelt? Ein Instrument gelernt? Von wegen! Die Texthäkchen fragen sich, ob Vorsätze wirklich notwendig sind.

Aber sollte nicht gerade in der Weihnachtszeit unsere Stimmung weniger von fleißiger Konsumgeilheit, blindem Ehrgeiz und wiederkehrenden Vorwürfen als vielmehr von Zuversicht, Hoffnung und Geborgenheit geprägt sein?
An Weihnachten brauchen wir unseren Samweis Gamdschie mehr denn je. Wir sehnen uns nach Entschleunigung in all der Hektik. Nach dem Geschmack von Lebkuchen während der Jahresabschlusspüfung. Nach dem Gefühl des wärmenden Ofens im kalten Gedränge und der Hetzjagd nach den letzten Geschenken.

Die guten neuen Vorsätze

Am Ende jedes Jahres beginnt das Listen schreiben. Vorsätze sind die Lösungen mit denen wir glauben, unser Leben in Ordnung zu bringen. Aber warum brauchen wir das?
Am Ende jedes Jahres beginnt das Listen schreiben. Vorsätze sind die Lösungen mit denen wir glauben, unser Leben in Ordnung zu bringen. Aber warum brauchen wir das?

Was viele Menschen in dieser Zeit zu glauben brauchen, sind neue Vorsätze für das nachfolgende Jahr. Dabei ist der Wunsch nach Verbesserung und Perfektion so trügerisch verlockend, dass wir darüber vergessen, was hinter uns liegt. Was haben wir in der Vergangenheit bereits erreicht? Und steckt nicht auch hinter jedem gescheiterten Projekt eine wichtige Erkenntnis?
(Mehr dazu in Frau Vorragends Format: „Die Geschichte vom Scheitern“

Bei unserem diesjährigen letzten Texthäkchen-Treffen waren – neben vielen Glühwein- und Fotofreuden (Danke @photomadebymaehne für das Durchhaltevermögen bei der Bildproduktion und den ganzen Spaß dabei) Vorsätze ein großes Thema für uns.
Während meine Wenigkeit sich ja bereits in der Vergangenheit intensiv mit Vorsätzen für Autoren beschäftigte („Die Top 3 Vorsätze für Autoren„), hielten Eve und Frau Vorragend zunächst nur wenig davon.

Ich brauche keine neuen Vorsätze. Die alten sind praktisch noch unangetatstet.“

[Frau Vorragend]

Warum schimpfen wir auf Vorsätze?
Warum lehnen wir sie ab?
Was macht sie so unsympathisch?

Ganz einfach: weil sie olle Besserwisser sind.
Während wir seit Jahren an Problemen zu knabbern haben (zu wenig Sport, nicht genug Zeit für die Familie, zu viel Netflix), stellen sie sich hin und präsentieren gelangweilt Lösungen, so als wären die schon immer da gewesen (mach mehr Sport, besuch deine Familie öfter, kündige Netflix) und wir nur einfach zu blöde, diese umzusetzen. Und dann, nach einem Jahr sind sie wieder da.
Tada.
Fast wie Mehlmotten. Sie tun zwar nichts, aber sie kommen immer wieder und wenn du Pech hast, vermehren sie sich auch noch.

Aber das muss nicht so sein.
Vorsätze können auch wie der Prolog zu einem Roman sein.
Ein Vorgeschmack auf die Geschichte, die da kommen wird.
Ein Prolog, der dem Leser UND Autor das Ziel vor Augen führt, auf das hinausgearbeitet wird. Wenn du aber bei jedem Kapitel nur an deinen Prolog denkst und dich davon in die Irre führen lässt, ist er schädlich und beinträchtigt die Handlung negativ.
Ist der Prolog zu perfekt? Kann absolut nichts mehr an ihn herankommen? Dann wird mit Sicherheit das gesamte Werk darunter leiden.

Ähnlich wie den Prolog einer Geschichte, bedarf es auch nicht notwenigerweise eines Vorsatzes, um ein gutes neues Jahr zu erleben. Was es braucht, ist ein Antrieb. Ein Ziel vor Augen und eine Motivation dahinter. Und diese Motivation kann auch in der Vergangenheit liegen

Zurück in die Vergangenhei

Bei unserer Premieren-Lesung im Hof in Erfurt bekamen wir so viel positives Feedback, dass schnell klar war: Wir werden zurückkommen.
Bei unserer Premieren-Lesung im Hof in Erfurt bekamen wir so viel positives Feedback, dass schnell klar war: Wir werden zurückkommen.

Gibt man sich einmal die Mühe, eine Liste mit Punkten aufzuführen, die erreicht wurden, erscheinen neue Vorsätze gar nicht mehr so unerreichbar und starr wie vorher. Wir haben das getan und waren am Ende erstaunt, wie viel sich auf dieser Liste versammelt hat:

> Eine Lesung veranstalten
> An der Frankfurter Buchmesse teilnehmen
> Regelmäßige Häkchentreffen abhalten
> Das Design des Blogs verbessern
> Einen neuen Umgang mit dem Blog finden
> Einander die eigenen Romanprojekte vorstellen
> Eine Schreibtour veranstalten
> Am Bloggertreffen in Erfurt teilnehmen und sich mehr vernetzen

Diese Liste wird natürlich noch durch zahlreiche, individuell erreichte Ziele ergänzt, denn jedes Häkchenmädchen verfolgt eigene.
Eve beispielsweise schafft es, uns ihre ersten 3 Kapitel zum Gegenlesen auszuhändigen (dieses verflixte dritte Kapitel!), Frau Vorragend nimmt trotz Fulltime-Job an Schreibnächten und dem NaNoWriMo teil und ich lese bei der Weihnachtsfeier mit Freunden meine Texte als Karlotta Nordström laut (!!!) vor und stelle fest: Es kommt tatsächlich an.

Troztdem geraten unsere Erfolge viel zu schnell in Vergessenheit, vor allem dann, wenn wir aufzählen, was noch alles vor uns liegt.

Das haben wir noch nicht geschafft, das auch nicht, das auch nicht…blablabla

Da wir ja alle gerade ein bisschen im Herr der Ringe-Fieber sind, erinnere ich mich gern an Frodos und Sams Ausblick auf Mordor. Der Weg zum Schicksalsberg scheint noch so unendlich weit, kaum vorzustellen für zwei Halblinge, wie sie es sind. Doch was keiner sieht: Der Weg, den sie bereits zurückgelegt haben, ist weiter.

Die Texthäkchen blicken auf 2019

Lesungen, Buchmessen, Poetry Slams, Manuskripte, Schreibwettbewerbe und mehr. Es gibt so viel, auf das wir 2019 gespannt sein können.
Lesungen, Buchmessen, Poetry Slams, Manuskripte, Schreibwettbewerbe und mehr. Es gibt so viel, auf das wir 2019 gespannt sein können.

Die vielverfluchten und vielgepriesenen Vorsätze würden wohl viel mehr Anklang in der Bevölkerung finden, wenn man sie als Möglichkeiten bezeichnen würde.

Was sind deine Möglichkeiten für das neue Jahr?
Och, ich könnte weniger trinken und es wäre möglich, dass ich mal ins Fitnessstudio gehe. Möglich ist alles.


Natürlich neigen auch wir gerne einmal zum Vergessen, Vernachlässigen und Prokrastinieren und müssen uns ab und zu selbst in den Hintern treten, um zu Potte zu kommen, doch selbstauferlegte Zwänge und fesselnde Strukturen zerstören unsere Kreativität eher anstatt sie zu beflügeln.

Wir haben Möglichkeiten. Punkt.
Manche davon liegen unmittelbar in Reichweite, andere sind wie der Schicksalsberg – immer zu sehen, aber doch noch sehr viel weiter weg. Es ist nicht verboten zu träumen, aber wenn wir mit unseren Möglichkeiten realistisch haushalten, uns nicht durch sie identifizieren oder unser Tun und Handeln darauf reduzieren, können sie der Motor für alles sein, was wir im Leben erreichen wollen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere