Lotta liest! – Literaturtrends und Lektüre-Erlebnisse

Heute: Über die Lust am Lesen, den Insta-Hype, Book-Bashing und Boss-Bücher

Gut gelesen? Bücherwurm Karlotta Nordström stöbert für euch in den Seiten von 2018. Dort finden sich nicht nur Literaturschätze und Lektürepleiten, sondern auch Trends und Talks über Gelesenes und Ungelesenes. Also dann, auf gutes Lesen mit der ersten Kolumne!

Lotta liest gern. Für die Texthäkchen nimmt sie Lesestoff und Literaturtrends unter die Lupe.

Da geht es hin, das Jahr 2018. Es ist vorbei – bye bye.

2019 scheint das Jahr der großen Veränderungen zu werden, denn schon in den ersten Tagen des frisch aufgebrühten Januars gab es ein paar Abschiede zu verzeichnen. Der beliebte Erfurter-Blog Feels-like-erfurt sagte Adieu, Schreibprojekte wurden niedergelegt, aber – und so ist das ja immer – vieles wurde auch neu begonnen (Hallo How-to-Gourmet, hallo MagicMarne-Videos, hallo neue Kapitel, hallo neue Projekte!) .
Der Anfang ist nah.

Lesen und lesen lassen

ist auch in diesem Jahr unser Texthäkchen-Motto. Zu diesem Zweck möchten wir euch natürlich, neben unseren Artikeln über das Schreiben höchstselbst, auch viele neue Reviews und Buchrezensionen auf unserem Blog bieten. #formorereading

Wie viele Bücher lest ihr in einem Jahr? So manche Bücherstapel sind meterhoch, andere bilden eine erlesene Auswahl ab. Hier habe ich meine Readinglist von 2018 aufgestellt.
Wie viele Bücher lest ihr in einem Jahr? So manche Bücherstapel sind meterhoch, andere bilden eine erlesene Auswahl ab. Hier habe ich meine Readinglist von 2018 aufgestellt.

Die Lust am Lesen

Wenn ich mir meinen Bücherstapel und die vielen vielen (vielen) Bilder der Bücher anschaue, die ich 2018 geknipst habe, wird mir bewusst, dass 2018 ein richtig gutes Lesejahr war.
Und das nicht nur aufgrund der beiden Buchmessen, die ich besuchen durfte, sondern vor allen Dingen aufgrund des regelmäßigen und vielseitigen Austausches über Literatur mit anderen Menschen.

Mit meiner Freundin yulidala lässt es sich hervorragend über Bücher diskutieren. Sie verschlingt Geschichten wie andere Frühstücksflocken.

Was liest du zur Zeit? Was war dein bestes Buch in diesem Jahr? Hast du das schon fertig gelesen? Welche Bücher nimmst du mit in den Urlaub?

Immer wieder drehen sich unsere Gespräche um den schönsten Zeitvertreib der Welt. Das Lesen.
Und gerade das sollte für uns angehende Autorinnen nicht nur ein Hobby bleiben, sondern zu einem wichtigen Werkzeug für unsere Schreibkunst werden.

Ein schlechtes Buch löst in mir den Reiz aus, es besser zu machen.
Ein gutes Buch motiviert mich, auf gleichwertigem Niveau zu schreiben.
Aber es ist nicht nur das.

Du öffnest die Bücher und sie öffnen dich.“, lautet ein Zitat des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Altmatov.
In Zeiten, in denen immer weniger Bücher gekauft werden und von einer „Krise des Lesens“ gesprochen wird, ist es besonders wichtig, zu betonen, welchen Wert das geschriebene Wort in unserer Welt hat.

Den Film dem Buch vorzuziehen (weil es schneller geht und wir in einer schnelllebigen Zeit leben), ist als würde man nur Freunde haben, um mit ihnen Party zu feiern.

Lesen ist subjektiv

Jeder liest anders - zu Hause im Lesesessel oder im Freien am Meer. Hier habe ich die Möglichkeit genutzt, an der Küste von Toronto in den Seiten zu blättern.
Jeder liest anders – zu Hause im Lesesessel oder im Freien am Meer. Hier habe ich die Möglichkeit genutzt, an der Küste von Toronto in den Seiten zu blättern.

Nun ist es zwar so, dass sich Texte als gelernte Literaturwissenschaftler zwar sehr viel sorgfältiger einschätzen lassen, aber letztendlich bleibt Lesen ein subjektives Vergnügen. Jeder tickt anders.
Was dem einen sein Faust ist, ist dem anderen der verliebte Vampir usw.

Und natürlich gibt es auch unter uns Texthäkchen unterschiedliche Ansichten zum individuellen Lesevergnügen. Egal ob „QualityLand“, „Das Buch der verlorenen Dinge“ oder „Der Nachtzirkus“ – selten sind wir alle drei begeistert.
Trotzdem tauschen wir uns regelmäßig aus.

Ich muss gestehen, dass ich zwar sehr gerne gemeinsam von literarischen Werken schwärme, aber ein guter intellektueller Streit über Figurenkonstellationen, Tropen vs. Klischees und Sprachstile fördert mein Denken als Autorin um ein vielfaches mehr als ein gemeinsames Streicheln von Seiten. Nur so entwickeln wir uns weiter.

Was soll der Hype?

Besonders in Zeiten, in denen Bücher sich über Plattformen wie Twitter und Instagram verbreiten, beschäftigt mich ständig die Frage:

Ist das wirklich so gut wie alle sagen?

Es ist höchst interessant, wie Instagram-Hypes das eigene Leseverhalten beeinflussen können.
Mich haben sie dazu gebracht Becky Albertallis „Simon vs the Homo Sapiens Agenda“ (GRANDIOSE deutsche Übersetzung übrigens mit: „Nur drei Worte“ #irony), „Vox“ von Christina Dalchler und „Der Nachtzirkus“ von Erin Morgenstern auf meine Lese-Agenda zu setzen. Und keines dieser drei Werke hat mich wirklich vom Sessel gehauen.

"Simon vs. The Homo Sapiens Agenda" von Becky Albertelli wurde monatelang auf Instagram gehyped. Inzwischen ist der Film zum Buch ("Love Simon") auch erhältlich.
„Simon vs. The Homo Sapiens Agenda“ von Becky Albertelli wurde monatelang auf Instagram gehyped. Inzwischen ist der Film zum Buch („Love Simon“) auch erhältlich.

Was lesen die anderen? Warum taucht dieses Buch überall auf?

Diese Fragen rütteln an uns und erzielen höhere Effekte als Werbung von hiesigen Buchhändlern es vermag.
Am größten ist der Einfluss, wenn die Empfehlung von einer nahestehenden Person stammt.
Denn schlussendlich sagt unsere Lektüre viel über uns als Individuen aus (Groschenromane, Alice-im-Wunderland-Sonderausgaben oder ein tatsächlich ausgelesener Dostojewski?).

Wer würde nicht gerne wissen, was bei Freunden auf dem Nachttisch liegt bzw. bei welchem Schmöker ihr Herz zu rasen beginnt?

Und ganz ehrlich – hätte meine Oma mir damals mit 11 Jahren nicht meinen ersten Harry Potter Band geschenkt und mich mehrfach danach gefragt, ich hätte wohl nie angefangen, ein Kinderbuch zu lesen, das als ersten Charakter einen Bohrmaschinenvertreter einführt.

Bei den Instagram-Bücherlieblingen ist mehr Vorsicht geboten.
Zu oft lassen wir uns von hübschen Covern und gut inzeniertem Bildmaterial blenden. Viele folgen einfach einem scheinbaren Büchertrend, ohne sich wirklich mit der Qualität des Buches auseinanderzusetzen.
Um dem entgegenzuwirken sollten wir dem bisherigen Literaturgeschmack und der Zielgruppe des jeweiligen Instagrammers mehr Beachtung schenken.

PS: Wer sich jetzt fragt, was denn nun mit diesen drei Büchern („Vox“, „Simon vs. the Homo Sapiens Agenda“ und „Der Nachtzirkus“) ist, dem sei gesagt, dass ich das book-bashing an dieser Stelle verschiebe und vertrauensvoll in die Hände einer Büchernärrin lege, die hier hoffentlich bald mit ihrer eigenen Kolumne zu Wort kommen wird.
(I am looking at you!)

 Auf Instagram tauchen immer wieder akuelle Buchneuerscheinungen auf. Wer das täglich sieht, will natürlich mitreden können.
Auf Instagram tauchen immer wieder akuelle Buchneuerscheinungen auf. Wer das täglich sieht, will natürlich mitreden können.

Book-Bashing

So ein bisschen Book-Bashing (Auf deutsch so viel wie: Bücher verreißen) trägt allemal zum Unterhaltungswert bei.

Dementsprechend beginnt auch unser hochverehrter Worte-Guru und Literaturkritiker Denis Scheck seine Meisterauslese selten mit seinen Lieblingen, sondern lieber mit abschreckenden Beispielen aus der Spiegelbestsellerliste.

Spiegelbestseller – so das semantische Missverständnis, werden oft als vermeintliches best-of-books angesehen. Dabei handelt es sich lediglich um die meist verkauften Exemplare.

Zur Erfurter Herbstlese 2018 gibt Denis Scheck zum Abschied den Literaturüberblick. Die Liste ist lang und die Lust am Lesen wächst und wächst.
Zur Erfurter Herbstlese 2018 gibt Denis Scheck zum Abschied den Literaturüberblick. Die Liste ist lang und die Lust am Lesen wächst und wächst.

In seinem Book-Bash alias Bücherverriss führt Scheck Biographien auf. So z.B. von Fußball-Legende Oliver Kahn „Nummer Eins“ mit dem Knüllersatz:

Die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihr als Person zu tun.“

Außerdem nennt er gern einige Titel paradoxer Ratgeber-Romane.
„Schlank im Schlaf“ und „Jedes Kind ist hochbegabt“ tummeln sich in seiner Schund-Regal-Reihe neben Donald Trumps humorvollem Titel „Warum wir wollen, dass Sie reich werden“, den er zusammen mit Vermögensberater Robert Kiyosaki schrieb, bevor er zum Präsident der USA wurde.

Bei dem Titel und Trumps Aussage zum motivierten Größenwahn lässt es Scheck nicht bleiben, er fördert den wundervoll temporär verwirrenden Satz zutage:

Erst gestern erfuhren wir, dass drei Bergsteiger auf ihrem Weg zum Mount Everest ums Leben kamen, offenbar aus Erschöpfung, nachdem sie ihr Ziel, den Berggipfel, erreicht hatten.“

Auf ihrem Weg….nachdem…nnnaHää???

Boss-Bücher von Alphatieren

Und dann kommt der Knüller.
Da gibt es noch diesen Bushido-imitierenden Gangsterrapper Kollegah, der mit seinem, vor Maskulinität strotzenden Be-a-Boss-Buch „Das ist Alpha – Die 10 Boss-Gebote“ Männer wieder zu Männern machen möchte.

Das, was da mit Pin-Up-Bildern von Oberboss Kollegah himself daherkommt, wirkt fast schon ironisch.

So heißt es in Kollegahs Einführung:

Es ist ein selbstbewusstes MÄNNER-Buch in einer vermehrt androgyn gewordenen Gesellschaft und sowas schmeckt den verweichlichten Pressepussys selten. Drauf geschissen, ich will hier nicht everybodys Darling sein, sondern DIR helfen.

Wenn mich ein Buch schon duzt…„, erwidert Scheck kopfschüttelnd darauf. Zur Erfurter Herbstlese 2018 gibt er abermals den abschließenden Literaturüberblick für das Jahr.

Die Liste der Lektüre-Empfehlungen bei Denis Scheck ist lang. Judith Schalansky, Daniel Kehlmann, Angela Steidele und Eugen Gomringer gehören zu den Auserwählten.
Die Liste der Lektüre-Empfehlungen bei Denis Scheck ist lang. Judith Schalansky, Daniel Kehlmann, Angela Steidele und Eugen Gomringer gehören zu den Auserwählten.

Es ist wahrhaft amüsant, zuzuhören, wie der bebrillte intellektuelle Mann dort sitzt und Sätze zitiert aus einem Buch, dessen Quintessenz heißt:

Ihr seid alle Lauch.“
(Was ist eigentlich so schlimm an Lauch? In einer Quiche ist er exquisit…)

Im Großen und Ganzen brauchen wir uns jedoch laut Zeit-Online-Artikel „Spann mal an, Fridolin“ keine Sorgen zu machen, da Kollegah mit seinen 256 Seiten auch nur weichgeklopfte Kalenderspruch-Phrasen drischt und das 13jährige Zielpublikum auffordert, am Händedruck zu arbeiten und auch mal etwas gesundes zu kochen. Das ist schon okay.

Gott sei Dank gibt es bessere Bücher, denen wir uns zuwenden können. In der nächsten Ausgabe von „Lotta liest“.

4 thoughts on “Lotta liest! – Literaturtrends und Lektüre-Erlebnisse

  1. „ein Kinderbuch zu lesen, das als ersten Charakter einen Bohrmaschinenvertreter einführt“. Herrlich, Frau Nordström! Ich freue mich auf die neue Kollumne und auch auf ein zukünftiges Book Bashing.

    1. Schön, dass es dir gefällt! Die nächste Kolumne kommt ganz bestimmt, versprochen. Es gibt noch so viel zu berichten und das ein oder andere Book-Bashing wird gewiss nicht ausbleiben. 🙂

  2. Bei Comics hat man ja den Vorteil, dass man ihn sehr wohl by its cover judgen kann 🙂 (zumindest zum Teil)
    Allerdings hat man ja auch wenig Lust sich ein hässliches Buch ins Regal zu stellen, nur weil es ein Klassiker ist oder? Ich kann da aber nur fur unseren Haushalt sprechen 😀

    1. Du hast natürlich Recht. Das Auge isst mit…oder liest mit. 🙂 Im optimalen Fall kaufen wir gute Bücher, deren Verlage auch finden, dass es sich um gute Bücher handelt und dementsprechend etwas Mühe in die Covergestaltung investieren. Ich würde aber lieber ein gutes hässliches Buch im Regal stehen haben wollen als ein schlechtes schönes. Das betrifft im Übrigen auch Comics. 😉 Gibt es einen hässlichen Comic, den du empfehlen kannst?

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