Skillfully Killing Darlings: Dialoge und die Wichtigkeit guter Charaktere

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Skillfully Killing Darlings: Skillanes tödlich gute Wochenkolumne

Was macht ihn aus, den ominösen Dialog, über den alle so viele Worte verlieren?

Nun, der Akt des Schreibens erwächst aus dem Akt des Lebens. Und so ist es nicht verwunderlich, dass viele, die mit dem Schreiben beginnen, eine unglückliche Vorstellung des literarischen Dialogs haben.

Denn obgleich die überlappende Bezeichnung eine Verwandtschaft zu dem Alltagsdialog vermuten lässt, ist es dem Schreibenden zuträglich, wenn er beide unterscheiden kann.

An dieser Stelle wage ich es heute, einen Versuch der Erläuterung zu starten.

Alles läuft auf den Leser hinaus

Alltagsunterhaltungen lassen zwei Dinge missen, die jeder literarische Dialog haben sollte: Subtext und ein zielgerichtetes, sich selbst verbergendes Konstrukt.

In der Kunst spricht man von einem Fluchtpunkt, auf den alle Linien eines Bildes perspektivisch ausgerichtet sind.

Ein solcher findet sich für den Autor in der Anwesenheit des Lesers, der alle Stränge und Informationen aufnimmt, miteinander verbindet und zueinander positioniert.

In des Lesers Wissen über Vergangenheit und inneren Konflikt der Charaktere entsteht Subtext. Ihn zu manipulieren, zu überzeugen, unterrichten, unterhalten – ohne dass er es bemerkt – ist des Autors Ziel.

Der Alltagsdialog dagegen ist ohne jeden Fluchtpunkt.

Einzelne Sprecher spinnen einzelne Stränge, die wahllos nacheinander greifen. Es gibt keinen übergestellten Beobachter, keine bedeutungsschaffende Instanz, und somit ist jede Interpretation der gesprochenen Worte, die durch die Teilnehmer des Gesprächs stattfinden, eine begrenzte.

Denn es fehlen immer Informationen.

Ein literarischer Dialog ist Handlung.

Er besteht ebenso sehr aus den gesprochenen Worten, wie aus jenen, die verschwiegen werden.

Auch Gesten sind Teile eines Dialoges.

Blicke und Mimik, die Art und Weise, wie Charaktere stehen oder sitzen oder liegen oder etwas ganz Anderes tun, um sich abzulenken, während sie sprechen oder schweigen oder lauschen.

Der Autor, dem sein Ziel bekannt ist, kann all diese Aspekte nutzen, um selbigem entgegenzustreben.

Kein Wort ist vergeudet, nichts unterliegt der Willkür.

Das Ziel der Charaktere ist wichtiger, als das des Autors.

„When we look at good dialogue it becomes clear that the writer isn’t necessarily the one in control […] it’s the characters.
We have to understand that the characters enter into a scene with their own agendas.
And it’s those agendas – never my agenda – that’s important in that scene.”

Brad Reed’s Podcast: Inside Creative Writing, Episode 12: Secrets to Writing Great Dialogue

Aber Eve, ähm… Miss Skillane, M’am, ist das nicht ein Widerspruch?
Sagten Sie nicht eben, der Autor konstruiert das Geschehen und kontrolliert alles?
Und jetzt auf einmal haben die Charaktere die Zügel in der Hand?

Beruhige dich, fiktiver Leser dieses Artikels. Lass mich erklären.

Ja, der Autor hat ein Ziel. Er möchte den Leser beeinflussen. Ist er gut, dann richtet er jeden Teil seiner Erzählung darauf aus.

Doch hier wird es kompliziert.

Der Leser möchte nicht wissen, dass er manipuliert wird.

Wir, als Menschen, lernen unsere Lektionen am besten durch Emotionen. Deswegen bleiben besonders schöne oder schreckliche Momente für lange Zeit – wenn nicht immer – präsent in unseren Gedanken. Emotionen sind eine Art Übersetzungsprogramm, mit dem wir die Welt um uns herum in Bedeutungsmuster einordnen. Empfindungen steuern unsere Handlungen. Fühlen heißt Leben.

Ich wage zu behaupten, dass einer der wichtigsten Zwecke der Literatur ist,  den Leser erleben zu lassen.
Gelingt es uns, seine Emotionen anzustacheln, so ordnet er die von uns präsentierten Szenarien in sein persönliches Bedeutungsmuster ein und zieht seine Schlüsse daraus.

So lernt der Leser

Nun muss sein Gehirn davon überzeugt werden, dass es die gelesene Situation selber erlebt. Denn es ist ein stolzer, kleiner, grauer Klumpen – und es ist stur. Sobald es merkt, was wir zu tun versuchen, lässt es sich nicht länger darauf ein.

Deswegen ist es wichtig, möglichst lebensechte Charaktere zu Wort kommen zu lassen, an deren emotionale Gefühlswelt das Lesergehirn anknüpfen kann. Denn dem Autor, diesem hochnäsigen Manipulator, der behauptet, etwas lehren zu können, wird es sich nicht freiwillig unterordnen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Erkennt der Leser, dass der Autor spricht, so wird er sich nicht auf ihn einlassen. Sind es die Charaktere – die, anders als der Autor, den Leser nicht sehen und ihn somit nicht unterrichten wollen – so fühlt der Leser sich unbeobachtet und lässt sich fallen.

Wie also schreiben wir einen Dialog, den die Charaktere steuern?

Ein guter Dialog besteht niemals aus purer Reaktion.

Sprechende Charaktere haben stets ein eigenes Ziel, eine eigene Intention. Diese kann von Szene zu Szene, manchmal gar von Satz zu Satz variieren – doch sie ist immer vorhanden und der Autor muss sich ihrer stets bewusst sein. Charaktere nehmen die Aussage des Gegenübers auf und formen sie im Lichte der eigenen Sichtweise, des eigenen Wissens und der persönlichen Prioritäten um. Sie betten gesprochene Worte in die eigenen Gedanken ein und nutzen sie, um die eigene Agenda voranzutreiben.

Obwohl ein Thema die Unterhaltung zusammenschnürt, legen die Charaktere ihren persönlichen Fokus auf Teilaspekte, auf eigene, vielleicht verborgene Wahrheiten und so kommt es, dass innerhalb eines einzigen Sachverhaltes Spannung entsteht.

Man könne behaupten, ein literarischer Dialog besteht aus zwei aneinander umrankenden Monologen, die sich unter dem Deckmantel der gemeinsamen Thematik zu verbergen suchen. Wenn man Extreme mag, zumindest.

Ein Beispiel: Stand by Me

Erlaubt mir dies an dem Beispiel eines Dialoges aus dem Film “Stand by Me” zu verdeutlichen.

Chris: “Hast du dich schon auf die Schule vorbereitet? […] Oberschule… du weißt, was das bedeutet? Ab nächsten Juni sind wir alle getrennt.“
Gordie: “Wovon redest du, warum soll das passieren?”
Chris: “[…] Du wirst in deine Collegekurse gehen und ich, Teddy und Verne sitzen in den Werkstattkursen mit dem Rest von den Beschränkten und basteln Aschenbecher und Vogelhäuser. Du wirst ’ne Menge neue Jungs kennenlernen. Smarte Jungs.“
Gordie: „’ne Menge Schwächlinge meinst du wohl.“
Chris: „Nein, man. Sag das nicht, das darfst du nicht mal denken.“
Gordie: „Ich lass mich doch nicht mit ’nem Haufen Schwächlingen ein.“
Chris: „Dann bist du ’n Blödmann.“
Gordie: „Wieso bin ich ’n Blödmann, wenn ich mit meinen Freunden zusammen sein will?“
Chris: „Du bist ’n Blödmann, wenn deine Freunde dich runterziehen. Wenn du weiter mit uns rumhängst bist du noch so’n Schlauberger mit Scheiße im Hirn. […] Du könntest eines Tages ’n richtiger Schriftsteller sein, Gordie.“

Gordie: „Scheiß auf Schreiben. Ich will kein Schriftsteller sein. Das ist dumm, das ist ’ne dumme Zeitverschwendung.“
Chris: „So spricht dein Vater.“
Gordie: „Blöder Quatsch.“
Chris: „Blöde Wahrheit. Ich weiß was dein Daddy dir gegenüber empfindet. Er gibt einen Dreck um dich. Danny war der um den er sich gekümmert hat und versuch nicht, mir was Anderes zu erzählen. Du bist einfach noch ’n Kind, Gordie.“
Gordie: „Ai toll, danke Dad.“
Chris: „Zum Teufel, ich wünschte ich wär‘ dein Dad. Du würdest nicht rumlaufen und sagen, dass du diese dummen Werkstattkurse nehmen willst, wenn ich’s wäre. Es ist als ob Gott dir was gegeben hätte, Mensch. All diese Geschichten die du erfinden kannst. Und als ob er gesagt hätte: das ist für dich, Junge, versuch es nicht zu verlieren. Aber Kinder verlieren alles, wenn nicht jemand da ist, der auf sie aufpasst. Und wenn deine Eltern dazu zu bescheuert sind, dann muss ich es vielleicht tun.“

 

Stand by Me
Regie: Rob Reiner
Basierend auf einer Geschichte von Stephen King

Was genau passiert hier?

Chris und Gordie sprechen darüber, wie ihre weitere Schullaufbahn nach dem Ende der Ferien verlaufen wird. Man könnte vereinfacht sagen, dies ist das singuläre Thema der Unterhaltung.

Doch ist dies tatsächlich der Fall?

Sind wir unserer Aufgabe als aufmerksamer – und womöglich wiederkehrender – Zuschauer ordentlich nachgekommen, dann haben wir Informationen, die in dem Dialog selber nicht gegeben werden.

Wir waren Zeuge, wie Gordie von seinem Vater behandelt wird.
Wir wissen um den Tod seines Bruders und Art und Weise, wie selbiger Gordies Familie erschüttert hat.
Haben wir den Film öfter gesehen so haben wir auch Chris‘ spätere Ausführungen im Kopf, in welchen er darüber spricht, wie er selber chancenlos ist, da er aus einer Familie mit einem schlechten Ruf stammt und wie sehr er darunter leidet.

In diesem Fall wissen wir mehr, als Gordie an dieser Stelle weiß, wodurch der Dialogteil von Chris eine neue Bedeutungsebene erhält – wir erkennen den Subtext.

Einbindung von Hintergrundinformationen

All diese Informationen über die Charaktere erlauben es uns, zu erkennen, dass hier zwei verschiedene Unterhaltungen geführt werden, die sich aus den Charakterintentionen ergeben – Gordie spricht von seiner Angst vor weiteren Verlusten, über seine Sehnsucht nach der Zuneigung seines Vaters, aufgrund derer er dessen Sichtweise übernimmt. Er verfolgt das Ziel, den Zustand der Freundschaft zu bewahren und eine Person zu sein, die sein Vater schätzen kann. Chris dagegen spricht von den Chancen, die Gordie durch sein Schreibtalent eröffnet werden; seine Intention ist es, diesen davon abzuhalten, selbiges zu vergeuden. Chris‘ Sichtweise ist gefärbt von der eigenen Chancenlosigkeit – er ist es, der das Thema der Schule anspricht, weil er ahnt, in welche Richtung sich Gordies Gedanken ausrichten und diese adressieren möchte.

Diese beiden Sichtweisen finden ihren Platz in der Unterhaltung und das Thema wird zu einem Konflikt. Keine Reaktion ist ohne eigene Zielstrebigkeit, kein Wort wird nur um des Wortes willen gesprochen – jedes einzige ist ein Werkzeug, das eingesetzt wird, um eine Intention zu verfolgen. Der Dialog ist schnell, spannend und interessant.

Eine kleine Schreibübung

Ich möchte zum Abschluss dazu einladen, eine etwas extreme Schreibübung zu vollziehen.

Anstatt einen Dialog aus der Zielstrebigkeit der Autorenperspektive herauszuschreiben, wähle ein Thema und zwei Charaktere aus und lasse sie – in Dialogform – zwei Monologe zu dem Thema ausführen, die sich aneinander orientieren. Gib jedem von ihnen eine klare Intention und versetze dich in ihre Gedankenwelt herein, überlege, wie sie mit ihren Mitteln und ihrer Erfahrung dieses Ziel im Rahmen des Dialogs am besten erreichen können. Manchmal bedeutet das auch, dass sie schweigen oder lügen, schreien oder aber auf andere Weise handeln.

Lass sie so richtig tief in ihrer eigenen Sichtweise versinken. Jede Aussage des anderen wird im Lichte des eigenen Wissens und des eigenen Zieles gewertet und ausgelegt.

Ich behaupte, dass jeder Dialog auf diese Weise schnell an Fahrt aufnehmen kann.  

Und als Abschluss: Ein kleiner Horrorladen

Ein guter Dialog ist knapp und präzise. Er strebt an, Emotionen zu vermitteln.
Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Rahmen eines Musicalsongs für einen solchen sehr fruchtbarer Boden ist. Die Zeit ist knapp bemessen, der Takt teilt die Worte in klare Abschnitte ein. Es gibt keinen Raum für unnützes, denn Geschwindigkeit ist ein essenzieller Teil des Erfolges.
Darüber hinaus schafft die Musik eine weitere Grundlage für emotionale Anteilnahme.
Und so bleibe ich auch in meiner Musikempfehlung heute dem Thema treu.

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