Skillfully Killing Buchmessendarlings: Häkchen, macht Laut!

Natürlich wusste ich, was mich erwartet.

Habe ich meine erste Buchmesse nicht bereits im Jahre 2018 in Frankfurt gemeistert, voller Eifer, mit Plan und Nahrung und einem Rucksack voller Naivität?

Doch das hier, das war etwas Neues.

Ein Bericht ohne viele Fakten, doch geschürt von Begeisterung. Auf einzelne Vorträge werde ich in gesonderten Artikeln eingehen; an dieser Stelle ist es mir lediglich ein Anliegen, meiner Freude über diese vier Tage Raum zu geben.
Frau Vorragend hat den ersten Schritt getan und bereits von ihrer Erfahrung berichtet. Und letztes Jahr war es unsere werte Karlotta, die die Buchmesse zusammenschnürte und in ein, zwei wunderschöne Artikel der Außenwelt darreichte. Sie war es auch, die dieses Jahr mit Feuereifer den Trommelwirbel vorbereitete. (Eins und zwei)
Jetzt bin ich dran.

Eve und die Buchmesse: Köchelnd in der Glashalle.

Was viele nicht wissen, ist folgendes: wenn du einmal das Gelände der Leipziger Buchmesse betrittst, dann verpuffst du in einem kleinen Nebel aus Buchstaub und wirst sofort vermengt mit all den anderen kleinen Buchstaubnebeln.

Es gibt kein Du mehr.

Es gibt nur noch eine reizabsorbierende Plasmawolke
(in meinem Fall mit Brille)
die eins mit der Welt wird – mit der Welt des Buches.

Verlage. Vorträge. Knoppers.
Treppe rauf, Treppe runter, Treppe rauf, Treppe runter.
COSPLAY.
Treppe rauf, Bretzel, Kaffee, stehen, sitzen, liegen.
Im Badezimmer abgefülltes Wasser.
Autoren. Bücher. Sprache. Wissen.

KAFFEE!

Und Menschen. Unmengen und Unmengen an Menschen.

Auf der Frankfurter Buchmesse, die ja meine erste war, schwebte ich noch schüchtern meinen beiden Kollegen Karlotta und Frau Vorragend hinterher – zwei Plasmawolken mit riesigen Augen, die ein permanentes Wonnepiepen von sich gaben.

Sie haben mich inspiriert.

Und so, liebe Leserinnen und Leser, zog die tapfere Eve diesmal größtenteils alleine los. Bewaffnet mit einem penibel zusammengetragenen Kalender, einem Rucksack und dem Wunsch, das eigene Gehirn gnadenlos zu überfordern. Sie zog von dannen und ward – in dramatischer Übertreibung – nie wieder gesehen.

Die Gier nach Wissen

Mich lüstete es nach Informationen.

Ein williges, neugieriges Kind in einer Welt, die ich mir zu eigen machen wollte.
Und so sah auch mein Plan aus.
Ich besuchte Vorträge über Verlagsverträge, Lesungsgestaltung und das leidige Thema des Geldes.
Über die moderne Diskussionskultur, Aspekte des Selfpublishings und Schreibtipps.
Letztere jedoch waren eher spärlich gesät, so hat mich gleich am ersten Tag der Vortrag über „Bauchschreiber oder Plotter“ eher mäßig informiert und seine abschreckende Wirkung entfaltet. Schließlich wurde hier oberflächlich behandelt, was meine werte Frau Vorragend schon perfekt in ihrem Artikel „Gärtner und Architekten“ zusammengefasst hatte.
Die Texthäkchen – Meister der eigenen Bedürfnisbefriedigung!

Und so wandte ich mich lieber gänzlich neuen Themen zu. 

Die Stimmen der Sprechenden waren stets begleitet von dem Kratzen eines eifrigen Kugelschreibers, der das Papier kaum verließ.

Iris Kirberg, Leiterin Marketing und Vertrieb, BoD

Ich wurde unterrichtet in Sachen Honorar von Zoe Beck und Titus Müller; Nina George gab Einblicke in diplomatische Twitterdiskussionen und Tobias Kiwitt umriss in prägnanten Worten die Realität eines Verlagsvertrages.
Iris Kirberg gab massig Informationen zum Thema der Autorenmarke und auch Vera Nentwich erweiterte mein Verständnis darüber, was eine lebendige Lesung ausmacht. Ihre Worte waren:
Wenn Sie es machen, dann machen Sie es richtig“ – keine halben Sachen, kein Rückzug in letzter Minute, keine falsche Bescheiden- oder Schüchternheit. Wie wahr.

Promis, Legenden und Cosplayer

Ah, die Buchmesse wäre nichts als Reihen leerer Regale und ungelesener Bücher, wären die Menschen nicht.

Und ihrer habe ich viele gesehen.

Es gab Lesende, Lehrende, Labernde und Legenden.
Ich hörte altvertraute Stimmen, wie das leicht näselnde Humorgeplapper von Bela B. oder den immer seicht sarkastisch anmutenden Redefluss von Ralph Caspers. Auch hörte ich neue Stimmen, vornehmlich von beeindruckenden Menschen, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen in der Buchbranche – und in der Welt – mit mir und den anderen Lauschenden teilten.
Besondere Freude – beinahe kindlich naiv und ein wenig beängstigend – erfuhr ich bei der Begegnung mit den Massen an Cosplayern.

Bela B. im Interview bei der Leipziger Volkszeitung

Ich sah Menschen, deren Begeisterung für ein literarisches Werk, einen Film oder ein Spiel derartig groß ist, dass sie für einen Tag in Kleidung und Wesen einzelner Figuren verschwinden.
Oh, und was waren das für liebevoll gestaltete Kostüme.

Nachdem ich meine Scheu verloren hatte, ging ich auf einzelne von ihnen zu und erbat Erlaubnis, mich mit ihnen zu fotografieren.
Und dieser aufrichtig menschliche Moment – dieses „Ich schätze deine Arbeit und ich teile deine Liebe“ – hat fast ausschließlich Freude und angenehme Interaktionen erzeugt.

Nun, bis auf einen sehr miesepetrigen Pennywise, der wütend in sein Handy stierte und den Kopf schüttelte, als ich um ein Foto bat.

Sein starrer Blick verfolgt mich noch heute.

dav
Beetlejuice, Beetlejuice, Beetlejuice

Und die Häkchen trafen auf die Chatadias

Und natürlich trafen die Häkchen sich wieder.
Für gewöhnlich warf ich ein „Häkchen, mach Laut“ in die Weiten des WhatsApp-Chats, woraufhin die beiden anderen eloquent zu antworteten wussten. Da erklangen Laute wie “ Mieps!“ und „Müüh!“. Autorenlaute eben.
Und so fanden wir uns wieder.

Und dann fanden wir die Chatadias.

Dies war ein herbeigesehnter Moment.
Die Chatadias sind eine Gruppe von Menschen, deren größte Gemeinsamkeit das Schreiben ist, bunt zusammengewürfelt und jede Logik sprengend. Herzlich, begeistert und interessant.
Wir kannten einander nur aus Erzählungen unseres Bindeglieds – Frau Vorragend, Texthäkchen und Chatadia zugleich. Und so war es etwas unwirklich, dieser Moment, als die Legenden endlich Gesichter bekamen, mit Stimmen sprachen und Trinkgewohnheiten an den Tag legten. Im Noel’s – einem Irish Pub mit rustikalem Flair – pressten wir uns in eine Ecke und begannen bunte Gespräche bis tief in die Nacht.
Oder, in unserem Fall, bis die letzte angenehme Bahn nach Halle fuhr.

Denn natürlich, Streber, die wir sind, wollten wir am nächsten Tag wieder zeitig im Sud der Messe verschwimmen.

Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht die letzte Begegnung dieser beiden legendären Gruppen war.

Ende Gelände

Als ich am Ende das Gelände verließ, ein kleines, mit Wissen und Eindrücken vollgesogenes Plasmawölkchen, aus dem sich langsam aber sicher wieder sowas wie ein Mensch formte, reflektierte ich die letzten Tage.

Es war viel. Wahnsinnig viel. Um die Tätigkeit des Schreibens rankt sich – natürlich – eine gigantische Industrie, gespickt mit Marketingstrategien und Amateurfettnäpfchen, die es zu erlernen und vermeiden gilt. Auch dieser Teil ist wahnsinnig wichtig, denn er ist ein großer Aspekt des schriftschaffenden Erfolges. Ich nähere mich selbigem langsam an.

Doch außerhalb des Tohuwabohus merke ich, dass ich mich nicht zu sehr in selbigem verlieren möchte – denn mein Fokus liegt weiterhin auf dem Schreiben.
Ohne Buch kein Vertrag, kein Marketing, keine Industrie.

Man sagt, Professionalität eines Schreibenden bedeutet, dass er jeden Tag schreibt.
Jeden Tag.
Ein Stephen King setzt sich hin und schreibt seine 6 Seiten – jeden Tag.

Für unsereins kommt der Alltag dazwischen.

Doch es ist berauschend, wenn dieser Alltag zur Leipziger Buchmesse wird.

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