Zerstückelung, Vulven und Bühnenbomben
Lottas Leipziger Buchmesse 2019

Klar, für viele ist die Leipziger Buchmesse die einzige Möglichkeit im Jahr, um ausgelassen Cosplaykostüme zu beobachten (Mama, I’m looking at you!).
Für mich ist sie inzwischen zum größten Diskussions-Motor der Literaturszene geworden. Hier heizt die hohe Diskurs-Dichte die Hallen tüchtig auf und jeder findet sein Thema.
Dauertalkshow Buchmesse – der Literatur-Brennpunkt im März.

Was sagt Feridun Zaimouglu – Autor des Romans „Die Geschichte der Frau“ – zur Zerstückelung der Männer? Was passiert im Comic „Da unten – über Vulven und Sexualität“? Wie wird Poetry Slammerin Daniela Sepheri zur Bühnenbombe?
All das erfahrt ihr in Karlotta Nordströms Bericht zur Leipziger Buchmesse 2019.

Wo ist Waldo? Die aufgeheizte Glashalle des Leipziger Messegeländes wirkt wie ein Wimmelbild.

In vier Tagen Buchmesse mit Programmpunkten von 10-18 Uhr lassen sich so viele Eindrücke sammeln wie sonst nur auf Reisen. (Siehe dazu auch: Lottas Leipziger Buchmesse 2018)
Die Buchmesse ist eine solche Kulturreise.
Sie ist ein Fest der Sinne: ein loderndes Trommelfeuer, ein berauschendes Parfum, eine köstliche Offenbarung, eine übergroße Lupe und manchmal auch ein fester Schlag auf den Hinterkopf.
Und dieser Schag wird dringend benötigt.

Buchmesse als Pflichtveranstaltung?

Meine Schwägerin, die Lehrerin für Mathematik und Biologie ist, fragte mich unlängst:
Warum ist die Leipziger Buchmesse eigentlich eine Pflichtveranstaltung für Oberstufenschüler?

Klar, dass jemand wie ich Fan der Buchmesse ist, steht außer Frage. Aber warum sollten die Menschen, die keine Literaturwissenschaft rules!-Tassen besitzen und Goethes Werther keine 3 Trilltassionen Mal gelesen haben sich für so etwas wie die Leipziger Buchmesse interessieren?
Was kann man da schon tun, außer Bücher anschauen und sich mit Cosplayern fotografieren lassen?

Meine Antwort darauf? Denken lernen!
Etwas, das gerade in Schulen deutlich vehementer gefördert werden sollte.
Oft wird behauptet, Naturwissenschaften seien um ein Vielfaches relevanter als die schöngeistigen Künste, weil sie eindeutiger und beweisbarer wären. Meines Erachtens ist dies eine ziemlich reaktionäre Einstellung (das Universum, der menschliche Körper und selbst Zahlen stecken voller Widersprüche). Aber davon mal abgesehen, ist es nicht furchtbar, dass wir von klein auf lernen, dass es immer nur eine richtige Antwort geben darf?
Es heißt entweder, oder.
Entweder Mann oder Frau.
Entweder richtig oder falsch.
Entweder für mich oder gegen mich.

John Keating, der bekannteste aller Englischlehrer in Nancy H. Kleinbaums „Club der toten Dichter“ äußert sich zur Relevanz der Literatur wie folgt:

„Wir lesen und schreiben Gedichte nicht nur so zum Spaß. Wir lesen und schreiben Gedichte, weil wir zur Spezies Mensch zählen, und die Spezies Mensch ist von Leidenschaft erfüllt; und Medizin, Jura, Wirtschaft und Technik sind zwar durchaus edle Ziele und auch notwendig; aber Poesie, Schönheit, Romantik, Liebe sind die Freuden unseres Lebens.“

Lest Bücher Leute, lest doch, lest!

Literaturkritiker Denis Scheck - wie immer souverän mit seiner "Best of druckfrisch"- Show. Zu seinen Favoriten gehören unter anderem Saša Stanišics "Herkunft" und Judith Kerrs Kinderbuch "The Tiger who came to tea"

Der ARD Literaturkritiker und ständiger Buchmessen-Gast Denis Scheck bringt noch ein weiteres Argument ein, indem er abermals eine Lanze für die Lyrik bricht.

Dort, wo ein Regenschirm zum Stock im Petticoat wird (Arno Schmidt) und ein Mann so kahl geworden ist, dass man seine Gedanken sehen kann (In: Wagner, Jan u. Italiano, Federico (Hrsg.): Grand Tour – Reisen durch die junge Lyrik Europas“), dort fängt echte Wahrnehmung an.
Scheck sagt:

„Lyrik weitet unseren Blick. Sie bringt uns auf neue Gedanken.“

Deshalb ist „Grand Tour“ für ihn auch „das Buch, das bleiben wird.“

Scheck stellt bei seinem „best oft druckfrisch“-Konzept gerne Bücher vor, die anders sind. So wie Judith Schalanskys „Verzeichnis einiger Verluste“ (schwarze Zeichnungen auf schwarzem Grund) oder Saša Stanišics „Herkunft“ (Eine Art Autobiografie im Black Mirror Bandersnatch-Format).

Eine Poetry-Slammerin am Arte-Stand bringt ihre Wut über das Unverständnis, den Fremdenhass und die Dummheit der Menschen mit folgender Zeile zum Ausdruck:

Lest Bücher Leute, lest doch, lest! Bevor euch euer Geist verwest!

Sie klingt fast hilflos dabei.
Es ist ein Satz, der dem Wake-Up Slam noch eine andere Note verpasst.
Wann wacht ihr endlich auf?
Wann fangt ihr an, euch zu hinterfragen?

Der Wake-up Slam am Arte-Stand ist so für mich wie der Kaffee am Morgen – ein unumgängliches Mittel, um in den Tag zu starten. Die KünstlerInnen geben hier die Gelegenheit, das Hirn anzuschalten, mitzugehen, mitzuhören, mitzudenken. Die ersten Themen des Tages werden auf den Tisch geknallt wie Tageszeitungen.
Themen wie Sprache, Goethe, Frauen, Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung, tote Fische und die Vorzüge von Chicoree tauchen auf.

Bühnenbombe

Und dann kommt sie. Daniela Sepheri.
Wer behauptet, Poetry Slam wäre zum Comedy-Trash der Kleinkunstszene verkommen, hat ihre Texte noch nicht gehört.

Als Sepheri auf die Bühne tritt, schaut sie scheu in die Runde, erzählt dann von ihrem iranstämmigen Vater und dessen afghanischer Freundin, die als Inspiration für ihren Text diente.

Dann geht es los. Sanft zunächst.
Ein Mädchen wird mit 14 Jahren verheiratet. Zack! Mann, Kind, Kind, Kind – überraschenderweise ist sie glücklich. Nur Familie, keine Bildung, aber ist das so schlimm? Sie liebt ihre Kinder, ihren Mann, was gibt es daran auszusetzen?

Dann schlägt eine Bombe auf dem Spielplatz vor ihrer Haustür ein und vor uns explodieren Sepheris Worte in der Luft. Sie schreit, sie stampft und selbst vorbeilaufende Messebesucher halten den Atem an.
Nach Sepheris Text habe ich Tränen in den Augen.

Ähnlich ergeht es mir beim Text der HTWK-Slam-Gewinnern, die über beschnittene Mädchen spricht.

Daniela Sepheri ist zusammen mit Maxime Schuhmann der beste Auftritt des diesjährigen Arte-Wake-Up Sams.

Please slam me hard!

Jan Philipp Zymny erzählt wie sein Opa die Gartenlaube abreißen wollte
Maik Martschinkowsky liest aus seinem Buch "Die Welt kann ein Lächeln verändern"
Christian Ritter präsentiert Geschichten aus seinem Buch "Birgit und Berlin"

Jedes Texthäkchen hat so seine Favoriten auf der Buchmesse.
(Siehe dazu die Buchmessenberichte meiner Häkchenkollegen Eve Skillane und Frau Vorragend)
Meine waren, sind und bleiben immer die Poetry-SlammerInnen.
Mittlerweile habe ich selbst einen kleinen Insider-Blick dazu gewonnen und weiß, bei wem es sich lohnt, stehenzubleiben.

Eine Bühne, die nie verkehrt ist, ist die der Leseinsel der jungen Verlage. Hier versammelt sich die Crème de la Crème des intellektuellen humorvollen Wortes. Andy Strauß, Mich-El Goehre, Christian Ritter, Jan Philipp Zymny und Maik Martschinkowsky lesen aus ihren Werken vor und verursachen Menschenstau in Halle 5.

André Herrmann - Autor, Vorleser, Comdedian und Endgegener (li.) im Gespräch mit Jürgen Kasek (re.).

Doch auch am Theater der jungen Welt ist dieses Jahr ein Star zu Gast:
André Herrmann, mir bekannt als Mitglied des Teams Totale Zerstörung (mittlerweile: Team Totale Zerredung) mit Julius Fischer, sitzt dort im Gespräch mit Jürgen Kasek (Rechtsanwalt der guten Sorte). Sie reden im Kumpelmodus über #FridaysforFuture, Nazis in Dessau und Familienanekdoten, die mehr als politisch sind.

In seinem Buch „Platzwechsel“ (Zitat Herrmann: „Ich habe ein Buch geschrieben. Es ist sehr gut.“) legt Herrmann all die kleinen Vorurteile, die wir im Alltag hören, auf den Tisch und reagiert mit Witz und Ironie auf eine Welt, die dafür taub geworden ist.
In meiner Familie wird viel geschrien. Sie schreien so viel, um sich Gehör zu verschaffen. Davon sind alle taub geworden und keiner hört mehr richtig. Deshalb schreien sie noch lauter.
Es ist ein Teufelskreis.

Exkurse zu Houllebecq und Sensitivity Reading

Das Besondere an der Buchmesse ist nicht nur der ständige Input, sondern die daran angelegten, gelebten Diskussionen.

Ein Beispiel: Obwohl ich noch kein einziges Werk des französischen Berufsprovokateurs Houllebecq gelesen habe (Meine Infos dazu beziehe ich noch ausschließlich von Jason Bartsch, Denis Scheck und den ZEIT-Redakteuren) konnte ich mit meiner Freundin und einem alten Schulfreund rege darüber diskutieren.  Pro Houllebecq. Contro Houllebecq. Allein sein Name scheint mir eine einzige Provokation – jedes mal, wenn ich ihn schreiben muss (Meine Mama nennt ihn Hölleböck).

Eine recht schwache Präsentation dreier „Sensitivity Reading“- Mitglieder zum Thema own voice führte ebenfalls zu anregenden Auseinandersetzungen mit meiner Freundin, meinem Mann und Frau Vorragend (Artikel is coming?). Darf ich eigentlich über Minderheiten schreiben, wenn ich nicht zu einer solchen gehöre?

Das ist eure Vulvina

Und wie schon 2018 ist das Thema Frauen noch immer allgegenwärtig.
Ein Vortrag zum Thema „da unten – über Vulven und Sexualität“ hinterlässt bei mir einen bleibenden Eindruck.
Dank meiner Freundin #Yulidala, von Haus aus Leseratte und Frauenkämpferin, bin ich ziemlich gut im Bilde, was Bodyshaming und mangelnde Sexualerziehung bei Mädchen angeht.

Wusstet ihr z.B., dass die Vulva etwas anderes ist als die Vagina und dass sie auch Vulvina genannt wird? Dass Mädchen da unten zwei Öffnungen haben (eine ist für Pipi!) und dass jede Menstruierende im Jahr 350 Tampons und Binden verbraucht?

Alica Leuger erzählt von den Problemen, die besonders junge Mädchen haben, wenn es um Sexualität geht. Der weibliche Körper bleibt oft Tabu-Thema.

Alica, Autorin und Zeichnerin des Comicbuchs „da unten“ (Unrast-Verlag), leistet Aufklärungsarbeit. Ihr geht es um dieses Bildungsdefizit, das viele Gesichter hat.

Sie erzählt von der kaum erforschten Erkrankung Endometriose.  Von Frauen, die während der Menstruation maximal Zeitungspapier verwenden können. Von dem Bereich des weiblichen Körpers, der wortwörtlich Scham ist.  Vom Jungfernhäutchen, das „wie eine Saftpackung“ behandelt wird („Einmal gerissen, wird der Saft schneller schlecht“). Und von Unschuld, die „verloren geht“ als hätte man nicht richtig darauf aufgepasst.

Die Zerstückelung der Männer

Wenn Feridun Zaimoglu liest, hat man das Gefühl, in flauschige Kissen zu fallen. Er sagt "Jede Geschichte hat ihre eigene Sprache."

Das Thema Frauen begegnet mir noch auf einer anderen Diskussionsebene.
So bin ich mehr als begeistert, dass ich dem türkischstämmigen Autor Feridun Zaimoglu bei seinen Ausführungen lauschen durfte. In meinem Literaturwissenschaftsseminar „Literatur und Migration“ begegnete er mir noch mit seinem Werk „Kanak Sprak“. Heute sitzt er als preisgekrönter und erneut für den Buchmessepreis nominierter Autor von „Die Geschichte der Frau“ in der LVZ-Arena.

In seinem Roman geht um 10 Geschichten über 10 individuelle Schicksale von 10 Frauen. Diese sind teils fiktiv (Lorely, Brunhilde), teils realhistorisch (Valerie Solanas).

Dass Zaimoglu oft darauf angesprochen wird, warum er als Mann über Frauen schreibt, ist ihm unverständlich.

Ich schreibe doch nicht als Mann. Das wäre ja bescheuert.“

Wer Literatur verfasst, muss mit sich selbst brechen können, sagt er. Seine Identität zurückzulassen ist notwendig, um sich – ähnlich wie beim Method Acting – voll und ganz auf die Figuren einzulassen, die man zum Leben erwecken will.
Ein Argument, das im Diskurs um own voices und sensitivity reading durchaus eine wichtige Rolle spielen wird.

Zaimoglu nimmt gerne die Perspektiven Vernachlässigter ein. Dort, wo Frauen dazu dienen, den Helden voranzubringen und Leerstellen bleiben, will er diese füllen.

Auf den Titel des Manifests „Die Zerstückelung der Männer“ seiner Figur Valerie Solanas, die für ihr Attentat auf den Künstler Andy Warhol bekannt wurde,  reagiert er wie ein kleiner Schuljunge.
Das ist doch witzig.“, grinst er.

Zaimoglu steht nicht für die Sache der Frauen oder Männer. Er steht für sich selbst. Und seine Figuren. Er ist Sprach-Ästhet, hält nichts von Sternchensprache („Das sieht nicht gut aus.“) und sieht sich doch als Verfechter der Sichtbarmachung der Frauen in der Literatur. Er ist kein entweder, oder.

Die Leipziger Buchmesse steht für Weltoffenheit. Im Jahr 2020 soll es zum ersten Mal kein bestimmtes Gastland geben.

Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen

Die Buchmesse ist ein Ort, wo Unterhaltung, Information und unterschiedliche Standpunkte zusammentreffen. Egal ob bei Bela B., Nora Gomringer oder bei der Lichtschwertshow in der Animehalle – überall sehe ich freudige Gesichter. Überall wird geredet, gelesen und hoffentlich auch nachgedacht.

Denn wo bekommt man sonst all die Themen von Diversity und Toleranz bis Meinungsfreiheit und Umweltschutz auf einmal geboten und kann sich hinterher noch ein Buch und einen frischen Orangensaft dazu besorgen?

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