Das einsame Leben von Autor*innen

Wir haben wohl alle ein bestimmtes Bild von Schriftschaffenden: ein Arbeitszimmer. Ein knarzender Stuhl vor einem dunklen, hochglänzenden Sekretär. Eine schwarze, altmodische Schreibmaschine, die am Ende jeder Zeile ein lautes ‚Ping‘ von sich gibt. Verhangene Fenster, schwerer Pfeifenrauch, der nach Vanille duftet und ein Glas Rotwein neben den handschriftlichen Notizen.

So in etwa könnte eine romantische Darstellung aussehen.

Aber mit der Wirklichkeit hat sie nichts mehr gemein. Heute sind Autor*innen kleine Unternehmen, die einen Beschäftigtenstab benötigen. Und das auch schon während des Schreibprozesses.

Autor*innen sind Rudeltiere

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Klar ist: die Tätigkeit, die Worte der eigenen Geschichte auf das digitale Papier, ist immer noch die Aufgabe von den Schriftschaffenden. Wir sprechen so oft vom eigenen Stil der Autor*innen. Dieser ist Alleinstellungsmerkmal. Die Kunst für bestimmte Ausdrücke neue zu finden und ganze Absätze zu kreieren, die eine*n Leser*in innehalten lassen, das ist das, wofür die meisten von uns leben, wenn sie lesen. Neben einer guten und spannenden Geschichte.

Dies bleibt noch die Hauptaufgabe.

Aber der Prozess ist nicht mehr so einsam, wie angenommen.

Bereits beim Plotten kann man sich Unterstützung holen. Du weißt nicht, wie du diesen kleinen Nebenkonflikt lösen kannst? Bevor du dir den Kopf zermarterst, kannst du einfach deine Schreibfreund*innen ins Boot holen und euch gemeinsam ins Grübeln bringen. Eine rettende Idee kommt oft mit einem frischen Blick von außen.

Du kennst dich nicht aus mit Wetterphänomenen/Computerhacking-Skills/Schwertkampftraining? Das tun wohl die wenigsten von uns. Aber es gibt für alles Expert*innen. Tritt in Kontakt mit ihnen und lass dir Dinge während deiner Recherchephase von Leuten erklären, die sich mit dem Thema auskennen und sich lange damit beschäftigt haben. Profitiere hier vom Wissen anderer. 

Vermisstenanzeige: Motivation

Das altbekannte Problem aller Autor*innen, gerade am Beginn, ist das Durchhaltevermögen. Das Aufbringen von Motivation, auch über die ungeliebte Mitte einer Geschichte hinwegzuschreiben. Etwas zu Ende zu bringen. So versauern in den Schubladen vieler Schreibenden gescheiterte Geschichten, die es zu lesen wert gewesen wäre.

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Meiner Erfahrung nach hilft es da eine Schar von Gleichgesinnten um sich zu versammeln, die das gleiche Schicksal teilen und Problem haben. Suchen kann man diese Menschen an vielen Orten: Schreibforen, Buch- und Autorenmessen, LitCamps, Lesebühnen oder wie im Fall der Texthäkchen – einfach auf einer Party.

Wenn man diese dann einmal gefunden und liebgewonnen hat, hat man eine wichtige Zutat für das Erfolgsrezept erhalten, damit man durchhalten kann.

Um dieses verdammte Buch endlich zu Ende zu schreiben.

Dabei kann man auf ganz unterschiedliche Art und Weise vorgehen. Schreibtreffen, bei denen man gemeinsam an einem Ort sitzt und jeder am eigenen Projekt arbeitet (geht auch virtuell sehr gut, denn ein Chat ist ja auch ein Ort), Wettbewerbe auf die man gemeinsam hinarbeitet, Events wie Lesungen (sehr motivierend, das kann ich euch sagen!) und, selbst gesetzte Challenges.

Aktuell bestreiten Eve und ich eine Challenge und die regelmäßigen Deadlines helfen enorm, sich abends hinzusetzen um dieses versprochene Kapitel fertig zu schreiben.

Das Skript ist durch. Und nun?

Wenn man erstmal das magische Wort „ENDE“ unter den ersten Entwurf geschrieben hat und man sich kurz daran erfreut hat, beginnt meistens die richtige Arbeit. Aber ein großer Meilenstein ist erreicht worden.
Es folgt die Überarbeitung und die schaffen die wenigsten alleine.
Betriebsblindheit.
Als Verfasser*in der Geschichte ist es schwer, die Logikfehler zu erkennen, eventuelle Plotholes zu füllen und merkwürdig anmutende Sätze umzustellen. Dafür müsste die Geschichte mehrere Jahre unangetastet in einer Schublade liegen, bis sie einem so fremd vorkommt, dass man sie zum ersten Mal liest.
Einfacher geht es dann mit Alpha-, Beta- und Testleser*innen.

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Alphas lesen dabei den ersten Entwurf (und sollten sich auf schriftstellerische Abgründe gefasst machen), Betas dann die Überarbeitung und die Testleser*innen das fertige Produkt.
Diese Kritiken helfen dann die Längen aus dem Buch zu bekommen, liefern neue Anreize für die Figuren und und und. Eine gute Auswahl ist jedoch elementar.
Zum einen brauchen Alphas und Betas eine gewisse Expertise, dürfen sich nicht scheuen, Kritik zu äußern, sollten aber nicht vernichtend urteilen, den Stil berücksichtigen, Genrekonventionen kennen und bewandert in Grammatik und Interpunktion sein. Eine gute Auswahl ist da wichtig, und meistens fällt die eigene Mutter oder der beste Freund nicht darunter, da sie einen nicht vor den Kopf stoßen wollen.  Oder weil sie sogar viel zu streng sind.

Das Unternehmen „Autor*in“

Das Buch ist fertig. Der Berg an Arbeit geschafft. Jetzt darf man sich zurücklehnen.
Weit gefehlt.
Ich erwähnte eingangs, dass man einen Beschäftigtenstab benötigt und schon während des Plottens und Schreibens hat man einen Haufen Menschen in den Prozess reingeholt.
Verlage, selbst die großen Publikumsverlage, stellen heute neben den Coverdesigner*innen und Lektor*innen das Material fürs Marketing. Die Strategie und Verbreitung jedoch obliegt oftmals den Autor*innen selbst.
Im Selbstverlag muss man Designer*in und Lektor*in selbst suchen und bezahlen.
Auch hier ist guter Rat teuer. Der Buchmarkt ist umkämpft und gerade Self-Publisher haben einen schweren Stand, da diese „Nische“ oftmals belächelt wird und nicht so angesehen ist wie beispielsweise in den USA.
Um gesehen zu werden braucht es nur ein klein wenig Glück und viel gute Strategie. Und seien wir mal ehrlich: wir wissen, wie man Geschichten erzählt aber nicht, wie man eine Internetpräzens aufbaut. Wir sind keine Influencer.
Es empfiehlt sich auch da, Rat einzuholen, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die sich mit der Materie auskennen und von denen man lernen kann, bis man fähig ist, alleine zu laufen.

Die Texthäkchen – Ein Paradebeispiel

Wie läuft das bei uns ab?
Gefunden haben wir uns zufällig, wie ihr hier nachlesen könnt. Und nach einigen Monaten der Phase des Beschnupperns entstanden die Texthäkchen.
Auch wir arbeiten gemeinsam in unseren Schreibprozessen.
Für die Lesungen bereiten wir die Texte vor, lesen gemeinsam untereinander vor und geben Verbesserungsvorschläge für den Text und die Art des Vorlesens.
Wir kennen die Projekte der anderen und helfen bei Plotproblemen.
Aktuell lesen wir auch die Rohfassungen gegen und helfen mit (meistens) hilfreichen Kritiken. Oder kommentieren jedes Semikolon, um auch etwas Spaß in die Sache zu bringen; aber das ist eine andere Geschichte.
Durch gemeinsam gewählte Deadlines, erzeugen wir auch etwas Druck untereinander, sodass wir das Ziel – die Fertigstellung der Rohfassung – nicht aus den Augen verlieren.
Die Häkchen sind also untereinander in die Prozesse eingebunden und unser Trio besiegt so jede Schreibblockade, jedes Plotloch und alle Stilblüten.

Das Bild des einsamen Schriftschaffenden passt so gar nicht zu uns.

Die Schreibmaschine hätte ich dennoch gerne.

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