Skillfully Killing Darlings: Was das Schreiben uns über das Leben lehrt

Ich schreibe, seitdem ich schreiben kann.

Das heißt, seitdem ich den kindlichen Analphabetismus abgelegt und meine Finger an das Führen eines Stiftes gewöhnt habe, schreibe ich Geschichten.

Und lange Zeit glaubte ich, dass ich auch leben würde, seitdem ich leben kann. Doch das war ein Trugschluss.

Ich schrieb lange Zeit besser, als dass ich lebte.

Doch, dieser Zustand hielt nicht an. Ich lernte zu leben und lernte, das Leben zu lieben.

Und im Lichte dieser neuen Erfahrung geriert ich ins Staunen darüber, wieviel ich doch über die menschliche Erfahrung gelernt hatte, während ich nur ganz marginal an ihr teilnahm. Oh, versteht mich nicht falsch, viele Lektionen fehlen mir noch immer. Doch es zeigte sich, dass sich viele der Aspekte, die ich in meiner Schreiblaufbahn gelernt habe, auch als gute Lebensweisheiten erwiesen.

Und an fünfen dieser Schreib- und Lebensratschläge möchte ich euch mit diesem Artikel teilhaben lassen.

Vielleicht mache ich auch eine Reihe daraus, wenn der Bedarf besteht.  

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1. “Show, don’t tell” – Wir wollen es mit eigenen Augen lesen

„Und gerade, um das Empfinden des Lebens wiederherzustellen, um die Dinge zu fühlen, um den Stein steinern zu machen, existiert das, was man Kunst nennt.“
Victor Sklovskij

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Zeige deinem Leser, was geschieht.

Dies ist eine der bekanntesten Regeln der modernen Fiktion. Sie bedient einen Leser, der das visuelle Erzählen aus Film und Fernsehen gewohnt ist. Durch Ausblendung des Erzählers wird eine Nähe zu den Charakteren geschaffen. Auch ermutigt diese Regel dazu, dem Leser einen Ort in der Geschichte einzuräumen. Der Autor baut eine Welt und stellt Augen bereit, durch welche diese Welt betrachtet werden kann – doch er verschweigt Strukturen. Der Leser muss einen Teil der Arbeit selber erledigen. Dadurch wird die Wahrnehmung verlangsamt und gründlicher, der Leser macht sich die Einzelheiten der Geschichte zu eigen und bringt sie in einen Zusammenhang, der mitunter sehr persönlich ist. Durch diesen Akt des Schaffens wird die Geschichte zu einem Teil der realen Gedankenwelt des Lesers.

Und so entstehen reale Empfindungen. 

Diese Methodik ist auch in der Lebensführung nicht zu vernachlässigen, denn sie ist elegant und zerschlägt sämtliches Gegenargument.

Wünscht unsereins sich beispielsweise, als ‚zuverlässig’ wahrgenommen zu werden, so kann er natürlich den Akt des Sprechens verwenden, um seinen Wunsch einzufordern. Doch die Sprache steht hier zwischen uns, denn sie ist ein Verbindungsstück, das hinterfragt werden kann. Als bewusster Akt unterliegt sie stets der Möglichkeit der Lüge – ob gewollt oder nicht – und versucht auch manchmal die wahre Intention zu verbergen. Worte können verdreht und aus dem Kontext gerissen werden, das Reden über eine Sache hält womöglich davon ab, sich der Sache selber anzunehmen.

„Das bedarf einer sofortigen Diskussion“, sagt der Anführer der Volksfront von Judäa in Das Leben des Brian, als der Titelcharakter an das Kreuz genagelt werden soll. Und so geschieht es.

Hingegen, wenn der Wunschsteller zeigt, dass er zuverlässig ist, wenn er einhält, was er verspricht und nichts verspricht, was er nicht einhalten kann, wenn er da ist, wo er sich angekündigt hat und Aufgaben zeitig und gründlich erledigt – dann gibt es kein Wort auf dieser Welt, das ihm seine Zuverlässigkeit wieder absprechen kann.

Auch: wenn er merkt, dass er nicht zuverlässig ist und sich das eingesteht, dann kann er seine Energie darauf verwenden, sich Zuverlässigkeit anzutrainieren, anstatt Leute von einer Lüge zu überzeugen.

Gegen Taten kann man nicht argumentieren.

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2. Intention über Inhalt

Wer spricht, der tut es nicht ohne Grund

Diesen Punkt habe ich angerissen in meinem Artikel über Dialoge und die Wichtigkeit guter Charaktere.

Der Akt des Sprechens ist vordergründig eine Handlung. Er kann – mehr oder weniger zielstrebig und bewusst – eingesetzt werden, um ein Ziel zu erreichen. Neben Worten und Gesten herrscht in einem Dialog jedoch auch stets das Momentum des Subtextes, der sich aus den Intentionen der einzelnen Sprecher ergibt.   

Ein literarischer Dialog ist wie eine Steinschleuder. Zwar ist der Autor derjenige, der zielt, doch er braucht zwei auseinandergehende Positionen, um einen Konflikt wie ein Gummiband zwischen ihnen zu spannen. Was ein Charakter zu erreichen versucht ist wichtiger als die Werkzeuge, die er dafür verwendet. Ihre Wünsche, Ziele und Ängste färben die Worte ein mit Farben, von denen sie nicht direkt zu sprechen wagen. Eine Beleidigung ist mitunter ein Versuch der Selbstverteidigung, Liebesbekundungen ein Akt der Manipulation, eine Lüge dient dem Schutze des Gegenübers.        

Entwickeln wir die Gewohnheit, nach der Intention eines Menschen zu fragen, nach dem “Warum?” hinter seinen oder unseren eigenen Worten, dann tragen wir dazu bei, unsere Kommunikation untereinander aufzubessern. Sie wird effektiver und ehrlicher, wenn wir direkt auf die Intention eines Menschen antworten anstatt auf seine Worte. Das funktioniert natürlich nicht immer, aber es ist doch ein wertvolles Werkzeug. Es wird bewusst, dass Menschen selten in Bezug auf ihr Gegenüber argumentieren, sondern häufig nur in Reaktion auf eigene Gefühle oder Gedanken. Und selbst wenn man kein Verständnis aufbringen kann, so kann man sich auf diese Weise doch abgrenzen und schützen vor der Wut oder den Erwartungen eines anderen, die doch nichts mit einem selbst zu tun haben.

3. Make. Every. Word. Count.

Die Kraft der Worte

Worte können einen wahnsinnigen Assoziationsspielraum entfalten. Das ist ein Umstand, den sich die Poesie gerne zu nutzen macht. Auf knappen Raum werden hier Bilder aufgestellt und bekommen die Erlaubnis, aufeinander einzuwirken, sich zu beeinflussen, zu erweitern, umzukonnotieren. Und in dem Spannungsfeld, das so zwischen ihnen entsteht, werden komplexe, abstrakte Ideen geboren.

Jedoch können Wörter sich gegenseitig die Kraft nehmen. Wiederholungen lindern die Aussagekraft eines Wortes, da sie implizieren, dass es nicht für sich alleine stehen kann. Adjektiven und Abverben definieren und beschneiden so die vielen Entfaltungsmöglichkeiten einzelner Worte oder Ideen.

Mit Menschen ist es ähnlich.

Stellt man einen Wächter auf, dann wird impliziert, dass dessen Expertise und Kraft ausreicht, um den Job zu erledigen. Stellt man ihm jedoch weitere zur Seite entsteht der Gedanke, dass keiner von ihnen alleine imstande wäre, die Aufgabe zu lösen. Die Individuen verschwinden in der Masse, Wörter werden zu Zahlen, Menschen werden zu einer Gruppe, die immer größer werden muss, um das auszugleichen, was sie ihren Einzelteilen an Vertrauen entzieht.

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Jedes Wort, jeder Mensch, jede Handlung kann mehr erzielen, wenn ihr erlaubt wird, sich zu entfalten. 

Doch auch die Alltagssprache profitiert davon, wenn man sich genau überlegt, was man sagen möchte und welche Wortwahl dem am dienlichsten ist. Misskommunikation entsteht dort, wo man blind darauf vertraut, dass allgemeine Worte private Gedanken nahtlos übertragen können. Dieses Umstandes sollte man sich bewusst sein, um die Worte eines anderen richtig einordnen zu können und gegebenenfalls nachzufragen. Auch entsteht so Verständnis dafür, wenn andere nicht aufnehmen, was man zu sagen versucht.

Sprache ist begrenzt.

Und es ist das Spannungsfeld der Poesie, welches sie zu erweitern versucht.            

4. Charaktere haben ein buntes Innenleben

Dies ist kein Mensch

Autoren entwickeln Charaktere. Wir geben ihnen ein inhärentes System, eine eigene Programmierung, auf deren Basis sie losgelöst von unseren Wünschen agieren können; wir imitieren Leben. Und je gründlicher wir das tun, desto überzeugender sind unsere Charaktere. Und nur, wenn sie überzeugen, dann können sie geliebt werden. Kein Leser auf dieser Welt nimmt Anteil an dem flachen Abbild eines Menschen, so wie niemand Interesse daran hat, das bloße Bild einer Pfeife zu rauchen. Deswegen gibt der Autor seinen Figuren eine Geschichte, Erfahrungen, Marotten, Fähigkeiten, Unfähigkeiten und ein Ziel. Und wenn der Charakter spricht, schwingen alle diese Aspekte als Subtext mit. Ein dreidimensionaler Raum tut sich hinter dem sprechenden Gesicht auf, der zum Erforschen einlädt. Fiktive Charaktere werden so als echte Menschen wahrgenommen und der Leser kann sie kennenlernen, wie er es mit Fremden auf der Straße tun würde. Er setzt sich mit Motivation und Erfahrung eines anderen auseinander und bringt mitunter Verständnis auf für Schandtaten oder vermeintliche Charakterschwächen.

Das Leben ist komplex.

Jeder einzelne Mensch ist eine filigrane Einheit, die immer weiter programmiert und verfeinert wird mit jeder Erfahrung, jedem Gedanken, jeder Unterhaltung, jedem Gefühl, die ihn durchlaufen, Sekunde für Sekunde.

Es fällt leicht, von unserer eigenen Komplexität überwältigt zu sein. Deswegen eignen wir uns Vereinfachungsfilter an, durch die wir die Welt zensierend betrachten. Das mag angenehm und vertraut sein, doch es ist schädlich für die Gemeinschaft als Ganzes und das menschliche Miteinander.

Wir tun unseren Mitmenschen Unrecht und nehmen uns selber die Möglichkeit, mit ihnen zu interagieren und von ihnen zu lernen, wenn wir sie auf den naheliegendsten Aspekt herunterbrechen.

Kein Mensch ist ein “nur”. Wer dir dein Essen verkauft, ist nicht “nur” ein Verkäufer, wer dir Unrecht tut, ist nicht “nur” egoistisch und wer sich um das finanzielle Wohlergehen seiner Firma sorgt, ist nicht “nur” geldgierig. Das sind mitunter Rollen, die diese Menschen einnehmen, doch auch nur zu bestimmten Zeiten und auch nur in Bezug auf dich.

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Die meisten, wenn nicht jede Handlung, die ein Mensch unternimmt, basiert auf einer von zwei Grundlagen: Das eigene Leid verringern oder das eigene Glück vermehren.

Das ist kein zynisches Statement über Egoismus oder die Verkommenheit der Welt, über die so oft lamentiert wird, sondern es ist einfach ein Versuch, den komplexen Algorithmus „Mensch“ herunterzubrechen auf das einzige, oberste Ziel, das ein Wesen in der Natur anstrebt: Überleben.

Jeder Mensch hat das Recht zu überleben, hat das Recht auf die Erfüllung seiner Grundbedürfnisse. Daraus ergibt sich gleichzeitig aber auch, dass man anderen Menschen diese Rechte ebenfalls zugestehen muss, damit die Gesellschaft funktioniert.

Doch viele Menschen erlauben sich das nicht, sie kennen ihre Bedürfnisse nicht, haben nicht gelernt, sich um sich selbst zu kümmern. Und wenn dieses Fundament wackelt versuchen wir es zu stützen, indem wir es auf andere Menschen abladen. Eine Freundin von mir pflegt zu sagen: “Jeder Mensch webt seinen eigenen Teppich.” Keine Person ist lediglich ein Faden im Gewebe eines anderen und wird sich wehren, wenn man versucht, sie zu einem solchen zu reduzieren.

Wenn wir das “nur” loslassen, dann sehen wir unser Gegenüber plötzlich als eigenständige Entität, anstatt als Spiegelbild, das nur in Reaktion auf und in Relation zu uns agieren oder existieren kann.

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Wahrnehmungs- und Gedankenwelt. Andere Dinge sind dort wichtig. Und in einem überwältigenden Teil ihres Seins hat diese Welt nichts mit uns zu tun. Ebenso, wie ein Großteil der anderen Milliarden Menschen auf diesem Planeten keine Signifikanz in unseren eigenen Gedanken haben.

Und erst, wenn wir das akzeptieren und in unsere Weltsicht einweben, können wir andere Menschen richtig behandeln. Denn dann schreiben wir ihnen die Autorität über ihr eigenes Leben zu und können loslassen, was uns nicht gehört. Plötzlich fällt es leichter, zu verstehen und zu verzeihen. Wir lernen, dass eine schlechte Tat oder ein schlechter Gedanke keinen schlechten Menschen macht, sondern ein Resultat komplexer Vorgänge ist. Wir können einander mit Wohlwollen begegnen, ohne die Notwendigkeit, uns zu kategorisieren und zu begreifen.  

Wir finden Punkte der Verbindung und der Unterschiede und alles hat einen Platz in dieser Welt, die plötzlich größer und vielfältiger ist, da sie auch in anderen Menschen stattfindet.

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5. Konflikte sind essenziell

Baue ein  Spannungsfeld

Eine Geschichte, ein Kapitel, eine Szene ohne Konflikte soll – laut vielen Ratgebern – gestrichen oder umgeschrieben werden. Konflikte machen es interessant, sie sprechen Emotionen an, doch das ist nicht der einzige Grund, warum sie in der Literatur so wichtig sind. Eine Idee wird ausgelotet, indem sie in eine Spannung gebracht und hinterfragt wird; somit schaffen Konflikte Tiefe und fördern die Grundthematik der Geschichte.

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Viele Menschen scheuen Konflikte in der realen Welt.

Ich bin einer davon. Denn ich liebe Harmonie. Im Einklang mit einem anderen menschlichen Wesen zu schwingen, wenn auch nur zeitweilig, ist die Grundlage für die Musik des Lebens. Und doch bin ich der Ansicht, dass Konflikte notwendig sind.

Denn wie ich oben bereits beschrieben habe: Menschen sind komplex. Und weil dem so ist, sind ohne Ausnahme auch sämtliche Systeme komplex, die Menschen zusammenbinden. Damit kein einzelner untergeht und verschlungen wird, müssen die Bedürfnisse mitgeteilt werden, damit ein Konsens gefunden werden kann.

Eine Welt voller Menschen, die miteinander konfliktfrei klarkommen, ist eine Welt voller einfach gestrickter Gemüter. Eine Welt, in der keine Saite angeschlagen werden kann, weil es keine Spannung gibt. Keine Hitze, keine Energie. Keine Grenzen. Alles verpufft im Nichts und ist bedeutungslos.

Ein Konflikt ist nicht unbedingt ein Streit, es ist der Austausch über verschiedene Aspekte einer Idee, es ist das Lernen voneinander, das wachsen aneinander, die eigenen Glaubenssätze werden getestet und der Horizont erweitert. In Konflikten stecken wir unsere Welt ab, immer weiter, bis wir sie endlich durch die kollektive Sammlung aller Aspekte und Seiten in ihrer Gänze erfahren können.

Theoretisch.

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An dieser Stelle werde ich einen Einschnitt machen.

Ich habe noch weitere Punkte, mit denen ich dieses Liste fortführen könnte, doch das ist Material für einen weiteren Beitrag.

Wenn es Fragen oder Anregungen gibt: ihr alle seid in der Kommentarspalte oder unserem Postfach willkommen.

Wir freuen uns über jedes Wort.

 

Und zum Abschluss: Musik!

Just see how virtue repays you – you turn, and someone betrays you.

Betray him first, and the game’s reversed!

For we all are caught in the middle
of one long, treacherous riddle.
Can I trust you? Should you trust me, too?

The Scarlet Pimpernel – The Riddle

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