Lotta liest – auch gerne mal vor. Über ein bühnenreifes Jahr voller Erkenntnisse.

Sobald der Kalender ausgewechselt wird, sind unsere Herzen hin- und hergerissen zwischen Aufbruchstimmung und Melancholie. Der Jahreswechsel ist wie der erste Tag nach den Schulferien, wie ein weißes Blatt Papier, wie ein frisch formatierter Computer, wie die Reset-Taste im Videogame. Neben neuen Vorsätze und Plänen steht immer auch der Blick zurück.

Im letzten wollte ich unbedingt ein einziges Mal bei einem Poetry Slam mitmachen.
Es wurde ein bühnenreifes Jahr, aus dem ich vor allem zwei Dinge gelernt habe:
Ausprobieren und Weitermachen.

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben." Nicht umsonst wird Hermann Hesses Gedicht "Stufen" beinah in jeder Jugendweiherede verwendet.

Ich nehme die Kopfhörer ab und reihe mich in der Schlange vor dem Kultur-Café Franz Mehlhose ein. Ich bin viel zu früh dran, trotzdem steppt drinnen schon der Bär im Kettenhemd.
Auf dem Schild draußen steht: „Spill the Beans Poetry Slam – heute 19:30Uhr – ausverkauft“.
Ich schlucke.
Shit, shit, shit, shit. Was wollen die denn alle hier?
Als ich vor dem Stempelguy stehe, sage ich:
Hi, ich bin Karlotta, ich ähm…lese hier heute.

Wow.
Was für eine astreine Vorstellung. Für ein Speed Date.
Genauso gut hätte ich sagen können:
„Hi, ich bin Karlotta und ich liebe Umarmungen.“
Der Stempeltyp lächelt freundlich. Er stempelt mich und erklärt mir, wo der Backstage Bereich ist.
Danke, oh hilfsbereiter Stempelritter.
Ich gehe durch den Raum.
Vorbei an der Bühne, die mir höher erscheint als der Everest und mich an einen schlafenden Drachen erinnert. Vorbei an all den Plätzen, die meine Freunde und Verwandten später einnehmen werden. Mögen die Götter sie beschützen.
Ich wünschte, ich könnte einfach bei ihnen sitzen, mich entspannt zurücklehnen, lachen, andächtig nicken, applaudieren und zu Boden schauen, wenn ein Text unangenehm wird.   
Heute kann ich mich nicht fremdschämen.
Heute werde ich auf die Bühne gehen und lesen.

Am 07. Februar 2019 bin ich zum ersten Mal bei einem Poetry Slam auf die Bühne gestiegen.
Und ich habe es überlebt.
Nicht nur das. Ich habe es sogar wiederholt.

Poetry Slam ist eine großartige Möglichkeit für Schreibende, ihre Texte vor Publikum vorzutragen und immer mehr Menschen wagen dadurch den Schritt auf die Bühne. Die Nachfrage ist da und ich glaube, sie ebbt so schnell nicht ab.

Nach meinem ersten Auftritt im Februar ist mir etwas wichtiges klargeworden:
Ich liebe es, Menschen zum Lachen zu bringen. Ich mag es, mit Gedichten, Geschichten und schöngeistigen Prosatexten zu verzücken, zum Nachdenken anzuregen und Gefühle freizusetzen. Nichts fühlt sich so gut an wie das lachende Gesicht deiner Freundin oder deines Neffen während du ihnen etwas vorträgst. Dieses Gefühl hat mich süchtig gemacht.

Und so habe ich weitergeschrieben. Über Popelbrocken, Wolkenpupsmaschinen und wildgewordene Saugroboter.

Und plötzlich stand dort mein Name im Programm. Karlotta Nordström. Ein Name, den ich mir für die Texthäkchen generiert (ich meine „ausgedacht“) habe.
Als könnte ich Hannah Montana spielen, husche ich nun unter diesem Pseudonym immer wieder über Bühnen und darf vor Publikum meine Texte vortragen.

Dekadenter Größenwahn oder schöngeredete Schizophrenie? Wenn es sogar eine Visitenkarte von dieser Karlotta gibt, muss der Hype doch echt sein, oder?

Mir selbst erscheinen meine Auftritte und Texte stets wie kurze, Aufmerksamkeit heischende Momentaufnahmen. Ein Flügelschlag im Leben einer Künstlerhummel. Doch wenn andere Bühnengänger mir auf die Schulter klopfen, wenn andere Scheibende mir ernstgemeintes Feedback geben und meine Freunde sich über meine Texte unterhalten, ja, sich sogar bestimmte Texte wünschen, dann kommt mir hin und wieder der Gedanke, dass das echt sein könnte.

Und wieder ist mir etwas klargeworden: Ich brauche ein Publikum.

Meine schriftstellerischen Tätigkeiten schlafen immer dann ein, wenn niemand darauf wartet, meinen Text zu lesen oder zu hören. Aber wenn ich weiß, dass ich morgen vortragen werde, kann ich plötzlich tippen wie ein Specht auf Speed. Alles andere rückt in den Hintergrund, wird leiser, gedämpfter. Durch den Nebelschleier des Alltags dringt dann das Licht der Erkenntnis zu mir durch und flüstert:
„So sollte es sein, Karlotta, so sollte es immer sein.“

Dieses Gefühl gerät leider allzu leicht in Vergessenheit. Erst mit zunehmendem Druck – durch Termine, durch Bühnen, durch Menschen – lässt es sich wiederfinden.

Das letzte Jahr hat mich gelehrt, dass jeder Künstler andere Bedürfnisse hat und andere Motivationen. Es ist wichtig, sich selbst als schreibende Person zu kennen und den eigenen Antrieb zu finden.

Mein Antrieb zum Schreiben funktioniert folgendermaßen: Ich sage Ja.
Zu Angeboten, zu Auftritten, zu Lesungen, zu neuen Kontakten. Zu einem Bloggerstammtisch, zu einem Podcast (#podcastconkarne), zu einem Radiobeitrag, zum NaNoWriMo mit den Texthäkchen (wodurch ich allein in einem Monat über 50 000 Wörter schreiben konnte).

Ich sage so oft es geht ja, weil ich weiß, dass sich dadurch fast immer eine weitere Tür öffnet, eine neue Möglichkeit auftut und ich mich weiterentwickeln werde.
Die Komfortzone zu verlassen tut weh, aber es ist ein Schmerz, der uns zeigt, wie lebendig wir sind.
Im besten Fall euphorisiert er so sehr, dass man sich nicht mehr davon trennen kann.

Trotzdem ist es natürlich wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und – mehr noch – sie zu akzeptieren (eine Fähigkeit, an der ich kontinuierlich arbeite). Sich die Zeit zu nehmen, die man braucht und sich selbst erlauben, auch mal scheitern zu dürfen, ist ebenso wichtig wie essen, schlafen und atmen. (Mehr zum Thema Selfcare könnt ihr hier lesen!)

Im letzten Jahr habe gelernt, mich auszuprobieren.
Und ich habe verstanden, wie wichtig es ist, weiterzumachen.
Denn egal, ob vor dir ein weißes Blatt Papier, eine verrückte Idee oder eine leere Bühne liegt, du wirst nie erfahren, was daraus hätte werden können, wenn du es nicht versuchst.

Alles ist möglich: Bloggerstammtisch von Thüringer Blogger*innen, Texthäkchen-Lesung in der Jokersbuchhandlung, Podcast con Karne mit Marne Movie Magic, LGBTQ+ Beiträge im Radio und am National Novel Writing Month teilnehmen.

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