INSPIRATIONSPLÄTZE: Im Café mit Zuckersand

Wenn man zur richtigen Zeit in das richtige Café mit dem richtigen Buch geht, können noch Wunder geschehen.

Ein Beispiel:
Anstatt meine innerstädtische Wartezeit zwischen Arbeitsaus und abendlichen Terminen wie üblich im Maintreem-Buchladen-Café am Anger in der dritten Etage zu verbringen, was, wie ich gestehe, nichts mit meiner Vorliebe für Bücher, Brownies und winzigen Tische zu tun hat, sondern der Tatsache geschuldet ist, dass ich von der Bahn bis dorthin quasi hinein plumpsen kann, habe ich heute einen kleinen Umweg in Kauf genommen.

Für gute Inspirationsorte lohnt es sich manchmal länger auf Jagd zu gehen.

Auf meiner Strecke über den Weniger ist mehr -Markt, wo die munteren Touristenscharen ähnlich schnell wie eine Horde Dothraki auf dem Weg nach Westeros entlang schleichen, gab ich den Versuch, an ihnen vorbeizuziehen, schnell auf ließ mich von der Masse treiben .

Die Krämerbrücke in ihrer vollen Herrlichkeit. [Quelle: pixabay]
Natürlich wollten sie zur Krämerbrücke.
Natürlich blieben sie an jedem herrlich winzigen Schaufenster stehen, um all die lustigen Unnötigkeiten anzustarren und sich zu fragen, ob sie ihr Geld lieber für Eis, Keramikschüsseln oder ein Linkshänderlinial ausgeben sollten.
Natürlich hielt ich das irgendwann nicht mehr aus und schrammte zielstrebig an der lethargischen Bande vorbei.
Nur um dadurch in ein kleines Café zu stolpern, dessen Name eine lustige Kombination aus Gesichtspartie und Neil Armstrongs größter Errungenschaft bildet.

An diesem Montagabend war es erstaunlich leer und so durfte ich zwischen weichen Bänken und knarzigen Stühlen am Fenster einen Platz für mich und meinen schweren Rucksack wählen.

In einer kleinen Nische, an einem runden Tisch mit frischen Blumen und einem fleißigen Teelicht, trank ich heiße Schokolade, verzehrte Stachelbeersahne, knabberte an meinem Zuckersand-Roman und ließ meine Gedanken schweifen…

Sie landeten im Kakao.

Kakaogedanken im Glas – Inspirationsplatz „Café“

Inspirationsplätze entstehen bei mir nicht nur durch den unbedarften Wunsch, Bücher woanders als im Bett, auf der Couch oder auf dem Lokus zu lesen, sondern auch durch die Vorliebe für heiße Getränke.

Da ist zum Beispiel mein Lieblings-Kakao-Ort: Das Eck-Café in der Stadtbibliothek.  

Zuerst einmal deshalb, weil es dort eine Himbeerkakao-Variante gibt.
Schokolade und Beeren (überhaupt Obst) zu kombinieren, so etwas sollte im 21. Jahrhundert doch gang und gäbe sein.

Papayakakao, Apfelkakao, Melonenkakao – die Möglichkeiten sind schier unendlich!

Oder gibt es in jedem anderen Café einen Kodex, der besagt, nicht mit den Getränken herumzuexperimentieren?

I <3 Coffee. [Quelle: pixabay]
Da stellt sich mir gleich eine weitere Frage:
Wie kommt es eigentlich, dass heiße Schokolade oder auch Latte Macchiato immer in einem hohen Glas serviert wird, das viel zu heiß ist, um es gleich anzufassen?  

Will jemand verhindern, dass wir uns die Lippen verbrennen? Ist das eine Schutzmaßnahme?  

Benötigen diese Getränke eine Glasoptik um mehr Licht aufzunehmen,  um wiederum ihr Aroma besser entfalten zu können?  (Beste Idee!)
Aber warum dann ausgerechnet nur diese Getränke?  

Milchkaffee bekomme ich nach wie vor immer in einer Tasse, einen Espresso mit Milchschaum aber nicht. Das scheint mir doch ein sehr arbiträres Auswahlverfahren zu sein…  

Den Entscheidungsträger solcher Heißgetränkeverfahren möchte ich bitte kennenlernen.

Die Entwicklung unserer Trinkkultur ist ohnehin mindestens eine Bachelorarbeit wert.
Oder vielleicht eine Novelle, die da heißt „Warten auf Kakao“. Darin würde es dann um einen Autor mit Schreibblockade gehen, der ständig in Cafés rennt, sich Getränke bestellt und darauf wartet, dass ihm der perfekte Inspirationsgedanke kommt, aber am Ende wartet er nur noch auf seinen Kakao.

Was das Kakaotrinken anbelangt, es gibt einen weiteren Grund, warum das Bibliothekscafé meine Liebe für sich gewonnen hat. Die Dame an der Theke fragte einmal, ob sie Milch oder Milchschaum nachgießen solle, denn der Kakao sei reichlich stark geraten.
Ich hätte die gute Frau in den Arm nehmen können.  

Kakao aus 100% Schokolade. [Quelle: pixabay]
 Der Tenor aller gängigen Kakaotrinker tendiert ja eher in Richtung: 
Wenn schon Schokolade, dann richtig.“
Da muss die Brühe eben schon dickflüssig sein, damit sie als Kakao durchgeht.

Meine Vorliebe beim Mischen von Kakao beschränkt sich tatsächlich eher auf ein Verhältnis von 80:10…(ja, genau, ich hab mich nicht verrechnet, die anderen 10 Prozent sind für Früchte jedweder Couleur vorgesehen).
Wobei 10 auch die Anzahl der Kakaokrümel symbolisieren könnte.

Sagen wir es so:
Wenn eine kakaobohnenbraune Schokoladenelfe ihre zarten Flügel über meiner Tasse (Tasse wohlgemerkt, nicht Glas!) ausschütteln würde, es würde den Pott perfekt machen.  

Schokoladenelfen im Nimmercafé…
Kakaogedanken sind süß… 

Mein Buch trägt den richtigen Titel für so eine Umgebung.
Schön, wenn es passt.

Ähnlich wie ich, schweift auch der Erzähler von „Zuckersand“ immer wieder in kleine reizende Essays über seine Kindheit und die Erfahrungswelt seines Sohnes ab.
Ihn zu begleiten ist ähnlich inspirierend wie Kakaotrinken auf der Krämerbrücke.

Und das Cover hat es mir einfach angetan.

„Zuckersand“ von Jochen Schmidt.

 

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