Skillfully Killing Darlings: Das Jahr der Identität

Buchhändler

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Wenn man schon einmal in einer Mitfahrgelegenheit gefahren ist, dann weiß man irgendwann, wie das Gespräch sich entwickeln wird.

Wie heißt du, wo kommst du her, wo willst du hin?

Und irgendwann die Frage, die für viele nur eine Frage war, für mich aber immer ein Moment des Unbehagens:

Was machst du?
Was mache ich?
Heißt: Was ist dein Beruf?
Heißt: Womit verdienst du dein Geld?
Heißt auch: Wo soll ich dich einordnen?

So dachte ich.

Und so antwortete ich auch. Schnell formuliert, ausgespuckt, Themawechsel: Buchhändler. Prägnant, bekannt, wahr. Und hey, immerhin hat es etwas mit Büchern zu tun. Sie werden die Symbolik schon erkennen. Den Subtext.

So dachte ich.

Buchhändler.

Dass mein Körper im Fluchtpunkt von Buchschnitt, Papier und Geschichten stand bedeutete doch zwangsweise, dass meine Gedanken sich ebenfalls dort befanden, das werden sie schon verstehen. Das ich acht Stunden am Tag in Osmose mit Buchstaben und Ideen und fiktiven Charakteren verbrachte, musste doch unweigerlich bedeuten, dass ich ebenfalls schrieb, das verstand sich von selbst, nicht wahr?

Ich war kein Schriftsteller. So dachte ich. Weil ich kein Geld mit dem Schreiben verdiente. Deswegen durfte ich mich nicht so bezeichnen. Denn sie würden mich durchschauen. Würden sehen, dass das Wort, mit dem ich mich bekleidete, mir über die Fingerspitzen hing und hinter mir über den Boden schleifte.

Der Buchhändler war mein Deckmantel. Hinter ihm verbarg ich mich in Anspielungen.

Anfang des Jahres 2019 stand ich vor dem Wissen, dass der Laden im August schließen würde.

Und was wäre ich dann? Wohinter konnte ich mich dann verstecken mit meinem Subtext und meiner Furcht?

Worüber sollte ich in Mitfahrgelegenheiten reden?

Ich stand inmitten von Büchern, die andere Autoren geschrieben hatten und reagierte.
Auf Menschen, auf Kisten, auf Telefonanrufe.
Ich war nicht der Held meiner eigenen Geschichte.

Die Tür

Hinten in meiner Buchhandlung war eine Tür mit einem Spiegel.
Jedes Mal, wenn man sie öffnete, sah man sich selbst in die Augen. Und dahinter war ein Flur mit einer weiteren Tür, riesig und grün, die sich nur von innen öffnen ließ mit einem gewaltigen Schlüssel und gewichtigen Riegeln.
Sie war kein Eingang. Durch sie schuf man nur Dinge nach draußen.

Altpapier, Plastik und Restmüll. 

Wenn der Müll entsorgt werden musste, meldete ich mich immer freiwillig. Denn diese Tür mit ihren vielen Riegeln und ihrer Schwere zog mich an. Ich stellte mir vor, dass ich Kerkertüren öffnete, die nicht geöffnet werden durften. Dass ich Dinge freiließ, die nicht in diese Welt gehörten.

Doch mein Gang zu dieser Tür wurde langsamer, als ich wusste, dass sie und ich, dass wir beide gemeinsam einem Ende entgegenblickten. Sie wurde schwerer. So wie alles, das im Sterben liegt, plötzlich den Subtext eines Lebens erhält, so tat es auch diese Tür und immer, wenn ich sie nun öffnete, öffnete sich auch etwas in meinem Verstand.

Mit meinen Händen trug ich alte Pappe hindurchtrug. In Gedanken entsorgte ich alte Manifeste und wasserfleckige Berichte über die Welt mit all ihren Gefahren und Grenzen und Möglichkeiten. Dinge, die vor langer Zeit zusammengetragen worden waren von einer jungen Eve, die sich erste Lektionen zu sehr zu Herzen genommen hatte.

Am Anfang fiel es mir schwer.
Ich hing an meinen Axiomen und Scheuklappen.
Alles andere, so glaubte ich, könne ich nicht tragen, dazu wäre ich zu schwach, nicht in der Lage, noch nicht bereit. Doch sich gegen die Tür in meinem Verstand zu wehren war ein sinnloses Unterfangen, denn die Tür in meinem Laden war mehr als real und wurde zur Heimsuchung, die ich mir selber auferlegte.

Und so trug ich weiterhin unter Tränen Dinge aus meinem Verstand nach draußen. Durch den Spiegel brachte ich altgeliebtes und lange nicht bewährtes und ließ es hinter der Einwegtür frei.

Und mit der Zeit wurde ich leichter.

Freier.

Dort wo Dinge entsorgt werden, da entsteht auch Platz.
Und Platz ist Potential.

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Ein leerer Raum

Ihr müsst verstehen, Unsereins, wir Ängstlichen und Klammernden, wir wissen nicht, mit Platz umzugehen.
Denn wir sind es nicht gewöhnt, zu gestalten. Doch, wer bin ich, wenn nicht umgeben von Büchern, die es mich lehren können?
Ich habe verstanden, wie man den Geist ausmistet.
Also kann ich auch verstehen, wie man ihn gezielt wieder füllt.

In Mitfahrgelegenheiten nannte ich mich immer noch Buchhändler.
Doch ich nahm mir mehr Atemluft und erklärte die Umstände. Das drohende Ende. Tastete mich vor zu den Dingen, die ich wirklich erzählen wollte, die Worte eigentlich und irgendwann als Krücken an beiden Seiten meines wackligen Selbstbildes.
Was ich zurückbekam war Interesse und Verständnis. Und Geschichten. Denn viele Menschen haben einen kreativen Wunsch, ein großes was wäre wenn, über das sie lieber reden, als über ihren Beruf.
Und ich verstand: Wenn sie fragen: „was machst du?“, dann wollen sie nicht wissen, womit ich meine Zeit fülle, um Geld zu verdienen.

Sie wollen ein Gespräch über Menschliches.

Ich wurde mutiger.
Füllte die leere Ladenfläche meiner Seele mit immer waghalsigeren Ideen.

Dieser Raum vorne im Laden, wo vorher Kinderbücher und Allgemeingewolltes standen? Das war der Ort, wo die Texthäkchen sich Platz für ihre erste abendfüllende Lesung nahmen. Wir haben so viel übers Schreiben gesprochen, dass wir alle dem Thema mehr Raum einräumen mussten, das ist der große Vorteil von Gleichgesinnten.

Sich vor Leute zu stellen und etwas zu präsentieren, was selbstgeschrieben ist, das tut ein Schriftsteller, nicht wahr?

Und Schriftsteller wollte ich sein.

Schriftsteller wollte ich mich nennen.

Also hielten wir eine Lesung in diesem Laden, der von Müll befreit war, Frau Vorragend, Karlotta Nordström und ich, Eve, die auch ihren Gedankenmüll durch die Spiegeltür geschaffen hatte und ahnte, was Freiheit ist.
Die lernte, was es bedeutet, einen Raum zu leeren und einzunehmen.
Denn wo vorher einzelne Manuskriptseiten verstreut lagen in der Hoffnung, das Chaos lenke von ihrer Amateurhaftigkeit ab, wo Wissen sporadisch gesammelt und in Ecken gehäuft worden war, dort war nun ein Neuanfang.

Ich wollte nicht so tun, als ob.
In meinen Raum gehörten keine ungemachten Feldbetten und leere Teller und auch keine romantisch schriftstellerische Einsamkeit.
Ich wollte etwas sein. Keine Idee, kein Klischee, sondern ein Mensch.
Mein Raum füllte sich mit Regalen voller Schreibratgeber, die voller Heftmarker waren. Einem Kalender, in dem Termine eingetragen waren, Lesungen, Radioaufnahmen, Häkchentreffen.
Doch auch füllte ich diesen Raum mit mir, nicht egozentrisch, sondern selbstliebend. Leere bedeutet auch Verantwortung und ich wollte von nun an Sorge dafür tragen, dass mein Körper und mein Geist richtig behandelt wurden.
Ich ließ frische Luft herein, ließ eine Tür in die Natur offenstehen, stellte einen Obstkorb auf, füllte Wasser in Flaschen, schuf einen Ort der Geselligkeit.

Und so schuf ich mir ein Zuhause in meinen eigenen Gedanken.
Hier sammelte ich eine Idee davon, wer ich bin und wer ich sein möchte. Und das Bild, das ich schuf, war nicht perfekt und es entsprach nicht der aktuellen Realität, doch es gab mir Prinzipien und zeigte mir Gewohnheiten auf, die ich ändern musste.
Identität war etwas, das ich mir nicht länger geben lassen wollte.
Ich begann, Identität zu schaffen. Aktiv.

Wenn mich heute jemand in einer Mitfahrgelegenheit fragt, was ich mache, dann sage ich, ich bin Schriftsteller.

Und du?

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