Gärtner oder Architekt?

Bist du Gärtner oder Architekt? Diese Einteilung von George R. R. Martin beschreibt nichts anderes als zwei unterschiedliche Autorentypen in puncto Planung.
Wie unterschieden sich die beiden Typen? Und welcher ist der Bessere?
Doch fangen wir von vorne an.

Was ist ein Architekt?

Ar­chi­tekt, der
Wortart: Substantiv, maskulin
auf dem Gebiet der Baukunst ausgebildeter Fachmann, der Bauwerke entwirft und gestaltet, Baupläne ausarbeitet und deren Ausführung einleitet und überwacht; Baumeister
„Architekt“ auf Duden online. URL: http://www.duden.de/node/687540/revisions/1316860/view
(Abrufdatum: 14.08.2017)

Der Architekt ist jemand, der vorausschauend plant. Vom Bauplan bis zum ersten Spatenstich bis zur Fertigstellung plant und überwacht er alles, was mit seinem Bauwerk zu tun hat. Er weiß, wo welche Steckdose angebracht werden muss, welche Tür wohin führt und wann er eine Stufe benötigt. Nichts ist dem Zufall überlassen.
Der Bauplan zeigt bereits, was an welche Stelle muss, damit hinterher ein fertiges Haus, mit solidem Fundament, einem festen Dach und starkem Mauerwerk vor einem steht. Wenn es gut geplant ist, dann kann dieses Haus jedem äußeren Einfluss widerstehen und bleibt unverändert. Es braucht dann schon eine größere Naturgewalt, um die Wände zum Wanken zu bringen.
Bei Kleinigkeiten lässt ein Architekt gerne eine weitere Meinung zu, doch sein Plan steht felsenfest bevor überhaupt der Zement gemischt wird und die Arbeit tatsächlich losgeht.

Was ist ein Gärtner?

Gärt­ner, der
Wortart: Substantiv, maskulin
jemand, der Gartenbau betreibt, Gärten pflegt (Berufsbezeichnung)
jemand, der viel im Garten arbeitet
„Gärtner“ auf Duden online. URL: http://www.duden.de/node/725599/revisions/1375708/view
(Abrufdatum: 14.08.2017)

Der Gärtner ist jemand, der durchaus auch einen Plan hat. Das Anlegen von Beeten kann nicht einfach willkürlich erfolgen. Wo die Beete sich befinden und was genau eingepflanzt werden soll, dass muss vorher überlegt werden.

Dann jedoch wird nur ein Samen in der Erde vergraben und man überlässt den Rest der Natur. Selbstverständlich benötigt der Samen weiterhin Aufmerksamkeit und Pflege. Schädlinge und Unkraut müssen von dem keimenden Samen ferngehalten werden.  In Dürrezeiten braucht die Pflanze dann genügend Wasser und vielleicht auch etwas Düngemittel. Ansonsten wächst die Pflanze alleine. Wie viele Blüten oder Äste sie haben wird, zeigt sich dem Gärtner erst später. Und ist meistens auch für ihn völlig überraschend.

Die beiden Plottypen

Nun lassen sich diese Beschreibungen ganz leicht auf zwei unterschiedliche Plottypen übertragen. Man nennt sie auch den Outliner und den Discovery Writer.
Und sie haben beide gewisse Vorzüge.
Während der Architekt bzw. der Outliner einen ganz genauen Plan erstellt ist der Gärtner bzw. der Discovery Writer flexibler.

Ein Schreibarchitekt setzt sich nicht einfach an die Schreibmaschine und fängt mit dem ersten Satz an. Bevor dieser überhaupt steht, werden Charakterbögen erstellt, indem die Figuren genaustens beschrieben sind. Die Orte sind genau skizziert und benannt. World Building nimmt einen großen Teil der Planung ein. Der Plot wird Kapitel für Kapitel genau geplant und die Dialoge folgen exakten Regieanweisungen. Nichts, was dann später im Schreibprozess zu Papier gebracht wird, ist überraschend.

Der schreibende Gärtner plant alles grob. Es gibt einige Plotpunkte die erfolgen sollten, doch wie sie erreicht werden, steht im Schreibprozess noch völlig offen. Viele Infos, die im Manuskript auftauchen, tauchen dort auch zuerst auf und versetzen den Gärtner in Aufregung, denn damit hat er  zu Beginn seiner Planung nicht gerechnet.

Beide Plottypen haben ihre Vor- und Nachteile

So ist der Architekt gegen großen Plotlöchern abgesichert, weil die genaue Planung diese bereits sehr früh aufzeigt. Allerdings ist er starr in seinem Manuskript und oft fällt es ihm schwer überhaupt anzufangen, sich an das Dokument zu setzen und den Plan nun endlich tatsächlich als Roman zu beginnen. Immer mehr Details gibt es zu planen, immer mehr Steckdosen einzubauen und immer mehr Türen, die zu anderen Zimmern führen können, sollten auch gut durchdacht sein.

Der Gärtner ist freier in seinem Plot und kann Veränderungen in ihm leichter wegstecken – oft sogar soweit, dass er bereit ist, mehrere Romanenden zu schreiben und dann zu entscheiden. Bei dem Gärtner kommt es während des Schreibens jedoch schneller zu Plotlöchern, da manche Handlungsstränge erst im Manuskript entstehen und dann einfach nicht mehr weiter verfolgt werden, da sie von neuen Plotsträngen abgelöst werden. Der Gärtner weiß nicht, wie viele Äste sein Baum haben wird und es fällt ihm auch nicht sofort auf, dass er vielleicht zu viele davon hat.  Dass einige seiner Äste sogar schon faule Früchte tragen.

Was ist nun besser? Gärtner oder Architekt?

Ein klares Fazit darüber zu ziehen, wer besser ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Eine absolut richtige Zauberformel für das richtige Plotten gibt es nicht. Nur zahlreiche Tipps.
Die Mischung aus beiden Typen, vielleicht mit einer Tendenz mehr zum Architekt oder zum Gärtner, kann der richtigen Formel vielleicht noch am nächsten kommen.
Wenn man als Autor soweit in der Lage ist, mit dem anderen Modell die Nachteile ein wenig aufzuwiegen.
Ein Architekt, der ein bisschen was von Gartenarbeit versteht und bestimmten Dingen auch einfach ihren Lauf lässt.
Und ein Gärtner, der eine kleine Gartenhütte plant, die als festes Bauwerk erstmal fix steht und um die herum alles wachsen und gedeihen kann.

Ich persönlich bin eher der Gärtner. Ich plane meine Projekte nur sehr grob und habe mir die Spannung für den Plot selbst etwas auf. Den kann ich nach und nach entdecken und bei während des Schreibens noch sehr flexibel sein. Erst mit dem Beginn der ersten Überarbeitung, ändert sich meine Wahrnehmung etwas und plötzlich wird aus der Rohfassung ein genauer, bereits gut ausformulierter Plan. Und ich ab dem Zeitpunkt zum Architekten.

3 thoughts on “Gärtner oder Architekt?

  1. Ich merke gerade, dass ich beim Songwriting immer eher der Gärtner bin 🙂
    Aber ich glaube dass das beim Großteil aller Musiker der Fall ist.
    Sehr schön geschrieben!

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