Söldner – Eine Kurzgeschichte

Ben denkt Violinen, wenn er ihre Stimme hört.

Doch ihr Schlaflied klingt von Abend zu Abend mehr wie das eines Laien, ihre Stimmsaiten sind zunehmend missgestimmt. Ein leichtes Zittern ist zu vernehmen, wenn sie spricht, wohl ein notwendiger, statischer Spielraum, damit ihre eigene Gestalt nicht zerbersten muss, nehme ich an. Sie sieht auf Ben.
Sie sieht nicht auf mich.

In ihrem Blick echte, doch abgelenkte Liebe, getrübt von der Selbstsicherheit des Alters, das vergessen hat, was im Leben eines Kindes Bedeutung hat. Ihre Hand auf seinem Haar ist fest und eilend. Er sagt, sie solle auch mich streicheln, doch sie erwidert, ich würde nicht fühlen und Ben wäre zu alt, etwas anderes zu glauben. Dann küsst sie seine Nasenspitze und geht, zieht die Tür gänzlich hinter sich zu, obwohl sie weiß, dass Ben die Dunkelheit fürchtet. Das Nachtlicht ist eingeschaltet, sein Licht jedoch kalt und nur in der Lage, Schatten zu werfen. Es summt in bekanntem Misston.
Ben regt sich. In seinem Kopf, verzweifelt spielerisch, die Stimme eines Kapitäns in Seenot, ein rotes Leuchten und Sirenen;

Die Schotten dicht! Die Schotten dicht!

Und Ben rollt umher, macht leise, surrende Geräusche mit seinen Lippen. Fern in seinen Gedanken klingt eine weitere Stimme über dem Spiel, eine jener Frequenzen, die im Alter das Ohr des Menschen nicht mehr zu stimulieren vermag, eine sägende Stimme. Seine Arme liegen um mich, seine Bewegungen kerkern die Ränder der Bettdecke unter Ellenbogen, Knien und Füßen ein bis sie schließlich um uns gewunden ist. Ich spüre seinen Schweiß auf dem Fell meines Rückens. Sein zitterndes Kinderherz greift nach mir und nur mit Widerwillen lasse ich es herein. „Gute Nacht“, flüstert er, seine eigene Stimme für ihn ein Strick, der seine Aufmerksamkeit hält, in diesem Raum umgeben von Wänden aus Papier.

Ich werde nicht schlafen, Ben.

In meinem Nacken weht sein Atem in länger werdenden Intervallen, sein Gesicht, in meinen Hinterkopf gepresst, zerfließt in Entspannung, als die Erschöpfung ihn übermannt. Meine Watte dehnt sich, wo seine Arme ihren furchtsamen Halt verlieren, meine Augen sind trocken und hart, ich habe keine Lider, ich starre unverwandt. Ich beobachte die Schatten genau.

Wir beide, zusammengekauert, angespannt wie der Muskel unter Haut, die einer Spritze wähnt, Ben schlafend, doch nicht ruhend, ich ewig wach. Als das Geschrei beginnt, sammeln wir beide uns schlagartig aus den Schatten. Gedämpfte Vorwürfe hinter porösen Wänden, Worte voller scharfer Konsonanten. In Bens Ohren verlieren sie ihre Örtlichkeit, haken sich dort fest und rotieren um das Zimmer, das sie so sorgfältig zu meiden versuchen. Und mit der Zeit ist das schlafende Kind vergessen.

Druck ist auf meinen Nähten, Wasser und Salz zieht in die Tiefen des Stoffes ein, der mich zusammenhält, in meinem Inneren gedeiht er, gestaltlos. Und ich spüre, wie ich zerreiße, wie ich zwei werden.

Auch seine Präsenz wächst in den Schatten. Sie quillt tropfenweise, aus ihnen hervor, wächst, wartend, wähnend, wütend. Doch es ist eine Fremde, mir fremd und somit auch Ben fremd, denn sie bebt und knurrt und stiert aus roten Augen. Ich weiß, er kämpft für uns, ich weiß, dies ist auch seine Heimat und doch habe ich in seiner lichtverschlingenden Existenz immer einen Söldner vermutet. In mir bewahre ich einen Ort, an dem ich ihn hassen kann. Denn so, wie die Lampe sich stets dem Dschinn öffnet, um ihn bannen zu können, so verbleibe auch ich in seinem Angesicht. Und vergehe ich, verschlungen, so wird er sich einnisten in Bens Kinderherz und es zu seinesgleichen machen.

Kratzend wimmernde Violinen. Scharfe, laut werdende Konsonanten. Sie fallen staubig von den Wänden und bedecken alles. Hinter mir hustet Ben, sein Griff wird fester; die Türe bleibt verschlossen, da er nicht glaubt, dass er sie verschließen kann. Nein, aus dem Staub, aus toten Hautzellen und zerfallender Sicherheit, sammelt es sich zusammen, wie der Söldner es aus Schatten tut. Im Gegensatz zu ihm hatte es einst Gestalt. Untotes Gebilde aus zerschlissenen Geschichten, Bildern scharf wie die Kanten harten Papiers, Klauen und Zähne schlitzten wie ein erzwungenes Lächeln, wie der Glaube an Bens Ignoranz in vertrauten Augen, die lange schon den falschen Winkel haben, ihn zu spiegeln. Doch heute ist es ohne Gesicht, ohne Vernunft, wie Sand sammelt es sich zusammen und bäumt sich auf, sich erstickend über Ben zu legen, ihn einzukerkern, ihm die Luft zum Schreien zu nehmen.

Unser Söldner erhebt sich. Er baut sich auf, zieht donnernd sie Schwärze aus dem Zimmer, die Schwärze aus den Augenhöhlen Bens, sodass nur noch Licht herrscht, sodass es nichts mehr gibt, das ungesehen bleibt. Durch die Wände dringen vertraute Stimmen, formen unvertraute Worte. Etwas zerbricht, denn etwas zerbricht immer; Ben sammelt in seinem Kopf die Muster auf den wechselnden Tellern, von denen er seine Mahlzeiten verspeist. Die Zahl übersteigt inzwischen die seiner Finger.

Das, was Ben in verzweifeltem Wunsch nach Greifbarkeit das Monster nennt, schreit auf, Augen stieren aus der sandigen Gestaltlosigkeit hervor wie blutbeflecktes, zersprungenes Porzellan. Und der Tanz beginnt.

Das Monster wendet sich um, seine Aufmerksamkeit ist auf Ben, pragmatisch, es treibt seinen Blick widerhakend in dessen Gestalt. Und schon wirft es sich nach außen, in beschleunigenden Kreisen wirbelt es um das wimmernde Kind herum, ohne ihm Beachtung zu schenken. Eine ihm eigene Spannung treibt es an, reißt es auseinander und lässt es schnappend wieder zusammenfahren, ein blendendes und blindes Perpetuum Mobile, das jaulend durch das Zimmer rast und zerstört.

Und der Söldner brüllt.

Auch er treibt seine Aufmerksamkeit in Ben, ebenso schmerzhaft, ebenso gleichgültig. Die Kreise, in die er sich wirft, sind kleiner, verdrängen das Monster, verdrängen auch alles andere, zerstören ebenso. Er ist niemals schneller als sein Tanzpartner, niemals langsamer, seine Kreise beschreiben dieselben Ausbuchtungen, treiben ihn über dieselben Regale, dieselben Spielzeugkisten hinweg, die prallgefüllt mit leeren Dingen stehen. Staub wirbelt auf, der Söldner schluckt ihn, ehe das Monster es kann.

Unter der Bettdecke macht Ben leise Summgeräusche. Muskelkontraktionen lassen ihn schrumpfen, Vorgänge hinter seinem Gesicht pressen salziges Wasser hervor, das an der Luft verdunstet. Seine Stimme vibriert in der Luft. Nun macht er auch die letzten Schotten dicht, dass wir beide alleine sind in schattenloser Entblößung; die Bettdecke flattert im Luftstrom der tobenden Mächte.

Der Söldner erzittert unter Bens Vibrationen, unter der salzigen Feuchtigkeit, er beschleunigt, wird dem Monster immer ähnlicher bis es, endlich, langsamere Kreise zu beschreiben beginnt. Und so kommt es zur Ruhe, ebenso wie Flammen in schwarzem Holz erlöschen.

Das Geschrei ist verstummt.

Das Monster legt sich nieder, Sand rieselt von seiner Gestalt herab und seine porzellanblutenden Augen sind das letzte, was an ihm Gestalt besitzt. Neben ihm der Söldner, noch stehend auf wackligen Beinen, hechelnd wie ein an den Tod heran gerittenes Tier, so sehen sie sich an wie Brüder, die sie zweifelsohne sind. Er geht hinüber zu der staubigen Masse und beginnt, sie aufzuschlecken, er gewinnt an Gestalt, während er das tut. Seine Augen leuchten kurz auf, weiß, glatt und rötlich nass.

Dann rollt er sich auf dem Boden vor Bens Bett zusammen, pulsierend wie an Porzellan zerschnittenem Fleisch.

Mir graut vor dem Morgen.

Denn mit der Dunkelheit wird sich auch der Söldner aus dem Zimmer zurückziehen in mein Inneres, wo er modern wird wie eine Krankheit. Die Violinen verstummen, meine Gestalt leert sich.

Sand reibt Bens Seele wund.

Und der Söldner gedeiht mit blutigen Porzellanaugen, an denen Bens Konsonanten Schärfe erlangen.

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