„Zeilen“ – ein Ausflug in die Lyrik

Ab und an küsst einen die Muse ja völlig spontan und unerwartet. Dann es geht richtig zur Sache…
Das war in meinem Fall nicht der Fall.

Das Gedicht „Zeilen“ entstand während einer – sagen wir recht langwierigen – Gedichtrezitation bei den Thüringer Buchtagen. Ich war damals als Praktikantin des Knabe Verlags umtriebig und wollte unbedingt dieser einen besonderen Lyriklesung beiwohnen (wo ich ja Gedichte so liebe (no sarcasm!)). Am Ende empfand ich nichts weiter als ein schleichendes Gefühl von „Hoffentlich kann ich mich bald unbemerkt fortstehlen„. Wenn ich es rückblickend analysiere und „Zeilen“ lese, muss ich zugeben, dass es wohl auch ein wenig Neid war, der mich aus dem Gedichtsaal trieb. Die damalige Karlotta hätte der heutigen ebenso feindselig blickend gegenüber gesessen…

Zeilen

Kryptisch zu sprechen,
s
chnell abzubrechen
vermag es nicht viel
im Gedicht
um gediegenen krächzenden
Fassaden mit großen Fratzen
nachdenkliches Ansehen zu verleihen.

Du mein Versinken!
Im Tannenzapfenschrei
der Nacht,
wo alles geheim ist
und kühn und selig
und hoffend und sehnsuchtsvoll… 

Hach, wie klingt das herrlich!
Ein halbes Leben bis ich es verstehe,
ein Zeilensprung bevor ich sehe
was da steht.
Wann hast du das geschrieben?,
die
weltoffene Whiskeyhand,
schwankend
im Takt deiner Silben?
Du wehmütig Weintrinkende,
ergriffen Innehaltende,
volltrunken ob deiner eigenen Worte. 

Mit Goethe im Hirn
Mit Schiller im Sinn
Mit Rilke im Reim
u
nd doch keiner der drein. 

Du hast nachgedacht,
h
ast Reime ausgelassen
ausgelassen,
w
as nichts macht,
denn wer
braucht heute noch Reime in seinem Gedicht?
Ich? Nein. 

Brauchtest fühlbare, warme
kühne und selige
hoffnungsvoll sehnsuchtsvolle
Adjektive…  

Legst das, was du denkst
auf die goldene Waage 
am Verkaufsstand der Wortgewandten
und sehnst dich noch immer
nach einem guten Gedicht.  

Hier sitze ich,
fo
rme Zeilen nach meinem irdischen Gelüst,
e
in Gedicht, das deinem gleich sei,
z
u hoffen, zu verzagen, 
z
u schreien und zu spotten sich
Und dein zu verachten
Du Ich! 

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