Skillanes Top 10 Novel-No-Gos

Der Autor – wie jeder Künstler – beginnt als Imitator.

Dieser Schritt ist wichtig für seine Entwicklung und sollte niemals angeprangert werden. Jedoch beobachte ich mit Bedauern, wie viele Autoren niemals über dieses Stadium hinauskommen. Selbst in den Bestsellerlisten bekannter Buchhandelsketten finden sich immer wieder Werke von Autoren, die sich geliehener Kunstgriffe bedienen, ohne diese mit neuem Leben zu füllen.

Selbige habe ich mir nun die Freiheit genommen, zusammenzuklauben, um ihnen einmal gründlich den Marsch zu blasen. Denn allesamt lassen sie mich in ihrer nonchalant verwendeten Selbstverständlichkeit Gift und Galle spucken.

Also vorab eine kleine Warnung: Ich neige zu einer gewissen Lautstärke im Verlauf dieser Schimpftirade und werde zeitweilig nicht davor zurückschrecken, ausfallend zu werden.

Vielleicht wirst du dich angegriffen fühlen. Wahrscheinlich wirst du mir widersprechen wollen. Doch lasse mich eine kurze Rechtfertigung formulieren: meine Wut entstammt eigener Ignoranz. Ich selber habe jede Einzelne der hier verschrienen Todsünden im Laufe der Jahre meines Schriftstellerdaseins voller Inbrunst begangen.

Und ich habe ihrer Zeit Stolz für sie empfunden.

Für. Jede. Einzelne.

Nun, bevor wir uns in die Abgründe der schriftstellerischen Methoden-Drescherei begeben, möchte ich noch etwas klarstellen: ein Autor, der sein Handwerk versteht und gewohnte Werkzeuge zielgerichtet oder gar sinnentfremdet einzusetzen vermag, kann mit selbigen durchaus einen unvergleichlichen Effekt erzielen. Auch finden ein paar dieser Kunstgriffe ihre Rechtfertigung in den Regularien eines bestimmten Genres und mögen dort verziehen werden.

Diese Liste beruft sich nicht auf Erstentwürfe, nein, im Gegenteil. Die Rohfassung – insbesondere solche eines jungen, vielleicht unerfahrenen Autors – ist eine Lehrerfahrung, ein Ausprobieren verschiedener Methoden, eine unsichere Imitation des Bekannten, eine Annäherung an die eigene Stimme und die Substanz des eigenen Buches.

Also, keine weiteren Umschweife; auf zur nicht-hierarchischen und willkürlich nummerierten Liste.

1. Träume ich? Oder sind es Erinnerungen? – Traumsequenzen und Rückblenden

Viele Autoren ergeben sich in Begeisterung über die scheinbar mannigfaltigen Verwendungsmöglichkeiten dieses Stilmittels. Die Darstellung der charakterlichen Gedankenwelt dient, so denken sie, der Offenbarung von Persönlichkeit, sie wühlt die Vergangenheit hervor und setzt sie in einen Bezug zu aktuellen Geschehnissen. Oder sie wirken gar als Prophezeiungen zum Zwecke eines billigen Spannungsaufbaus.

Der Autor, verliebt in seine literarische Kreation, seziert sie und drückt dem Leser manisch die Innereien ins Gesicht, damit dieser unmöglich missverstehen kann, warum der Charakter so verdammt großartig ist.

Traum- oder Erinnerungssequenzen dämmen den Lesefluss, sie drücken den Leser kopfüber in die Toilettenschüssel der Charakterentwicklung. Keine Traumsequenz der Welt kann Informationen auf effektivere Weise liefern, wie es eine dezente Einstreuung in Dialog, Handlung oder Requisiten vermag; der Charakter wird nicht vorgestellt, er wird vorgekaut und hingespuckt. Die Handlung kommt zum Stehen, der Autor offenbart seine Anwesenheit im Text und nimmt dem Leser die Möglichkeit, einen Charakter eigenständig zu begreifen und so lieben zu lernen. Diese Methode ist bequem und reißerisch und erfordern keine besondere, kognitive Anstrengung ihres Verfassers.

2. Informationen auf Knopfdruck

Buchcharaktere sind keine Ballons; öffnet sich in ihnen ein Loch, so strömt nicht augenblicklich alles heraus, was sich in ihnen befindet.

Sie unterliegen – im besten Falle – gewissen Regeln, die ihre Persönlichkeit, ihre Erfahrungen, ihre persönlichen Neigungen ihnen vorschreiben und solange keine dieser Regeln lautet „nutzt dem absoluten Autorkomfort“ gibt es keinen Grund, warum sie sich ungehindert mitteilen sollten.

Viele Informationen existieren in der Hemisphäre zwischen zwei Charakteren bereits und eine erneute Erwähnung durch eine der sprechenden Parteien entbehrt jeder Sinnhaftigkeit.

Und auch bei Unbekannten, auch bei Nebencharakteren ist es ein Zeugnis schlechten Schreibens, wenn sie sich dem anderen gegenüber vorbehaltlos öffnen und ihm die Informationen geben, die er begehrt.

3. Alltagsdialog? Wird für die Literatur reichen.

Wozu ein Buch in die Hand nehmen, wenn ein vergleichbarer Gehalt auch an der Kasse eines Lebensmittelgeschäftes oder vor dem Obststand eines Wochenmarktes zu bekommen ist?

Der literarische Dialog ist ein konstruiertes Gebilde, das sein eigenes Konstrukt verbirgt; seine einzelnen Elemente haben stets Sinnhaftigkeit, sie bringen die Handlung voran oder entblößen Persönlichkeit, sie bieten Hinweise zur Lösung von Rätseln oder die Grundlage zum Verständnis von Taten an.

Es gibt hier keine Verzögerungslaute, keine s und ähms und hms; auch Smalltalk um des Smalltalks Willen ist absolut tabu, denn er bedeutet Stillstand.

Niemals darf ein Autor die beiden gleichstellen!

4. Keinen Fokus setzen – Rost an Ockhams Rasiermesser

Ich verstehe dich, Autor, natürlich, du musstest ein grandioses Gerüst aufbauen, um deinen Roman zu stützen, hast Charakterbögen auf Weltenbeschreibung auf Historie gestapelt, und wofür?

Wo bleibt deine Anerkennung?

Wie bitte, was sagst du? Du willst darauf verzichten, deinen Roman zu pflegen und mästest ihn lieber, dass du ihn möglichst bald und prall der Welt präsentieren kannst? Siehst du nicht, wie krank er ist?

Ich sage es dir; die wahre, die wertvolle Anerkennung erwächst aus dem Verborgenen. Der Moment nach dem Sammeln, dem Plotten, dem Entwickeln, das ist der Moment, in welchem du dich wahrlich altruistisch gegenüber deinem Roman zeigen musst – beschenke ihn reichlich und erwarte nichts zurück. Vorerst.

Setze einen Fokus, eine Thematik, einen Gedanken, eine Moral, es ist völlig gleich, doch setze ihn.

Und dann schneide alles weg, was nicht diesem Fokus entspricht. Lasse es nur im Hintergrund bestehen. Erst eine ausführliche Charakterentwicklung lässt einen Charakter plastisch wirken, da sie ihn eigenständig handeln und sprechen lässt; erst die Ausarbeitung einer Welt gibt deinen Figuren die Möglichkeit, mit selbiger zu interagieren. Deine Arbeit zeigt sich in einer daraus entstehenden Dynamik, in der Überzeugung des Lesers.

5. Nichtige Detailflut

Da sitzt er, der Autor, sabbernd über dem Detailreichtum seines Charakterbogens, ein Produkt zahlreicher Stunden seiner wertvollen Lebenszeit. Er kleidete seinen Charakter ein, zeichnete ihm Muskeln unter die Haut des Gesichtes, gab ihm Vorlieben, Abneigungen und die Fähigkeiten dazu, seine eigene Umwelt zu gestalten. Und nun erwartet man von ihm Bescheidenheit und Subtilität? Welch Unverfrorenheit! Nein, natürlich möchte der geneigte Autor sein Werk zeigen. Also vergeht er sich an seitenlangen Beschreibungen von Kleidungsauswahlprozessen, Farbnuancen und Einrichtung von Lebensräumen oder der wundersamen Vielfältigkeit von Mutter Natur, die der banausische Leser selbstverständlich nicht zu sehen vermag. Was er jedoch übersieht ist die Vergleichbarkeit zu Babyfotos; die Begeisterung der eigenen Eltern wird von externen Personen nur ganz marginal geteilt.

Du Autor, der du dich angesprochen fühlst, komm mal her zu mir, ja, beug dich her und leih mir dein Ohr, ich habe ein Geheimnis für dich…

NOBODY FUCKING CARES!

Details sind fundamental. Sie sind kleine Krieger im Kampf gegen Imitation und erschweren eine mutwillige Kategorisierung; sie geben Tiefe und Komplexität. Doch gerade, weil ihre Rolle so wichtig ist, sollten auch sie Ockhams Rasiermesser unterworfen werden. Wie alles in einem Roman sollte ihre Existenz zweckbehaftet sein: entweder bringen sie die Handlung vorwärts, offenbaren Charakter oder schaffen Atmosphäre. Erst, wenn ein solcher Zweck gegeben ist und die Details dahingerichtet selektiert sind – und zwar in einem Maße, das die Anwesenheit eines Autors nicht schmerzhaft offensichtlich macht – erst dann können sie ihr Potential entfalten.

Der Leser weiß, wie die Natur aussieht. Er kann sich auch vorstellen, was dein Charakter für Kleidung trägt oder wie sein Wohnzimmer aussieht und auch wenn diese Vorstellung von deiner abweicht, bedeutet sie mitnichten ein Versagen deinerseits. Um eine Geschichte zu mögen, projiziert der Leser sich selber, seine Interessen und Sichtweisen, seine Erfahrungen und seine Persönlichkeit hinein und baut auf diesem Wege eine Beziehung zu deinem Werk auf.

Lass dem Leser seine Freiheit.

Gib ihm die Chance, deine Geschichte zu lieben.

6. Lückenfüller

In dem Leben, das der Autor kennt, gibt es keine Punkte, kein Kapitelende; zwei Orte sind verbunden durch Bewegung und einen Zeitaufwand, Dinge werden geschaffen, indem man sie Stück für Stück montiert. Und natürlich schreibt der Autor über das, was er kennt. Doch sein Leben ist nicht literarischer Natur, es hat keinen Fokus und kann aus diesem Grunde nur marginal als Inspiration dienen.

Einige Autoren jedoch zeigen sich verwirrt über diesen Punkt.

Der Leser ist ein kognitiv fähiges Wesen, er kann Zusammenhänge herstellen, wenn du die Umstände glaubhaft machst und gerade die Informationen bietest, die nötig sind. Er bedarf es nicht, dass man ihm erklärt, wie ein Charakter das Geschirr abspült, seinen Mantel anzieht, die Schlüssel von der Anrichte nimmt, die Tasche umwirft, den Hausflur hinunterläuft und zur Bushaltestelle flaniert. Er muss auch nicht wissen, wie zwei Charaktere ewig schweigend nebeneinander in einem Auto sitzen oder zugegen sein, wenn ein Schrank aufgebaut wird.

Gott sei mir gnädig, ich bin bereits gelangweilt, während ich diese Lückenfüller kritisiere.

Denn auch hier gilt: Wenn es die Handlung nicht vorantreibt oder einen Charakter auf eine Weise offenbart, wie es auf keinem anderen Wege geschehen kann, dann gehe ohne Zögern mit Ockhams treuem Rasiermesser drüber.

7. Unnötige und langweilige Verwendung von mannigfaltigen Adjektiven.

Mit Sicherheit ist meine nicht die erste Stimme, die du über Adjektive lamentieren liest.

Ihre Problematik ist in meinen Augen vergleichbar mit jener, auf die ich schon im vorangegangenen Punkt der Details meinen Fokus legte: ein Übermaß an Adjektiven engt die Freiheit des Lesers ein, sich die Geschichte zu eigen zu machen und nimmt ihm seine Autorität.

Ihr Überfluss wirkt bevormundend und verrät eine gewisse Unsicherheit in Bezug auf die Substanz der eigenen Geschichte.

8. „Gezwungene Inquit-Formel Varianz“ brüllte er

Eine übermäßige Varianz in den Verben des Sprechens lässt eine Szene schleunigst albern klingen.

Beinahe wirken die Charaktere dann wie solche in alten Stummfilmen, die, aufgrund fehlender Stimme, ihre Gedanken auf übertriebenem Wege darbringen mussten.

Die Stimmung eines Sprechenden in einer Geschichte lässt sich hervorragend durch dezente Akzente in der Szene definieren, durch einzelne Gesten, Veränderungen in der Mimik oder Handlungen. Da der Leser in der reinen Chronologie unserer Sprache dazu gezwungen ist, das Gesprochene vor der jeweiligen Inquit-Formel zu lesen, wird er selbiges einfärben, wie er es für richtig erachtet.

Und hier ist er gesteuert durch die Details der Szene.

9. Deus. Ex. machina

Viele Worte wurden bereits über diesen Punkt vergossen, dennoch halte ich eine abermalige Wiederholung für unabdinglich.

Übergreifend natürlich geltend für jede Art von Fiktion, wirkt die Verwendung eines Deus ex machina – eines „Gottes aus der Maschine“, wie er buchstäblich alten Theaterapparaturen entspringt –  plump und uninspiriert. Das Publikum möchte entflammen im Rausch der Geschichte und dazu benötigt es Funken, die durch Reibung entstehen. Konflikte sind also von fundamentaler Wichtigkeit.

Jedoch, werte Freunde der Einfachheit, sind Konflikte erst dann richtig zündend, wenn sie einer baldigen Lösung – positiver oder negativer Natur – dringend bedürfen und eine solche zu liefern gehört ebenfalls zu den mannigfaltigen Aufgaben des Autors.

Seine Bemühungen an dieser Stelle zeugen von Respekt gegenüber seinem Publikum. Wird diese Verantwortung jedoch mit Gleichgültigkeit behandelt, indem die etablierten Regeln des Werkes gebrochen oder umgangen werden, so offenbart der Autor eine ledigliche Gier nach der Währung der Emotion, mit welcher er von seinen Lesern vergütet wird. Den Willen, selbigem dabei in die Augen zu sehen, kommt diesem Autor dabei abhanden; der Leser ist ihm wohl kognitiv nicht ebenbürtig, so denkt er, und mag ruhigen Gewissens mit fehlender Logik und absoluter Willkür abgespeist werden.

Schande über ihn!

10. Mangelhafte Rechtschreibung

Selbstverständlich, ja, du bist ein Künstler, nicht wahr? Bloße Förmlichkeiten widern dich an, engen dich ein, berauben dich deines weltverändernden Potentials. Rechtschreibung und Grammatik sind Werkzeuge von Konformisten. Pfui!

Erinnerst du dich, wie wir über den Respekt für dein Publikum gesprochen haben? 

Rechtschreibung dient der Leserfreundlichkeit, macht in manchen Fällen die erfolgreiche Übermittlung von Gedanken erst möglich, beugt Missverständnissen vor.

Indem du ihr deine wertvolle Zeit nicht opferst beteuerst du, dass sowohl dein Leser, als auch dein Werk selbst von dir in keiner Weise geschätzt werden. Du wirkst unprofessionell und gestaltest dich als Amateur in den Augen der Menschen, die zwischen tausenden von Büchern ihre persönliche Lektüre wählen.

Und dann schlagen sie dein Werk auf und werden sogleich mit Gänsefüßen – oder dem Mangel selbiger – getreten.

Ich beglückwünsche dich, arroganter Niemand, dessen Namen auf einem zerknickten Buch in den Tiefen eines regennassen Pfennigtisches liegt. Du hast wahrlich einen Mehrwert für die Welt geschaffen.


Da ist sie also, eine Liste der Dinge, die du vermeiden solltest, wenn du diese willkürliche Internet-Person hier nicht zur Weißglut treiben willst.

Viel Glück!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere