Zwinkersmiley – Gespräche im Zeichen fehlender Artikulationsangebote

Handys, WhatsApp, Emoticons- schön und gut. Aber gerade unter Verwendung bestimmter Zeichen der Artikulation- wie dem Zwinkersmiley- scheiden sich ja bekanntlich die Geister…

Der Teekocher kocht. Die Türklingel klingelt. 
Kurz bin ich verwirrt. Von beidem.

Zwei Buddhas

Ich laufe gen Tür, doch eine innere Stimme- ruhig, besonnen, ausgeglichen, weise und mit einer auffälligen Vorliebe für Rosmarinchips- rät mir zu warten.
Es ist mein innerer Buddha. Buddha sagt „Öhm.“
Also bleibe ich stehen, wartend auf Anweisungen aus der oberen Etage.
Buddha sagt: „Gieß erst noch den Tee auf, sonst wird das Wasser so schnell kalt. Die Türklingel wird schon noch einen Moment warten können. Und der Gast, der hinter der Klingel steht…auch.“
Logisch. 

Mein innerer Buddha lebt nach dem Motto Weile ohne Eile.
Allerdings teilt er sich mein Gehirn mit der etwas weniger gechillten Version von sich selbst, für die es keine religiösen Vorlagen gibt. Mit einer Art effektiverem, nüchternem und rationalerem Buddha, der schnell dazwischenfunkt, auch bei völlig unnötigen Entscheidungen, wie der, ob ich zuerst den Teekocher oder die Türklingel bedienen sollte.
Ein bisschen sieht er aus wie mein Bankberater aussehen würde, wenn ich einen hätte.  

Bankberaterbuddha sagt: „Mach sofort die Tür auf! Es hat doch geklingelt, da macht man die Tür auf, da macht man sie sofort auf, denn sonst klingelts ja wieder.“
Logisch. 

Meine Beine hadern zwischen den Kommandos von Buddha und Bankberaterbuddha. Wie zwei Bärenbabys nach dem Winterschlaf zu ihrer Mama, schauen sie zu mir und warten darauf, dass etwas passiert. 

Es. Passiert. Nichts.  

Und so stehe ich einen kurzen überflüssigen Augenblick rat- und bewegungslos im Flur, gefangen zwischen den Möglichkeiten unter dem Dach postmoderner Beliebigkeit und der Obdachlosigkeit potenziell unendlicher Welterfahrung.  

Angesichts dieses sinnunerfüllten Moments macht mein Mund das einzig sinnvolle Geräusch:

Bbbbbrrrrlaaaahhhggh“.  

Hinweise

An dieser Stelle erfolgt ein wichtiger Hinweis:
Um die realistischen Bezüge dieser Geschichte zu verwischen und die Privatsphäre der auftretenden Personen zu schützen, verwende ich nun im Folgenden ausschließlich, vielleicht oder auch überhaupt nicht, die tatsächlichen Namen oder Decknamen der real existierenden und nichtexistierenden Personen.  

An der Tür steht Florian Berthold, genannt Flowbe.  

An dieser Stelle erfolgt ein zweiter wichtiger Hinweis:
Die Autorin möchte sich zu allen Szenen, die da kommen oder gehen, bekennen und distanzieren. Die Ereignisse, die im Folgenden beschrieben und ausgelassen werden, können Ähnlichkeiten und Abweichungen von der Realität und/oder der Fiktion haben und sind nicht zwingend der Autorin, aber auch nicht unbedingt jemand anderem passiert. So genau kann man das nie sagen.
Was man aber sagen kann, ist, dass in dieser Geschichte kein Tier zu Schaden kam.  

Problemtee

„Ich bin auf eine Ameise getreten.“, sagt Florian Berthold, genannt Flowbe.
„Wie blöd.“, sage ich.
„Aber ich habe Kuchen dabei.“
„Na dann.“ 

Florian Berthold, genannt Flowbe nimmt die Stube in Beschlag und ich hole den mittlerweile lauwarm gewordenen Tee aus der Küche. 
Es ist ein spezieller Tee.  Ein Problemtee.  

Problemtee zeichnet sich nicht etwa durch eine lukrative Verpackung aus, wie sie seinen aufgussfreudigen Angehörigen vergönnt ist, nein! Anders als die Wellness- und feelgood-Tees aus der Oase der Bekömmlichkeit, der tiefenreinen Entspannung und der „Hol dir Kraft und heiße Lebenslust“-Teekanne, verspricht der Problemtee nicht zwingend Leichtigkeit und gute Laune. 
Er ist einfach ein stinknormaler Pfefferminztee vom little goodgoldboy und er wird von meiner Wenigkeit zubereitet, wenn es Probleme zu diskutieren gibt.  

Das fing an, als ich mit meinem ersten richtigen und in höchstem Maße problematischen -weil konfliktfähigem- Freund zusammenkam und wir uns häufig bei mir zu Hause stritten. Da ich beim Streiten oft sehr laut wurde und mein Hals dann kratzte und ich außerdem Beschäftigung brauchte, um die kochenden Emotionen nicht komplett überkippen zu lassen, ging ich mit der Zeit einfach dazu über, Tee zu kochen, wenn sich ein Konfliktgespräch anbahnte. Da hatte ich wenigstens etwas in der Hand, konnte rühren, Zucker hinein kippen, neues Wasser aufsetzen, mir die Zunge verbrennen und hinausrennen, wenn ich mir die Zunge verbrannt hatte. 
Die perfekte Lösung beim Lösen aller Probleme.  

Und ähnlich wie der Pawlowsche Hund durch sein russisches Herrchen Iwan darauf konditioniert wurde, beim Gebimmel eines Glöckchens auf Futter zu warten, erwarte ich mittlerweile bei jedem Streit, den ich ausdiskutiere, eine Tasse Tee.
Vermutlich bin ich halb Britin. 
Gott sei Dank hat mich der Tee bislang noch nicht darauf getrimmt, Konflikte heraufzubeschwören, sonst wären die Tage der Grippewellen noch leidvoller als ohnehin.  

Streitgespräche

Ich gieße Flowbe und mir den Problemtee ein, denn wir sind dabei uns zu streiten.
Unser erster Streit. Es verspricht spannend zu werden.
Als der Streit aufkam, war es nicht sooo sonderlich spannend, denn er wurde über das Handy geführt (da ist man meistens allein mit sich und dem ganzen Ärger) und er war einer jener Streits, bei denen man erst recht spät mitbekommt, dass der andere sauer ist und dann beginnt man selbst auch sauer zu werden- und Oh-Mein-Gott! Was kann ich sauer werden beim Schreiben.
Eine meiner Spezialitäten, die sich leider recht selten bewährt haben.
Wogegen ich bei einem Streitgespräch schnell die Notbremse ziehe und sehr wissenschaftlich analysiere, wo der Hase im Korn begraben liegt und warum wir uns alle eigentlich ganz doll liebhaben.
Mit Flowbe habe ich, wie gesagt, noch nie gestritten und schon jetzt bin ich ganz aufgeregt.
Eine Weile betreiben wir höflichen Smalltalk. Es beginnt sich eine Spannung zu entwickeln, die ich als nervöses „Nun fang schon endlich an“-Kribbeln bezeichnen würde.

Es ist ein bisschen wie beim allerersten Kuss. Nur ohne Kuss. 
Beide- Partei Flowbe und Partei ich- sind wir beisammen und wissen worum es geht und warum wir hier sind und dass es passieren wird, weil wir ja beide deswegen da sind und früher oder später muss es ja passieren, aber einer muss den ersten Schritt machen und keiner traut sich so richtig.  

Also bleibt es beim ausdrucksschwachen Sprachtanz um dieses und jenes: 
Das gesundheitliche Befinden, das berufliche Befinden, das Befinden der Freunde, das Befinden der Liebsten, das Befinden der Küchenkräuter und irgendwann befindet man sich in einem nicht enden wollenden Kreis von Höflichkeiten, den es zu brechen gilt.  

Also breche ich ihn – und fühle mich dabei wie Joseph-Gordon Levitt in Looper. 

„Flowbe, ich muss dich jetzt einfach fragen. Warum bist du bei WhatsApp so gemein gewesen? Warum bist du IMMER so gemein, wenn wir bei WhatsApp diskutieren?“ 

Kurz ist Flowbe verdutzt. So als hätte ich mitten im Gespräch den Rock gelüftet.
Sehr gut, der Ball liegt auf meinem Spielplatz.
Hätte ich ihn gefragt, warum er bei WhatsApp immer so ein Arsch ist, hätte er bestimmt gleich zum Gegenangriff ausgeholt und das Vorwurfskarussell angeschmissen, aber der Vorwurf gemein zu sein, ist so niedlich und kindisch, dass man darauf nichts wirklich Böses erwidern kann. 
Ironischerweise habe ich als Kind meine Freunde nie gefragt, warum sie so gemein gewesen sind. Ich habe sie eher gefragt, warum sie so bescheuerte Flitzpiepen, so ein Doofie Doof Doofmann, so eine dämliche Ziege oder so schlechte Verlierer sind.
Im Nachhinein betrachtet, waren das keine sehr diplomatischen Streitgespräche. 

„Ich bin überhaupt nicht gemein. Du interpretierst das nur immer so. Ich bin vielleicht ab und zu genervt, aber das liegt nur daran, dass du alle so nervös machst.“

What? Boah!
Jetzt geht’s los.
Alle meine Freunde kriegen n Klaps aufn Po. 

„Ich mache alle nervös? Pah- ich bin bloß vorsichtig und gebe bestimmte Dinge zu bedenken, die du ja offensichtlich nicht bedacht hast.“

„Ich hab die schon bedacht, ich hatte ja schließlich auch die Idee. Und ich dachte, du kannst mich soweit einschätzen, dass ich nicht jemand bin, der sowas einfach macht, ohne Nachzudenken. Ich hab schon ein bisschen Ahnung und ich finde es verletzend, wenn du mir die absprichst.“

Verletzend
? Das trifft mich tief.
Verdammt!

„Ich hab dir doch nichts abgesprochen! Natürlich weiß ich, dass du Ahnung hast- aber ich hab auch ein bisschen Ahnung und die wollte ich eben mit meinen Freunden teilen. Ich hab mir bloß Sorgen um euch gemacht.“

„Also ich fand, du hast dich im Gespräch ganz schön arrogant artikuliert.“

Deine Mudda hat sich arrogant artikuliert!, ruft Bankberaterbuddha.  

„Wieso?“, frage ich betont lässig, obwohl ich mich gerade wie Bambi nach dem Tod seiner Mutter fühle.
„Keine Ahnung wieso. Das frage ich dich.“
„Nein- ich meine, wieso glaubst du das?“ 

Freund Zwinkersmily und die Kunst der Auseinandersetzung

Flowbe überlegt.  

„Du verwendest zum Beispiel immer, nachdem du deine Bedenken geäußert hast, einen Zwinkersmiley.“ 

Ich überlege. 

„Na und? Zwinkersmilies sind cool.“
„Der Zwinkersmiley ist arrogant.“ 

Was redet der Mensch denn da? 

„Ist er nicht.“, sage ich und es klingt wie eine Frage. 

„Ist er. Er sagt ‚Hey- du hast keine Ahnung, aber ich schon. Ich belehre dich mal, wie es da draußen zu geht in der Welt, denn ich weiß alles und du NICHTS und dabei schaue ich dich lächelnd an, aber wir beide wissen, was ich meine‘-zwinker. 

Fassungslos starre ich ihn an. Dann zwinkere ich. 

 „Also ich glaube ja, wenn überhaupt, dann sagt der Zwinkersmiley in etwa sowas wie ‚Hey, hast du schon über diese und jene Möglichkeit nachgedacht? Ich werfe das nur mal ein, damit du es nicht vergisst, aber ich zweifle nicht an deiner Eigenständigkeit, denn ich bin total cool-zwinker‘. 

„Klingt einleuchtend.“
„Ja?“
„NOT!“

Mein WhatsApp-Weltbild stürzt langsam aber sicher in sich zusammen. 

„Der Zwinkersmiley ist arrogant?“, frage ich zweifelnd.
„Schon immer gewesen. Aber mach dir nichts draus. Emoticons verändern die Wahrnehmung der Wirklichkeit.“
„Das hätte mir im Berger/Luckmann-Seminar mal jemand sagen sollen.“
„Wer?“
„Kennst du nicht ;)“
„Ich finde, wir sollten uns ohnehin nicht über WhatsApp streiten. Man weiß nie, wie das gemeint ist, was da steht.“ 

Recht hat er eigentlich, der Flowbe.
Blöder Besserwisser. 

Vor einem Jahr lud ich meinen Freund Marcus Bichtemeier, genannt Maybi, zusammen mit seiner Freundin zu unserer Weihnachtsfeier ein.  Sie kamen nicht. Es gab viel Tee danach. Als ich ihnen dieses Jahr (wir waren in der Sache wieder völlig versöhnt) kurz vor der Weihnachtsfeier aufgrund anstehender Geschenkeverpackschwierigkeiten die kurze und völlig ernstgemeinte Nachricht „Lasst euch ruhig Zeit! ;)“ schrieb, blickte Maybi mich beim Willkommensgruß spöttisch an und sagte: 
„Du kannst diese Sache wohl nie vergessen, oder?“
Diese Erfahrung lehrte mich, dass Literatur auch in seiner kleinsten, reinsten und simpelsten Form immer noch jede Menge Meinungsfreiheiten und Deutungsspielraum zulässt. 

Das Chaos der Emoticons  

„Was ist mit den anderen Emojis?“, frage ich Flowbe. 

 Meine Sorge, mich mein schönes ganzes Handyleben lang irrtümlicherweise arrogant und noch schlimmer ausgedrückt zu haben, wächst mit jeder Minute. 

„Gibt’s da noch andere, die man unterschiedlich auslegen kann?“
„Kommt darauf an. Wie legst du sie denn aus?“ 

Flowbe zückt sein Handy und er und ich gehen die ganze Palette der undeutlichen Emotionswesen durch. 

„Der lachende Smiley hier…“, erklärt er.
„Ja?“
„Der bedeutet, dass man lacht.“
„Aha.“
„Und der traurige Smiley hier…“
„Ja?“
„Der zeigt, dass man traurig ist.“
„Interessant. Was ist mit dem da? Lacht der Tränen oder weint er in Strömen?“
„Ich glaube, das kann man in beide Richtungen verwenden.“
„Mhh. Warum ist da ein Shrimp dazwischen?“, frage ich.
„Der ist unter meine Favoriten geraten.“
„Aha. Sagt der was aus, der Shrimp?“
„In meiner Welt sagt der alles aus.“
„Hast du gerade einen Zwinkersmiley hinter diesen Satz gesetzt?“ 

Flowbe tippt auf den lachweinenden Emoji. Eine Weile starren wir beide das Display an. 

„Mein Favorit ist der Sabbernde.“, sagt Flowbe.
„Allerdings verwende ich den nur selten.“
„Mein Favorit ist der schüchtern nach oben Blickende.“ 

Ich deute auf den kleinen gelben Knirps mit Augen wie aus einem Anime. 

„Du meinst den Augenrollenden?“

Ich schaue nochmal hin. 

„Oh Mann! Willst du mich verarschen?“
„Also wenn du dein Leben lang nur Zwinker- und Augenroll-Emojis benutzt hast, wundert es mich, dass wir hier das erste Gespräch darüber führen.“, sagt Flo augenrollend.
„Warum bist du nochmal so gemein?“ 

Wir trinken noch eine Weile Tee, essen Kuchen und unterhalten uns mithilfe unserer Gesichter. 
Ich muss sagen, das funktioniert nach wie vor hervorragend.

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