Fräulein K. präsentiert: „Der Winther kommt“

Heute haben wir die Ehre, einen höchstwillkommenen Gast begrüßen zu dürfen.
Viele Worte zu verlieren würde nur das Erlebnis der Lektüre schmälern, deswegen üben wir uns in Verzicht.
Vielmehr: lasst euch darauf ein, dass dieser Gastbeitrag euch zu dieser wunderschönen Zeit des Winteranfanges genüsslich penetriert.

Denn so lässt Autorin Fräulein K. verlauten: „Der Winther kommt“

Der Winther kommt  

Dem Herbst gewidmet. 

Des Winthers nackte Arschbacken quietschten, den ausklappbaren Untergrund prüfend, auf glänzend geschmirgeltem Hörsaalsitzholz. Hörsaal 3. Sitz Nummer 37. Vorderes unteres Drittel. Links. Dozentisches Probesitzen. 4:30 Ortszeit.  

Dr. Dorian Winther betrat die Universität, die bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht genannt werden will, als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Wintersemester 2017. Bemessene Bonner Moralphilosophenschritte erkundeten den fremden Campus wie eine glatte zugefrorene Fläche inmitten eines feindseligen Schneegestöbers. Es war Herbst.
Dorian Winther war weder groß noch klein. Seine Schweinsäuglein blinzelten beinahe wimpernlos hinter einer Brille hervor, die als altertümlich hätte gelten können, wären den Blick korrigierende Doppelgläser nicht erst im 13. Jahrhundert aufgekommen. Da sein Alter die meisten Fragenden stets auf unangenehme Weise überraschte, sorgte Dr. Winther für die passendere Zahl oder eine ausweichend scherzhafte Erwiderung, so dass man in ihm lediglich einen nicht ganz passablen Enddreißiger oder Mittvierziger vermuten konnte, je nachdem, wessen Wertung er gerade an sich geheftet fühlte. Dr. Dorian Winther war von Kinderzeiten an unpassend gekleidet: Im Winter fror er und im Sommer schwitzte er, das ging auch anders herum. In jedem Falle war er von Kleidung unangenehm in seinem Körpergefühl berührt, wenn nicht sogar eingeschränkt und befremdet. So bemerkte er bereits sehr früh, dass er sich nackt am wohlsten fühlte. 
Dr. Dorian Winthers philosophisch ausgerichtetes Denken war engmaschig mit seinem Wohlbefinden verknüpft. Es bemächtigten sich seiner besonders große und tiefe Gedanken vor allem dann, wenn er sich ausgesprochen wohl fühlte. Die Moral an der Philosophie klemmte dabei irgendwo in seiner Gesäßmitte.  

Im Mitarbeitergebäude der Universität, einem unansehnlichen, schlecht verputzten Haus am äußeren Campusrand, befand sich das Büro von Dr. Dorian Winther. Vor wenigen Tagen waren sein Name und Titel, der Fachbereich und Sprechstundenzeiten – nur nach Vereinbarung – von der freundlichen Sekretärin – Fräulein P. – ausgedruckt und unter eine, neben der Bürotür angebrachte, rechteckige Glasplatte geschoben worden. „Fräulein P.“ Das Wort Fräulein gefiel ihm, war die Verkleinerung von Frau, nahm dem nicht immer schönen Geschlecht seinen spitzzüngigen Stachel, rückte das Wort Frau klanglich in die Nähe von fräundlich. „Fräulein Freundlich.“ Dr. Winther balancierte die Worte, als könne er sie einzeln schmecken, ließ sie dann, miteinander tanzend, geschmacklich auf seiner Zunge verschmelzen, rollte sie ab, ließ sie über die Zungenspitze hüpfen und versprühte dabei winzige Spucketröpfchen. Die Bedeutung eines Buchstabens ist sein Gebrauch in der Sprache ‒ geisterte es, Worte kostend, durch einen souveränen, omnipotenten Verstand, und aus Frau P. wurde Fräulein P., wenig später Fräulein Freundlich, denn so verhielt sich die zuvorkommende Sekretärin des Fachbereichs Philosophie nun mal, und schließlich taufte Dr. Dorian Winther die arglose junge Angestellte insgeheim in Fräulein F. um. Hinter dem getilgten P. lugte ein schüchternes f hervor und das zunächst fräundliche f war nun auch nicht länger von eben jener Bedeutung, vielmehr bereitete es einem neuen, überaus vulgären Wort (das an dieser Stelle ausgespart bleiben soll) seinen Weg in die Gedankenwelt des Winthers.    

Dr. Dorian Winther saß lesend, Kants Vernunftbegriff auf dem Schoß, in sich mit sich selbst disputierend, sicher eingeschlossen und mit heruntergelassenen Hosen in der ersten von je 3 Toilettenkabinen des universitären Herrenklos links, Mitarbeitergebäude 2, dritte Etage. Sich mit Kant allein wähnend, unterließ er es erfreut, die vor Anstrengung schwitzenden Arschbacken abwechselnd anzuspannen und drückte aus Leibeskräften. ‒ Plumps. 
Ein enormes Platschgeräusch, flankiert von einem erleichterten und zutiefst befriedigten Seufzen, schickte Toilettenwasser in direktem Flug zurück an des Winthers Hintern. Dr. Winthers rechte Hand fuhr im inzwischen ritualisierten Bewegungsablauf nach hinten. „Mist.“ Die handlange Papprolle war alles, was diese Toilettenkabine, anstelle von zu erwartendem Klopapier, noch zu bieten hatte und drehte sich, durch den wintherlichen Schlag in Bewegung gesetzt, missmutig einmal um die eigene Achse. 
DRITTER ABSCHNITT. ÜBERGANG. VON DER METAPHYSIK DER SITTEN ZUR KRITIK DER REINEN VERNUNFT, Dr. Winther fand nur beinahe kritiklos zurück zur Praktischen Vernunft und erwägte das abenteuerlich unvernünftige Vorhaben, halb bekleidet die nächste Kabine zu erstürmen und sich so das heiß begehrte Klopapier zu sichern. Gerade als er sein tollkühnes Vorhaben in die Tat umsetzen wollte, vernahm er Stimmen im Vorraum der Herrentoilette. „Mist“, entfuhr es ihm knapp. Dies ist aber gerade die Formel des kategorischen Imperativs „Großer Mist.“ … und das Prinzip der Sittlichkeit : also ist ein freier Wille und ein Wille unter sittlichen Gesetzen einerlei. „Verdammter Mist.“ … es scheint also, als setzten wir in der Idee der Freiheit eigentlich das moralische Gesetz, nämlich das Prinzip der Autonomie des Willens selbst, nur voraus „Immer noch Mist.“ Dr. Winther kniff die  feuchten Backen bei dem bloßen Gedanken an Freiheit noch verbissener zusammen.
Die Kollegen hatten währenddessen allem Anschein nach beschlossen, ihren Toilettengang zu einer internen Besprechung, wenn nicht sogar Sitzung auszudehnen und inzwischen fror des Winthers bleicher haariger Hintern unter den zuvor hart erkämpften feinen Schweißperlen erbärmlich. 
Dr. Dorian Winther hasste kaum etwas so sehr wie ungeladene Gesellschaft auf der Toilette und so bemühte er sich mit wachsender Verzweiflung, besonders leise zu atmen und sich auch ansonsten für alles Geschehen außerhalb seiner eigenen Kabine tot zu stellen. 
Um sich abzulenken, zwang er seinen visuellen Fokus von dem Inhalt der Worte auf bedeutungsleere Seitenzahlen, blätterte die abgegriffene rote Suhrkamp-Taschenbuchausgabe einmal komplett durch, kam von vorne und von hinten und von hinten wieder nach vorne. Die Stimmen blieben. Hatten sich festgesetzt. Waren nun hinter eigenen Kabinen gedämpft. Aber unterhielten sich weiterhin. Unterbrochen und begleitet von den üblichen Toilettengeräuschen, die der Winther nur bei sich selbst ertrug. 
Konzentriert, doch innerlich berstend zerriss Dr. Dorian Winther langsam die erste Seite, auf der sich Kant zur Sittlichkeit äußerte. Der Riss, der von der oberen rechten Ecke des Buches ausging, zerteilte die Allgemeingültigkeit praktischer Notwendigkeiten systematisch, sehr bewusst, quasi a priori. Einmal angefangen produzierte er dünne Papierstreifen, die, das hatte er sich selbst zur Vorgabe gemacht, nicht sehr viel breiter als ein Zentimeter werden durften. Eine Seite ergab etwa 7 Papierstreifen, die nun, sich rasant vermehrend, achtlos auf den Kabinenboden segelten.
Dr. Winther freute sich am Verriss und grinste breit. Zugleich fragte er sich, ob es wohl jemanden geben würde, der Kant in die ursprüngliche Form zurückverhelfen würde, eine neugierige Person, einen besonders beflissen Studenten vielleicht, oder noch besser: eine engagierte Putzfrau. Er grinste breiter. Als er es zuletzt nicht mehr aushalten konnte, riss er dem Buch ganze Seiten aus und warf sie mit großem Elan über seine rechte Schulter. Erschrocken stellte er fest, dass einige Seiten mit großem Schwung auf der anderen Seite seiner Kabinentür landeten. Draußen. „Mist“, entfuhr es ihm augenblicklich.
Er spähte durch den etwa handbreiten Spalt (er maß beinahe alles an seinen Händen) und entdeckte mit großem Entsetzen, eine einem Schatten zugehörige Hand, die eine der ausgerissenen Buchseiten ergriff und geräuschlos nach oben schweben ließ. Der Winther hielt den Atem an. Sein Grinsen war gefroren. „Aha“, erklang es anklagend auf der anderen Seite der Toilettentür. „Ich hab es doch gewusst“, tadelte die andere Stimme. Abrupt und unerwartet gnädig beschlossen die Männer auf der anderen Seite der Tür, sich zu entfernen. Dr. Winther atmete erleichtert aus: Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit, als eines t i e r i s c h e n Geschöpfs „Scheiße“, und benutzte die hinterbliebenen Buchseiten, um sich den inzwischen eiskalten Hintern abzuwischen.  

Fräulein f. stand erschrocken schweigend und mit offenem Mund in der einseitig geöffneten Flügeltür des Hörsaals, einen Stapel Akten fest an die Brust gedrückt. Dr. Dorian Winther blickte entrückt und zugleich fasziniert auf ihren zu einem O geformten Mund. Der sich straffende Körper des Fräuleins ließ eine sehr empörte Frau P. erahnen; Sekretärin des Fachbereichs für Philosophie, nun nicht länger freundlich. Als wäre der Blitz hinter die junge Frauenstirn gefahren, zeichnete sich über der rechten Augenbraue der Sekretärin eine steile Zorneslinie in Zickzackform ab. Diese schlug völlig unerwartet hinter den dicken Brillengläsern des Winthers ein und traf ihn dennoch zielsicher mitten in den verschwitzten Brustkorb, der sich überraschend schnell flachatmig verengte. Unvermittelt und vom Blitz gerührt, bemerkte Dr. Dorian Winther verblüfft das Handy von Fräulein-nun-unfreundlich. „Samsung Galaxy A5, black-sky“, hüstelte der Winther überlegen dreinblickend mit nun wieder zusammengekniffenen Schweinsaugen in Richtung des erbosten Gesichtes, das seinen Mund von einer O-Form in einen strengen horizontalen Strich verwandelt hatte. Die Sekretärin schnappte hörbar nach Luft, straffte sich erneut und hub an, während sie wild mit dem Smartphone gestikulierte, das ihr aus der linken Hand zu fliegen drohte: „Mit Beginn des Sommersemesters sind Sie hier verschwunden, Herr Doktor!“, drohte das Smartphone mit der Sekretärinnenstimme.  

Damit hatte der Winther nicht gerechnet. 

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