[Kurzgeschichte] Coco

Heute möchte ich euch eine Kurzgeschichte präsentieren.
Kein langer Entstehungsprozess, einfach nur ein Gedanke. Er wurde schnell herunter geschrieben. Dann erhielt der Text eine mehrtägige Wirkzeit, bevor ich mich nochmal daran gesetzt habe. Und nun ist er fertig. Und weil ich mir vorgestellt habe, dass das Lyrische-Ich so heißen könnte, trägt die Geschichte den Namen

Coco

“Ich könnte dich hier raus holen”, sagt er bereits zum dritten Mal und trinkt einen Schluck Champagner.
Ich lächele und schenke uns beiden noch etwas in unsere Gläser ein. Der Typ, dem ich zugewandt an der Bar sitze, leckt sich über die wulstigen Lippen, als sein Blick zurück zu meinen Brüsten wandert. Ob er mit mir oder meinem Busen gesprochen hat, frage ich mich.
Er hat ein 08/15-Gesicht. Ähnelt klebrigem Kuchenteig mit kleinen Augen. Die Nase geht in all dem Fett fast unter und wäre in einem schlanken Gesicht beinahe niedlich. Am meisten ekele ich mich vor seinen Lippen. Sie haben eine dunkle Farbe und sehen, wenn er sie wieder anfeuchtet, aus wie Nacktschnecken. Sein Doppelkinn vibriert wenn er spricht. Es bebt fast, wenn er lacht. Und er lacht sehr oft. Über seine Witze.
Ich kann mich gar nicht genug betrinken.
Er ist das erste Mal hier. Hat es sich anders und doch genauso vorgestellt. Vielleicht hat er auch bisschen mehr Romantik erwartet, wenn eine von uns mit ihm ins Gespräch kommt.
“Du musst das hier dann nicht mehr tun”, sagt er.
Er gibt sich als mein Retter aus. “Eigentlich bin ich auch nicht der Typ für sowas.” Seine Stirn hat sich in Runzeln gelegt. Fette, teigige Hautfalten. Selbst seine Stirn scheint aus einer Fettschicht zu bestehen. Ist dort nicht einfach nur Haut und Schädelknochen, schweifen meine Gedanken ab.
Und was redet er davon, dass er nicht der Typ für sowas ist? Er hat schon mehr als einmal versucht mich anzufassen. Wenn ich meine Brüste zusammendrücke oder mit den Hüften kreise, sammelt sich Speichel in seinen Mundwinkel und er starrt wie hypnotisiert auf mich. Das Geld wirft er mir dann regelrecht entgegen.
400 Euro konnte ich ihm schon aus der Tasche locken. Es sollten noch weitere hundert werden, damit sich das Ekelgefühl auch wieder legt.
“Wenn du meine Freundin wärst, dann würde ich dich wie eine Prinzessin behandeln.”
Das ist mein Stichwort. Der Champagner ist leer und ich verdiene an jeder Flasche mit. Betont beiläufig versuche ich mir etwas einzuschenken. Der Typ merkt, dass nichts mehr drin ist und bestellt eine neue Flasche.
Ich bin fast zufrieden. Wenn ich ihm gleich noch zweimal meine nackten Titten und meine Muschi zeige, dann lässt er das letzte Geld noch springen und ich kann mich einem anderen zuwenden.
Jemanden ohne Meinung. Einem, der sich nicht als Weltverbesserer verkleidet aber darunter eine notgeile Chauvi-Fratze trägt. Gepaart mit einem Shirt auf dem steht “Rückenmassage, anyone?”. Über dem Text sieht man zwei Strichmännchen im Doggy Style. Das Shirt ist fleckig.
Ich bemerke einen meiner Stammkunden, der das Lokal gerade betritt und wünsche mich zu ihm.
Frischer Champagner sprudelt in meinem Glas und ich trinke einen großen Schluck. Egal wie das nun aussehen mag. Ein kleiner Tropfen fällt auf mein Dekolleté. Starr geht der Blick des Typen dahin und verfolgt den Tropfen genau zwischen meine Brüste. Ich erwarte schon fast, dass er sein Gesicht zwischen sie drückt und den Tropfen ableckt. Ich wische ihn jedoch nicht weg. Immerhin fehlen noch achtzig Euro.
“Kannst du mir nachher einen blasen?”, fragt er plötzlich und ich sehe ihn überrascht an.
Er sieht mich an mit weißem, schaumigen Speichel in den Mundwinkeln und sein Blick sagt mir deutlich, dass er davon ausgeht, dass es hier so läuft. Dass es genau das ist, was er von mir erwartet.
Er will mich retten. Will mir meinen Willen nehmen. Für einen Blowjob.
Ich stehe auf, reibe mir den Tropfen von den Brüsten und sehe ihn an. “So läuft das hier nicht, Schätzchen. Du musst schon selbst Hand anlegen. Danke für den Champagner.”
Und dann lasse ich ihn einsam an der Bar sitzen.

Ich gehe auf den Ausgang zu. Der Typ der gerade hereingekommen ist, hat ein 08/15-Gesicht, mit niedlichen Grübchen, und ist dicklich, mit unglaublich starken Armen. Er schwitzt sehr schnell, riecht aber nach Seife und ein bisschen nach teurem Rasierwasser. Er trägt elegante Kleidung und hat seine Haare zurecht gemacht. Seine Lippen sind voll und verführerisch. Und verziehen sich zu einem Grinsen, als ich auf ihn zugehe. Er fragt, wie es mir geht und ob ich gleich Feierabend habe.
“Noch ein Tanz, Liebling. Dann können wir nach Hause”, sage ich.

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