Das Notizbuch – Eine Meditation

Es ist die bodenlose Handtasche des Schreibenden, das papierene „aus-den-Augen-aus-dem-Sinn“, die eine unordentliche Schublade, die keine Kategorien verlangt, die nicht urteilt, die nur auffängt und bewahrt.

Es ist die Visualisierung von Gedankengängen, der rote Faden zwischen Ideen. Eine Manifestation des eigenen Fortschrittes.

Das Notizbuch.

Doch: Auch ist es eine Ablenkung, ein Statussymbol, für einige eine Fassade. Manche fürchten um ihre eigene Fähigkeit, sich zu erinnern, wenn sie sich auf die Ewigkeit des Papieres verlassen, andere fürchten die Zeitverschwendung, die geschieht, wenn Nutzloses verewigt wird.

Die Notizbuchkultur ist breit und vielfältig und hat schon das ein oder andere Gemüt erhitzt.

Doch wer soll Recht behalten?

Sand in einen Kasten schaufeln, um später eine Burg bauen zu können.

Mit diesem Zitat bezieht Shannon Hale sich auf den ersten Entwurf eines Romans, doch es lässt sich hervorragend auf das Notizbuch übertragen – welches ja in vielen Fällen der erste Entwurf eines ersten Entwurfes ist.

Um im Sinne unserer hauseigenen Frau Vorragend zu sprechen: „Als Autor hat man Ideen beinahe überall. Inspiration schafft manchmal ein Werbeschild, ein Gespräch in der Straßenbahn oder ein kurzer Blick auf einen anderen Menschen. Damit diese Ideen nicht verschwinden, solltest du in der Lage sein, sie immer festzuhalten.“

Diese Ansicht teilen viele Autoren. Natürlich, denn was Frau Vorragend feststellt, ist äußerst relevant; kleine Ideen können der Stein des Anstoßes für etwas Größeres sein, sie können verschmelzen mit ihresgleichen und so komplexer werden. Eine niedergeschriebene Idee kann lange Zeit vergessen liegen, nur um dann wieder auf neuen Wegen zu inspirieren. Um es mit den Worten des Züricher Germanisten Sandro Zanetti zu sagen, dessen Zitat mir Karlotta Nordström freundlicherweise an die Hand gab: „Es sind auch Akte, in denen Erinnerungen, Erfahrungen und Wissensbestände produziert, artikuliert und organisiert werden.“

Schreiben ist des Autors Handwerk, das Notizbuch sein Werkzeug

Als ich meine Mitstreiterinnen um ihre Einsicht zu dem Thema ersuchte, konnten sie mir auf Anhieb eine riesige Bandbreite an Nutzungsmöglichkeiten für ihren papierenen Begleiter nennen. So betonte Karlotta Norström, dass sie diesen mitunter auch zu pragmatischen Zwecken – wie To-Do-Notizen und Einkaufslisten – verwendet. Zwar hängen diese nicht direkt mit dem Schreibprozess zusammen, doch sie helfen, den Kopf von unnützem Gerümpel zu befreien.

Darüber hinaus erzählte sie mir, dass sie es genießt, schreibend diverse Momente festzuhalten: „In Zügen schreibe ich sehr oft in meine Notizbücher, um die interessanten Menschen um mich herum und den Moment festzuhalten.“

Man sagt, der geneigte Autor muss mindestens eine Millionen Wörter schreiben und verwerfen, ehe er eine grundlegende Kompetenz entwickelt hat. Das Notizbuch ist da eine wertvolle Hilfe. Es kann für die Ausführung mannigfaltiger Übungsaufgaben dienen: die Handhabe, die Karlotta mir beschrieb, stellt eine hervorragende Möglichkeit dar, sich selber auf die Wahrnehmung von Details und Zusammenhängen in Situationen und Orten, sowie bei der Betrachtung von Menschen, zu trainieren. Mithilfe eines Notizbuches kann man solche Übungen überall und jederzeit vollziehen. So lässt sich das eigene Handwerk exzellent trainieren.

Auch können Gedanken verschriftlicht und in ihrer komplexesten Form festgehalten, sowie weitergesponnen werden. Das leere Blatt ist die perfekte Plattform für exzessives Brainstorming. Nicht nur Plotideen, so betont Frau Vorragend, sondern auch Sätze, Namen oder einzelne Wörter können so aus ihrer, von Natur aus eher abstrakten Form, gelöst und auf dem Papier zu greifbaren Bausteinen gewandelt werden.

All play and no work makes the author a dull boy

Das Notizbuch entwickelt sich für manche zu einem Statussymbol. Sie lieben es, sammeln es in vielerlei Gestalt, suchen es sorgsam aus, bezahlen hohe Preise oder investieren viel Zeit, um es zu schmücken wie ein Kind zum ersten Kirchgang. Natürlich ist dagegen im Grunde nichts einzuwenden, spricht diese Liebe doch bei vielen für die Leidenschaft, mit der sie ihrem Steckenpferd – oder gar ihrer Profession – frönen. Für manche jedoch erwächst diese Liebe zu einer Obsession, die von dem eigentlichen Handwerk ablenkt.

Der ästhetische Wert eines Notizbuches hält so davon ab, es zu beschreiben und durch die Suche nach einem perfekten Einband werden Gehirnkapazitäten verbraucht, die nun niemals in Plot oder Charaktere investiert werden können.

Doch auch wenn die Notizbuchsuche abgeschlossen ist und man sich überwunden hat, mit der Beschriftung zu beginnen, ist die Gefahr groß, dass man seine Zeit mit nichtigen Ideen verschwendet. Wie Stephen King so passend bemerkte: „I think a writer’s notebook is the best way in the world to immortalize bad ideas.”

Wenn ich zurückdenke – oder gar zurückschaue – in vergangene Notizen muss ich bemerken, dass drei Viertel selbiger nie wieder betrachtet worden sind und mich teilweise sogar an die Unfähigkeit meines eigenen Verstandes erinnern. Dennoch habe ich für selbige Zeit aufgewendet. Zeit, die ich für wichtigeres hätte verwenden können.

Auch das Gedächtnis ist ein Muskel, der trainiert werden muss

“When I was a younger writer, if I was awake at night and I thought of something, I used to jump up and write it down so I wouldn’t forget it in the morning. And what I realized after two or three novels was that the important stuff… I wasn’t going to forget it. So I don’t get up in the night and write things down anymore.”
John Irving

Das Smartphone nimmt uns die Notwendigkeit, Telefonnummern aus dem Gedächtnis aufsagen zu können. Googles Suchfunktion macht ein breites Allgemeinwissen im Grunde obsolet, da jede Information innerhalb von Sekunden erworben werden kann.

Und das Notizbuch?

Es wird herangezogen, sobald sich die Idee einer Idee formt, die Angst, Wichtiges zu vergessen, ist oftmals überwältigend. Auch ich kenne diese Gefühl.

Doch mit verstreichenden Lebensjahren und wachsender Weisheit bemerke ich, dass auch ich wirklich wichtige Dinge nicht vergesse. Solche Gedanken, die – Zahnrädern gleich – ihren perfekten Platz in der Mechanik meines Verstandes finden und sich gleich zu drehen beginnen, somit neue Energie erzeugen, neue Ideen entzünden – solche Gedanken behalte ich für gewöhnlich auch ohne eine Niederschrift. Und dann weiß ich, dass es wirklich relevante Gedanken sind.

Doch warum schadet das Notizbuch, so mag der geneigte Leser an dieser Stelle fragen; es hindert nicht daran, dass diese Gedanken im Gedächtnis bleiben. Nein, natürlich nicht. Doch es erleichtert den Verstand um die kleinen Ideen, an die man sich nicht länger klammern muss. Es gaukelt ihm eine Welt vor, in der Informationen auf Papier oder digital gespeichert und somit sofort abrufbar sind, ohne, dass das Gedächtnis bemüht werden muss.

Dies ist manchmal von Vorteil – wie bei den bereits genannten pragmatischen Dingen.

Manchmal jedoch hat dies horrende Konsequenzen, denn wenn dies geschieht, dann hat man diese kleinen Gedanken nicht mehr in Momenten der spontanen Inspiration parat. Der Arbeitsvorgang verlangsamt sich, die Zusammenhänge müssen – obwohl sie selber geschaffen wurden – abermals recherchiert werden und die Dynamik des Schreibprozesses geht verloren.

Und alles nur, weil das Gedächtnis nicht trainiert wurde.

Sind Notizbücher nun der Teufel oder die Erlösung?

Wie mit allem, was das Schreiben betrifft, gilt auch für Notizbücher: jeder muss es selber wissen.

Auch ich habe ein Notizbuch; meines ist ein kleiner Ordner, in den ich nach Belieben Blätter einklemmen und herausnehmen kann. Er ist rot und alt, hat Dellen und Knicke und ist im Allgemeinen in keiner Weise ansehnlich.

Jeder Schriftsteller, ach was, jeder MENSCH, hat eigene Vorlieben, eigene Schwächen und Stärken und ich maße mir nicht an, hier irgendeine Form von Allgemeingültigkeit aufzustellen.

Notizbücher dürfen geliebt werden. Sie dürfen ästhetisch wunderschön sein, dürfen das Innerste ihres Nutzers widerspiegeln, dürfen auch abgewrackt, hässlich und kaum als Notizbuch erkennbar sein. Sie dürfen voll sein mit Nichtigem und Wichtigem.

Doch der Fokus liegt immer auf der Idee.

Und die kann auf der Rückseite eines Kassenbons notiert werden.

Wenn du bereits ein Notizbuch hast bist du einen Schritt näher dran, Frau Vorragends „Kann ich ein Autor werden?“-Test zu bestehen.

Herzlichen Glückwunsch

Frau Vorragends „Kann ich ein Autor werden?“-Test

2 Replies to “Das Notizbuch – Eine Meditation”

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