Buch voraus! Das war die Leipziger Buchmesse 2018 – Teil I

Von nassen Cosplayern, verspäteten Lesungen, kämpfenden Wortgiganten, quinkelierenden Lesern, digitaler Bestseller-Software, Kinder-Mal-Maschinen, Internethassern, Feminismus-Shuttlebussen, Pipeline-Gegnern und magischen Schlossruinen im Schnee…
…erzählt dieser Erfahrungsbericht von Karlotta Nordström zur diesjährigen Leipziger Buchmesse.

Durch Schnee und Eis

Es heißt ja, mit einem guten Buch gäbe es kein schlechtes Wetter. Bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse hat der radikale Wintereinbruch mitten im März jedoch zu gemischten Gefühlen geführt. In unserer kleinen Herde wechselte die allgemeine Stimmung zur weißen Pracht von:

Oh, wie schön und märchenhaft alles aussieht (Blickpunkt: Hotel)
zu:
Oh, es ist wirklich ganz schön glatt und chaotisch draußen (Blickpunkt: Straße)
zu:
So ein blödes Mistwetter (Blickpunkt: 45min später und immer noch auf der Straße).

Während zwei meiner Freunde aus Erfurt via Zug anreisten und sich den vernichtenden Wetterberichten und Nachrichten (Leipziger Hauptbahnhof komplett gesperrt) einfach mit den Worten Hier weiß keiner was entgegensetzten, schlichen wir mit dem Auto fast eine geschlagene Stunde bis zum Messegelände. So verpassten wir leider unseren traditionellen Wake-Up-Slam am Arte-Stand.

Neben den barfüßigen, halbnackten, tapfer vor sich hin frierenden Köstümierten, trauten wir uns kaum zu bibbern. Wahre Fans lassen sich von Hoth-ähnlichen Zuständen nicht unterkriegen. Kaum eingelassen, spurteten wir dann wie eine Horde Rentner auf Gratisartikel-Beutefang durch die Massen zur Halle 3, wo Denis Scheck seinen Literatur-Check präsentierte. Hier wurden wir dann auch redlich für die strapaziöse Anreise entschädigt…

Schecks Check!

Mit Denis Scheck haben wir die heilige Ware Buch zelebriert und unser Refugium in der Literatur zurückerobert. Über Oliver Kahns vier Autobiografien (unter anderem mit dem schönen Satz: An der Trennung meiner Frau war nicht sie selbst als Person schuld.) konnten wir herzlich lachen und auch Julia Engelmann bekam die ein oder andere Spitze zu spüren.

Über die Preisträgerin Esther Kinsky und ihre negropolen Zwischenorte in „Hain“ sprach Scheck bewundernd, warnte aber vor der Geschmacksnote bitter. Neben Felicitas Hoppes „Prawda“, Juli Zehs „Leere Herzen“ (warum Braunschweig nach Berlin the next hot shit ist) sowie Daniel Kehlmanns „Tyll“ (Breitleinwandkino für den Kopf) schwärmte Scheck erneut von der erotischen Biografie über Anne Lister – die weibliche Antwort auf Casanova. In der Sammlung von Angela Steidele tauchen solch fabelhafte Tagebucheinträge auf, wie:

Die Frauen mögen mich und haben mich immer gemocht und keine hat mich je abgewiesen.
[Anne Lister, 13. November 1816]

Lesen ist Wahrnehmen.

Vielversprechend klang außerdem Peter Krauss‘: „Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?“ – ein Buch über Vogel-Lautäußerungen, die von der wunderbaren Judith Schalansky herausgegeben wurden. Ein Fest für alle Sinne und ein Grund für Scheck zu quinkelieren. Höhepunkt bildete dann die Lyrik. Kleinen, traurig-humorvollen Versen von Dorothy Parker folgte der Verweis auf den Dichter Jan Wagner, der schon im letzten Jahr mit seinen „Regentonnenvariationen“ brillierte. Dieses Jahr erregte er mit Vergleichen wie Vogelschwärme, die als Flugasche nach Norden ziehen in „Selbstportrait mit Bienenschwarm“ erneut meine Aufmerksamkeit.

Heftiges Kopfnicken rufen Schecks kleine, literaturwissenschaftlich glänzend belegte, philosophische Ausflüge hervor. Wenn er davon spricht, dass Märchen nicht dazu da sein, zu erklären, es gäbe Drachen, sondern vielmehr um aufzuzeigen, wie diese sich besiegen lassen, fühle ich mich direkt in meine literaturwissenschaftliche Studienzeit zurückversetzt. Lesen und insbesondere  Lesen von Lyrik gilt ihm als Erlösung aus der Isolation der eigenen Weltwahrnehmung.
Lesen heißt Wahrnehmen – ein Satz, den ich mir auf meinen Beutel drucken möchte. Oder wie Arno Schmidt einmal zum Thema „Was einen guten Schriftsteller ausmacht“ formulierte:

Es ist die Fähigkeit, beim Anblick dessen, was Normalsterbliche ihr Leben lang einen Regenschirm nennen, auf die Formulierung zu kommen „ein Stock im Petticoat“.

Feminismus – darf man noch diskutieren?

Auf Schecks Eröffnungsanekdote zum „Avenidas“-Gedicht von Eugen Gomringer und die späteren Texte der slammenden Wortgiganten zurückblickend, stand der Messetag für mich dieses Jahr ganz im Zeichen der Feminismus-und Sexismus-Debatte.

Ein Thema das – wie ich gestehen muss – bei mir nicht das gleiche stürmisch drängende Gerechtigkeitsgefühl auslöst wie Tierschutzthemen und der Kampf gegen Homophobie.

Doch jeder von uns hat sein persönliches politisches Steckenpferd und wie es der Zufall will, gehört meine Freundin zu einer sehr großen und klugen Verfechterin der Gleichstellungs-Bewegung von Frauen. Auch ihr Freund ist mit dem Thema sehr vertraut und so reagierten beide mit zustimmendem Verständnis auf die Problematik des spanischen Gedichts „Avenidas“, dessen Zeilen wie folgt lauten:

Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer

Ein Gedicht macht Ärger

Gomringers Gedicht aus dem Jahr 1951, welches jahrelang auf der Hauswand der Berliner Alice Salomon Hochschule prangte, soll nun auf die Forderung des Studierendenrats Asta entfernt werden. Es repräsentiere eine klassisch patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren. Außerdem erinnere es unangenehm an sexuelle Belästigung. Denis Scheck empörte sich in seinem Eröffnungspladoyer über die Sprachpolizei, die neuen Tugendterroristen, die die Freiheit der Kunst mit Füßen treten. Er riet allen Zuhörern, sich noch schnell ein paar Aktbilder in den Kunstgalerien anzusehen, bevor auch diese aus dem kulturellen Gedächtnis verbannt würden.

Scheck besitzt eine humorvolle Herangehensweise an derlei Themen, vor allem wenn Literatur betroffen ist. Doch ein Blick auf meine Freundin verriet mir, dass sich diese Thematik nicht ganz so augenzwinkernd wegblinzeln lässt.

Pro

Auch mir erschien das Gedicht auf den ersten Blick nicht sexistisch, vielmehr interessant konstruiert. Gomringer gilt als Initiator der konkreten Poesie. Sein lyrisches Werk zielt darauf ab, ein Stimmungsbild zu erzeugen, wird aber auf ein Frauenbild reduziert. Und selbst, wenn dem so wäre? Gehört das nicht zur historischen Kultur? Können wir das Frauenbild aus den 50ern nicht betrachten, so wie wir auch die rassistische Sprache in „Huckleberry Finn“ betrachten?  In „The day they came to arrest the book“ ist es eine Gruppe besorgter Eltern, die Twains Klassiker von der Schullektüre entfernen will. Dient das Übermalen des „Avenidas“-Gedichts demselben schützenden Zweck?

Contra

Gleichzeitig scheint es mir jedoch mehr als bedenklich, dass so viele Mitglieder der kulturellen und politischen Elite unseres Landes die Vorgänge an der Berliner Hochschule als skandalöse Barbarei und Zensur-Terrorismus bezeichnen. Und das, wo es sich doch hinter all der Kunst lediglich um eine Veränderung am eigenen Bau handelt. Die Gründe dafür mögen zwar diskutabel sein, aber nicht annähernd so empörend, wie Scheck sie skizziert.

Wer einen tieferen Einblick in die Debatte wünscht, kann hier Gomringers Äußerungen zu den Vorwürfen im Interview mit Deutschlandfunk Kultur nachverfolgen und hier den entschärfenden Artikel „Die Blumen von gestern“ von Stefanie Lohaus nachlesen.

Das Thema Meinungsfreiheit

Beim Rattern der Empörungsmaschine gegen die Freiheitsberaubung der Kunst, muss ich unweigerlich an die rechten Verlage denken. Sie verstecken sich hinter Foodstores, hinter Kunstdruck-Galerien und hinter dem Wort „Meinungsfreiheit“. Sie haben auch die Leipziger Buchmesse bereits Wochen zuvor in ein sehr helles politisches Licht gerückt. Tatsächlich merke ich nichts von den diskriminierenden Vibes in Halle 3. Es werden Flyer und Sticker mit #verlagegegenrechts und #publisheragainstracism verteilt. An vielen Ständen wurden Regenbogenflaggen gehisst. Es gibt auffällig viele männliche Cosplayer in Frauenkostümen dieses Jahr. Bei all dem bunten Treiben zwischen Literaturvertretern aus aller Welt, vergisst man schnell die kompakten Namen der rechten Verlagswelt.

Einen schönen, ironischen Umgang bieten die  Wischmopp-Kunstwerke der Autorin Jayne Ann Igel in Halle 5. Mit orangefarbenen Troddeln stehen sie da als „Denkanstöße“. In Sachsen sagt man Feudel dazu. Wird die Künstlerin gefragt, dann sagt sie:

Die Feudel stehen hier, damit einige Menschen mal schön ihren Meinungskorridor durchfeudeln können.

Und das ist Leipzig! Die klugen Menschen hier verbinden ihre Rebellion thematisch passend mit der Sprache. Und Außenstehende lernen im besten Fall, wie sie einen Wischmopp in Zukunft bezeichnen können.
Gut gefeudelt!

3 Replies to “Buch voraus! Das war die Leipziger Buchmesse 2018 – Teil I”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.