Texte voraus! Das war die Leipziger Buchmesse 2018 – Teil II

Ich komme tatsächlich jedes Jahr auf die Leipziger Buchmesse, seit ich 17 war.
Jeden März, egal ob die Frühlingssonne auf das Glasdach knallt, der Regen uns alle durchweicht oder der Schnee durch die Decke tropft, wie dieses Jahr, sodass sich in der Glashalle überall erschrockene Gesichter zum Himmel recken.
Irgendwie habe ich das Gefühl, ich hätte ein Jubiläum feiern und der Messe meinen Tribut zollen sollen. Dementsprechend ist dies hier vielleicht eine kleine Hommage an die Leipziger Buchmesse, die schon längst überfällig war.

Teil I zum Erfahrungsbericht der Leipziger Buchmesse 2018 findet ihr hier.

Als ich mit meiner Deutschklasse 2007 zum ersten Mal die Messe besuchte, verliebte ich mich auf Anhieb in die bunte Stadt und in ihr verrücktes Wochenende voller Texte, Menschen und Eindrücke.

Hier kommen alle zusammen

Hier, wo sich tausende Menschen um Literatur versammeln – Literatur in unterschiedlichsten Facetten – pulsiert das Leben:
Manche kommen her, um neue Kontakte zu knüpfen, Netzwerke auf- und auszubauen und natürlich um Bücher zu promoten. Andere wiederum interessieren sich mehr für die papierenen Gratishäppchen, die überall verteilt werden (ernsthaft – ich habe nette Omis um Meinzelmännchen-Beutel und süße Mädchen um kostenlose Ausgaben von Oksa Pollock-Büchern kämpfen sehen, so als ginge es um den eisernen Thron).

Wieder andere reisen aus aller Welt an, um sich in ihren unglaublich aufwendigen, kostspieligen Kostümen zu zeigen, mit Hufen, Geweihen und riesigen Roboterfüßen herumzutorkeln und sich anschließend stundenlang fotografieren zu lassen. Ohne die Cosplayer wäre die Leipziger Buchmesse nicht halb so bunt und sehenswert (und für meine Mama und meinen Bruder sind diese Leute das Highlight der Messe).

Unser Tagesprogramm ist jedes Mal so hart durchorganisiert, dass es schön ist, sich irgendwann am späten Nachmittag auf ein paar einladende Stufen fallen zu lassen, die Kekse auszupacken und sich gegenseitig mit den gleichen freudigen Ausrufen zu übertrumpfen wie jedes Jahr:
Da – Darth Vader und Prinzessin Lea!
Cool – ein großer Mann im Arielle-Kostüm!
Seht mal – der Doctor mit River Song!

Ich würde das den „Nerd-Part“ unseres Messe-Erlebnisses nennen. Viel besser, als in Halle 5 die immer gleichen Stände zu durchstöbern und zum x-ten Mal auf dem schwarzen Sofa zu hören, wie genau ein Manga-Mensch gezeichnet wird. Auch die Yugioh-Turniere haben leider mit den Jahren merklich nachgelassen (seit mein Bruder sein Deck nicht mehr mitbringt, scheinen die Duellanten keine Herausforderung mehr zu haben).

Das ist alles noch Neuland für uns

Ein Fakt über die Buchmesse, der nicht mehr betont werden muss:
Es ist immer voll.

Man kommt nur langsam voran. Und irrwitzigerweise sperren die netten Sicherheitsbeamten gerne genau dann die Durchgänge zu den gewünschten Hallen, wenn man direkt vor ihnen steht, sodass man irgendwann wie eine verzweifelte Alice im Labyrinth von A nach B hastet und singt Oh weh! Ich komme viel zu spät!
Ein Fortbewegen durch die Messemenschenmassen gemeinsam mit anderen? So gut wie unmöglich.
Umso schöner ist es dann aber, bekannte Gesichter bei Lesungen und Vorträgen oder am Crepes-Stand wiederzutreffen.

Einer unserer Freunde wurde im Neuland 2.0 abgefangen, wo man ihm die Vorzüge des Self-Publishings erklärte. Was ihm sehr unangenehm war – nicht etwa wegen eines Mangels an Vertrauen in selbstpublizierende Verlage – sondern weil er während des ganzen Gesprächs eine Super-Saiyajin-Blue-Dragon-Ball-Maske trug, was die Autorenfänger allerdings nicht abschreckte.

Mich bremste in der Zwischenzeit ein ähnlich faszinierendes Erlebnis. Die Vorstellung des Unternehmens „QualiFiction“ und ihrer neuen Software „Bestseller DNA“, die der Vorhersage von potenziell erfolgreichen Texten dienen soll. Mittels einer Datenanalyse kann dadurch ein Manuskript problemlos nach bestimmten Faktoren, wie Wortzahl, Setting, Thematik, Sentiment, Stil, Gemeinsamkeiten mit anderen Werken und vielen weiteren gescannt werden.

Praktisch oder? So können Verlage hunderte von Einsendungen sichten ohne sie selbst lesen zu müssen. Denn seien wir mal ehrlich – wer liest denn heute noch? Die Zusammenfassung eines Buchs auf Wikipedia reichte schon in der Schulzeit völlig aus, um das, was das Buch im Innersten zusammenhält, zu begreifen.  Und mit den neuen Techniken des 21. Jahrhunderts müssen sich selbst Mitarbeiter der Buchbranche in Zukunft nur noch gelegentlich mit Literatur auseinandersetzen.

Eine wirklich aufreizende, moderne, effiziente Methode, die sicher auch Marc-Uwe Kling erfreuen würde. Immerhin können Verleger damit nicht nur zu fast 80% die algorithmisch errechnete Erfolgsquote eines Romans vorhersagen, sondern auch ihre Leserschaft genau typisieren und nur noch das verlegen, was die entsprechende Zielgruppe auch wirklich lesen möchte.
Und wollen wir das nicht alle gerne? Den perfekt auf uns abgestimmten Roman lesen?

Spannend, was Technik heute möglich macht, denke ich und muss schmunzeln als während des Vortrags der engagierten 2.0-Neuländer die aufwendig konzipierte Powerpoint-Präsentation abstürzt.
Einen ähnlichen Erfahrungsbericht über die Bestseller-DNA findet ihr hier in der Frankfurter Allgemeinen.

Wo ist eigentlich Andy Strauß?

Was die Buchmesse für mich zum absoluten Muss macht, sind die Lesungen, die Vorträge und – allen voran – die Poetry Slams (gelegentlich auch mal Science oder Diary Slams).

Normalerweise lungern wir den halben Tag vor der Leseinsel der jungen Verlage herum, um Texten von Kandidaten wie Sebastian23, Torsten Sträter, Sebastian Lehmann, Paul Bokowski, Julius Fischer und natürlich der absolut grandiosisten Kuriosität der Slam-Szene – Andy Strauß – zu frönen. Dieses Jahr war leider keiner der Herrschaften zugegen und am Stand des Satyr und Unsichtbarverlags konnte ich nicht einmal Strauß‘ Ausgabe vom „Kleinen Junkie Nimmerplatt“ finden (habe mir natürlich dafür ein anderes Buch von ihm geholt). Als ich in einem Anflug von Empörung beim Standbetreuer anmerkte, ich möchte mich beschweren, dass dieses Jahr so gar kein ungeduschter, ungekämmter, hanebüchene Geschichten erzählender Andy auf der Bühne stehe, konterte der Herr doch tatsächlich mit:

„Da sind Sie bei mir tatsächlich an der genau richtigen Stelle. Zufälligerweise bin gerade ich dafür verantwortlich, welche Autoren bei uns lesen dürfen und ich werde nachher gleich zum Telefon greifen und Herrn Strauß kontaktieren.“
Touché, Mister. Touché.

Die Wortgiganten melden sich zu Wort

Was den Poetry Slam anbelangt, wurden wir auch dieses Jahr nicht enttäuscht. Die Wortgiganten, die von der HITWK Leipzig auf die Bühne geholt wurden, entschädigten uns für den verpassten Wake-Up-Slam am Morgen. Katja Hofmann – die Bühnenpoetin aus Halle – moderierte den Slam zwischen fünf grandiosen Künstlern, deren Texte alle dieses gewisse Etwas besaßen.

Mit Svenja Gräfen – der Autorin von „Das Rauschen in unseren Köpfen“ – landeten wir erneut beim Thema Feminismus, der ja gerne dazu verleitet, Diskussionen auszurufen, wo es doch eigentlich gar nicht so viel zu diskutieren gäbe.

Ich will dich nicht abholen. Ich bin kein Shuttleservice, sagte sie und eröffnete damit das Thema, das so viele auf #metoo und BH-verbrennende Emanzen reduzieren. Dass derlei Texte wichtiger denn je sind, zeigte die zutiefst verblödete Reaktion zweier Typen neben uns, die mit flüsternd gesprochenen, primitiven Kommentaren über flache Hintern und große Brüste die Auftritte zu bewerten schienen und wortwörtlich fehl am Platz waren.
Piet Weber trug einen amüsanten Text über seine, das Internet entdeckende Mutter vor, die fortan – statt Knöpfe anzunähen – lieber DIY-Videos verschickt und gerne mit rolf statt rofl unterschreibt.

Wo fängt Geschlecht an?

Bonny Lycen trug eine verstörende Ballade über Ole und Anne Marie vor, die durch sterotype Kinderkostüme der gender-verschlossenen Gesellschaft zum Opfer fallen. Eine Anknüpfung an das ganz große Thema um den Kampf der Geschlechter. Denn in einer Welt, in der Mädchen zum Ballett gehen, Frozen-Nachthemden tragen und als Prinzessin (nicht als Pirat!) zum Fasching gehen  und Jungs Fußball spielen, Cars-Pyjamas tragen und zum Fasching als Cowboys (nicht als Hexe!) gehen, scheint alles klar strukturiert zu sein. Keine Ausweichmöglichkeiten.
Die Grenzen sind gezogen, die Fronten geklärt.

Für die westliche Gesellschaft ist die Frage nach dem Geschlecht nach wie vor eine entweder-oder-Sache, obwohl das Genderspektrum doch längst nicht mehr so einfach zu definieren ist. Die Januar-Ausgabe der National Geographic von 2017 widmet sich ausführlich dem Thema Gender-Revolution und zeigt, dass immer mehr Menschen im 21. Jahrhundert ihre Geschlechtsidentität hinterfragen. Intersexualität, Transgender, Transsexualität, Homosexulaität – Begrifflichkeiten, die zeigen, dass es mit einem einfach entweder – oder längst nicht mehr getan ist. So wie alle wichtigen Dinge im Leben ist das Geschlecht ein komplexes Phänomen, bei dem mehrere Faktoren – nicht nur Anatomie, Hormone und Chromosomen (es gibt übrigens auch Menschen, die sowohl XX als auch XY-Chromosomen aufweisen), sondern auch Psychologie, Identitätsgefühl und kulturell zugewiesene Rollenmodelle eine Rolle spielen. Große Debatten zum Thema Gender löste damals auch die Philologin Judith Butler aus. Ihre Überlegungen folgen dem Ansatz, dass das Geschlecht als solches nie in Reinform zu fassen ist, da wir immer wenn wir auf den physiologischen Körper als solches zu sprechen kommen, bereits bestimmte kulturell vorgeprägte Denkschemata und Begriffe benutzen. Geschlecht ist eine Konstruktion. Mehr dazu hier im Artikel des Tagesspiegels.

Last but not least

Die beiden Finalisten des Wortgiganten Slams standen zurecht als letzte auf der Bühne. Last but not least ist ein Satz, den man in der Slamszene oft sagen kann. Sophia Szymula und der aus Hamburg angereiste, spontan eingesprungene Sebastian Stiller überzeugten nicht nur durch ihre Texte, sondern auch durch die Performance. Frei sprechend, dichtend, sich bildlich ausdrückend, laut und leiser werdend und wild gestikulierend fingen sie die Quintessenz des Slammens ein. Sophia mit einer grandiosen Interpretation über das Interpretieren, bei der Goethe selbst applaudiert hätte und Sebastian mit zwei selbstironischen, wehleidig-murrenden, komischen und ansatzweise schwarzhumorigen Texten über das Schlussmachen und Singlesein. Themen, bei dem sich alle wiederfinden konnten.

Ein großes Manko der Poetry-Szene ist und bleibt wohl, dass Humor erfahrungsgemäß über Tragik obsiegt. Doch wenn bei Sätzen wie Für mich sind Chia keine Samen, sondern die Dinger mit denen man die Alpen runter fährt und Die Pandas sterben aus, weil sie Angst haben, mit Cro verwechselt zu werden alles um uns herum kichert, grinst und sich amüsiert, ist klar, dass Humor über Tragik obsiegen muss.

Initiative für Bedrohte Völker neben einer Kinder-Mal-Maschine

Und das ist die Buchmesse in Leipzig: Ein Ort, wo die unterschiedlichsten Erfahrungen und Eindrücke aufeinandertreffen. Das kann ganz amüsant sein: in einem Moment lauscht man den nachdenklichen Worten eines Autors und im nächsten steht man neben einem Teletubby am Coffee-Shop.
In einem Moment rede ich mit klugen Frauen von der Gesellschaft für bedrohte Völker über den gefährlichen Rohstoffabbau in der Arktis und den Schutz für indigene Völker und im nächsten Moment sehe ich zu, wie meine Freundin gegen einen Müsliriegel als Bezahlung ein Portrait von dem Kind aus der Kinder-Mal-Maschine gezeichnet bekommt. Dort in der Maschine sitzt ein Kind (Junge? Mädchen? Niemand weiß es!) und fragt laut: Augenfarbe? Name?
Das ist alles, was es wissen muss, um seinen Geniestreich zu fabrizieren, den es, inklusive Signatur, durch einen Schlitz im Karton auswirft.

Noch Fragen?

The road not travelled by

Zum Abschluss unseres Messewochenendes, machten wir übrigens noch eine spannende Entdeckung. Anstatt zielstrebig nach Hause zu fahren, unternahmen wir aufgrund des schönen Wetters einen kleinen Umweg zum Markkleeberger See. Und aufgrund einer freien Pokemon-Arena landeten wir bei diesem wunderschönen, verlassenen Kloster in Wachau, das tief verschneit und mystisch gewaltig wie Notre Dame zum Erkunden einlud.
Die Essenz dieses Erlebnisses lag in Robort Frosts Gedichtszeilen von „The road not taken“:

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I-
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

 Danke Leipzig! Danke Buchmesse!

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