Kurzgeschichte: Dies ist unser Tag

Mein Blick kommt auf Frühstücksresten zur Ruhe, so mache ich deine Seite des Tisches zu meiner Welt. Gouda und gerührtes Ei, morgengelb. Die Augen der anderen Gäste folgen meinen Bewegungen mit Unbehagen, die Augen der Angestellten hingegen liegen überall, nur nicht auf mir, sie vergießen meine Tränen in dem Licht einer nebelverdeckten Sonne vor sauberen Fenstern.

Das Wegsehen ist nun außerhalb von mir.

Ich reiche hinüber und schiebe dein Milchglas drehend nach links, bis es das Fleisch auf deinem Teller verdeckt. In deinem Brötchen sind zu kleine Bissspuren, Körner sind herabgefallen, ihre Unordnung ist konstruiert. Das Tuch, auf dem sie liegen, lässt mich an den Stoff über deinem Rücken denken, der sich von mir entfernt und ich zupfe daran, dass die Körner sich in Willkür zerstreuen. Zwischen unseren Plätzen steht eine Vase mit Mohnblumen. Sie ist meinem Blick im Weg. Ich stelle sie unter den Tisch, denke an unsere letzte Unterhaltung; mein Blick bewölkt sich. Und so kann ich hinsehen auf deinen Stuhl, das Licht, von oben, zerbricht auf dem Hitzeflimmern deiner Abwesenheit. Heidelbeeren und Wasser, mittagsblau. Meine Welt schmiegt sich um den Hohlraum zwischen deinen Spuren, der Hohlraum zwischen deinen Spuren schmiegt sich um mich.

Dies ist unser Tag.

Ich beginne, meine erste Mahlzeit zu essen und verliere mich in dem Bild der Jacke über deinen Stuhl, die glatt und warm ist, wo sie zuvor berührt wurde. Deine Armbanduhr liegt neben deinem Teller. Du sagtest, sie störe dich beim Essen. Ich erkenne die Uhrzeit darauf, ich erkenne die Ziffer des Tages und die Ziffer des Monats, weiter nichts. Mein Rücken friert; die Jacke über meinem Stuhl ist kalt und erwärmt sich nur langsam. Dein Atem weht mir im Geruch von Pfefferminztee entgegen.

Eine Kellnerin tritt an unseren Tisch. Sie bewegt sich unbefangen, ihr Blick, trocken, trifft den meinen, ich habe sie noch nie gesehen. Sie greift nach deinem Teller. Ich erkläre ihr, dass du bald zurückkehrst und die Verständnislosigkeit in ihrem Blick lässt den Nebel vor dem Fenster zerfallen. Sie macht eine Bewegung und das Milchglas fällt zu Boden, es rollt in rechtsgerichteten Kreisen um die eigene Achse und ich sehe Lebloses auf deinem Teller. Das Licht rutscht hinter mich, leere Eierschalen werfen Schatten auf deinen Stuhl. Die Wärme deiner Jacke schwindet.

Etwas schmerzt in der Mitte meines Körpers. Mein Magen ist zum Bersten voll.

Das Licht geht unter.

Die Augen der Uniformierten suchen zunehmend meinen Blick. Die Kellnerin tritt an meinen Tisch, ihr Gesicht ist ernst, jemand hat zu ihr gesprochen.

Sie fragt: „Fräulein? Sind Sie soweit? Der Tag ist vorüber.“

Mohnblumen und Fleisch, abendrot. Ich nehme deine Armbanduhr und streife sie über meinen Arm, deine Jacke ist kalt, als ich sie zusammenfalte.

Vor dem Fenster verzieht sich der Nebel.

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