Kurzgeschichte: Jahrestag. 

Als ich die Augen wieder öffne, kommt mein Blick auf deinen Frühstücksresten zur Ruhe.

Meine Schultern entspannen sich, mein Brustkorb wird weit, ich nehme einen tiefen Atemzug, der plötzlich neuen Raum vorfindet.

Ein großes Fenster befindet sich über unserem Tisch und ich sehe aus den Augenwinkeln, dass dichter Nebel dahinter den Blick auf das Tal verdeckt. Doch hier drin mache ich deine Seite des Tisches zu meiner Welt.

Gouda und gerührtes Ei, morgengelb.

Ich halte meinen Blick starr, warte darauf, dass die Ränder meiner Wahrnehmung verschwimmen und mit ihnen die Blicke der anderen Gäste, die mich schon beobachten, seit du unseren Tisch verlassen hast. Zuvor habe ich sie angesehen, jeden einzelnen, provokativ, bis sie voller Unbehagen die Augen auf ihre eigenen Teller senken mussten. Doch nun interessieren sie mich nicht mehr. Das, was in ihren Blicken liegt, hat keinen Ort an diesem Tisch. Wir haben keine Zeit für ihre Gedanken.

Denn an diesem Tag, ab diesem Moment, ist das Wegsehen außerhalb von uns. Und wir sind endlich allein miteinander.

Ich erlaube mir ein Lächeln. Als ich herabblicke bemerke ich, dass ich den Ring an meinem Finger hin und herdrehe, als wäre er ein Fremdkörper. In seiner makellosen Oberfläche spiegelt sich, winzig und grotesk verzerrt, mein Gesicht.

Ich reiße meinen Blick nach oben und greife nach meinem Besteck und erst jetzt bemerke ich, dass eine hässliche Vase mit Mohnblumen zwischen unseren Plätzen auf dem Tisch steht.

Ich stelle sie unter den Tisch.

Während ich darauf warte, dass du zurückkehrst, beginne ich, das altbekannte Frühstück zu verspeisen, meine erste Mahlzeit, ja, obwohl ich nicht wirklich hungrig bin.

Ich verliere mich in dem Bild der Jacke über deinen Stuhl. Sie ist glatt und bestimmt auch warm, wo sie zuvor berührt wurde. Neben deinem Teller liegt deine Armbanduhr. Du sagtest, sie störe dich beim Essen. Ich erkenne die Uhrzeit darauf; ein kleines Fenster zeigt mir die Ziffer des Tages und die Ziffer des Monats. Weiter nichts.

Ich denke an deinen Atem, als der Geruch von Pfefferminztee mir entgegenweht, ich schmecke ihn irgendwo hinten in meinem Rachen, wo die Sinne aufhören und das Erinnern beginnt. Ein Schauer überkommt mich. Heidelbeeren und Wasser, mittagsblau.

Eine seltsame Stille liegt um mich herum. Ich überlege, worüber wir sprechen, wenn du zurückkommst. In der Ferne lachen die anderen Gäste an ihren Tischen, doch jene, die um uns herumsitzen, sie essen in Schweigen. Nur gelegentlich führen sie geflüsterte Unterhaltungen miteinander. Ich glaube, sie reden über uns.

Etwas stört mich an deiner Seite des Tisches. Die Bissspuren in deinem Brötchen sind zu klein, Körner sind herabgefallen, ihre Unordnung ist konstruiert. Das Tuch, auf dem sie liegen, lässt mich an den Stoff über deinem Rücken denken, der sich von mir entfernt hat, irgendwann, vor Minuten womöglich… und ich zupfe daran, dass die Körner sich in Willkür zerstreuen. Ich schaue auf die Tür, ob du wiederkommst, dann schiebe ich dein Milchglas drehend nach links, bis es das Fleisch auf deinem Teller verdeckt. Dann sitze ich, bewegungslos und mein Blick verschwimmt in dem Hitzeflimmern deiner Abwesenheit.

Obwohl meine Welt sich in den Hohlraum zwischen deinen Spuren geschmiegt hat, und obwohl der Hohlraum zwischen deinen Spuren sich um mich schmiegt, fühle ich mich plötzlich unberührt.

Eine Kellnerin tritt an unseren Tisch. Sie bewegt sich unbefangen, ihr Blick, trocken, trifft den meinen, ich habe sie noch nie gesehen. Sie lächelt mich an, doch als sie meinen Blick trifft, wird ihr Lächeln unsicher. Sie greift nach deinem Teller.

„Mein Verlobter kommt bald zurück“, sage ich. Sie erstarrt, ihr Mund ist offen. Die Verständnislosigkeit in ihrem Blick lässt den Nebel vor dem Fenster zerfallen.

Ich schlage auf den Tisch, sodass sie zusammenzuckt.

„Lassen Sie ihn stehen.“

Sie stellt den Teller hin, ihre Hand stößt gegen das Milchglas und es fällt zu Boden, wo es in rechtsgerichteten Kreisen um die eigene Achse rollt. Ich sehe Lebloses auf deinem Teller. Leere Eierschalen werfen Schatten auf deinen Stuhl. Die Wärme deiner Jacke schwindet.

Mein Gesicht ist trocken, doch nur, weil es bedeckt ist mit deinem Staub.

Aus Augenwinkeln sehe ich, wie die Kellnerin sich abwendet und davoneilt.

Ich atme tief ein, lege meine Handflächen auf den Tisch. Mit eifrigen Blicken versuche ich, dich aus den Einzelteilen des zerstörten Frühstückstischs zusammenzusammeln. Ich hebe das Glas auf und stelle es hin, doch es ist nun leer und ich sehe direkt hindurch. Mit zitternder Hand hebe ich das Brot an mein Gesicht und kaue darauf, doch es hat keinen Geschmack mehr. Die Blicke der anderen Gäste, die Stimmen, Gerüche von dem Mittagessen, das bereits in der Küche vorbereitet wird, alles bricht über mich herein. Ich suche mit meinem Blick das Frühstücksbuffet, doch er bleibt an der Kellnerin hängen, die schweigend steht neben einem älteren Kollegen, dessen Gesicht mir vertraut ist. Ihre Augen glänzen. Bald vergießen auch sie meine Tränen in diesem Licht einer nebelverdeckten Sonne vor sauberen Fenstern.

Etwas schmerzt in der Mitte meines Körpers.

Mein Magen ist zum Bersten voll. Ich sehe wieder auf den Tisch, auf meine Seite nun, ich esse weiter mein ewiges Frühstück. Ich esse, während die Blicke der anderen Gäste über meinen Zenit wandern, wieder und wieder, neue Gäste, neue Blicke. Ich esse, bis das Licht untergeht.

Irgendwann tritt meine Kellnerin an mich heran.

„M’am“, sagt sie. „Das Frühstückbuffet ist vorbei, wir müssen die Tische für die nächsten Gäste vorbereiten. Erlauben Sie?“ Ihre Augen versuchen, meinen Blick zu treffen, ihr Gesicht ist ernst, ihre Hände zittern. Über ihrem Arm ein Tuch, mit dem sie die Erinnerung an dich von unserem Tisch zu wischen gedenkt. Ich sehe noch einmal zu der Tür hinüber.

Ich nehme deine Armbanduhr und streife sie über meinen Arm, deine Jacke ist kalt, als ich sie zusammenfalte.

Mohnblumen und Fleisch, abendrot

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