Perfektionismus – Die Auto-Herzmassage des toten Autoren

Dies ist der erste Satz des Textes.

Wie lange er mich aufgehalten hat.

Du, Leser dieses Textes, weißt, wovon ich rede, nicht wahr? Ah, Perfektionismus. In genau diesem Moment hindert er mich an dem Verfassen dieser Zeilen. Warum? Weil der erste Satz perfekt sein muss. Und der zweite ihn nicht entehren darf.

Siehst du das Problem?

Und da geht mein Blick schon wieder auf den ersten Satz zurück.

Warum tun wir uns das an? 

Helikopter-Autoren

Natürlich, wir schaffen etwas aus uns selbst, wenn wir schreiben.

Es ist verständlich, dass wir es so gut wie möglich machen wollen.

Wir versuchen, das Buch, die Geschichte, das Gedicht perfekt zu schreiben; es ist unser Baby, es steht stellvertretend für uns als Schöpfer, als denkende Wesen, es wirbt für uns, es macht die Welt verstehen, wer wir sind.

Und es gibt bereits unzählige großartige Werke, denen wir gerecht werden möchten. Die Vielfältigkeit ist erdrückend und füllt uns mit Furcht, im Lichte unserer Idole jämmerlich zu erscheinen.

Wir haben Angst zu versagen, Angst vor der Wertung anderer, Angst vor der Vollendung eines Werkes, die immer mit einem Verlust von Kontrolle einhergeht.

Die Gründe sind vielfältig.

Doch keiner von ihnen erlaubt dir, dein Buch nicht zu schreiben.

Besinnen wir uns kurz darauf, was geschieht, wenn Eltern ihre Kinder zu sehr beeinflussen wollen.

Rebellion!

Und wie Kinder sind auch Bücher eigenwillig.

Ein Roman ist kein Haus

In dem Bestreben, an die Wurzel meines lange gehegten Perfektionismus-Problems zu gelangen, ist mir eine seltsame Denkweise aufgefallen. Geprägt durch den absurden Wunsch, jedem potentiellen Kritikpunkt an meinem Werk zuvorzukommen, habe ich versucht, meine Geschichte mehr und mehr in ihr unangenehme Strukturen hinein zu zwingen, um sie und ihre Wirkung gänzlich verstehen und kontrollieren zu können.

Ich ging an ihre Schaffung wie an den Bau eines Hauses.

Der Verlauf meiner Geschichte stellte für mich die wachsende Höhe eines Gebäudes dar; das erste Kapitel war das Fundament. Und jedes darauffolgende trug mit Worten wie Backsteinen und Satzstrukturen wie Mörtel dazu bei, dass das Haus an Höhe gewann. Erschaffen aus dem Nichts muss ein Haus mit perfekter Linearität überzeugen und so wollte ich auch meine Geschichte perfekt fundieren, denn, so dachte ich, wenn ich darin versage, würde mein Haus in sich zusammenbrechen.

Das Problem ist jedoch, dass es ein originelles Werk keiner Pläne bedarf, gar durch sie geschädigt wir.

Viele von uns schreiben, um zu schaffen, was es in dieser Form noch nicht gab.

Damit ist nicht gemeint, dass nur völlig neue Geschichten erzählt oder ausschließlich unverbrauchte Elemente verwendet werden, oder dass es gar völlig abstrakt und verworren sein muss. Stattdessen möchten wir etwas aus dem individuellen Sammelpool an Ideen, Erfahrungen, Ansichten und Vorstellungen, der wir sind, erwachsen lassen.

Ab einem bestimmten Punkt möchten wir uns von der Imitation lösen.

Und dann werden, wie bei dem Hundertwasserhaus, Balken schräg und Farben auf unkonventionelle Weise zusammengetragen; die natürliche Dynamik erhält ihren Platz und das Sagen.

So ist es sinnvoll, das Haus rückwärts zu bauen; zuerst sammelt man Möbelideen, sortiert sie grob, baut einen Fokus wie eine Fassade um sie herum und füllt das Ganze dann mit einem Fundament aus Recherche, Charakterentwicklung und einer gewissen durchdachten Plot-Logik.

Entgegen jedes Planes arbeitet man teilweise blind und verschiebt Balken oder Möbel nach Gefühl. Man lässt sich beeinflussen von Charakteren und Umständen der Geschichte, obwohl diese weder Ahnung von der Architektur haben, die man ursprünglich geschaffen hat, noch um die physikalischen Gesetze wissen, mit denen man sie umgab.

Die Perfektion wird erst am Ende dieses Prozesses sinnvoll, wenn das Haus steht und einen zumindest stabilen Eindruck macht.

Sie sollte das Feng-Shui des Schreibens sein, der letzte Feinschliff, mehr nicht.

Der Tod des Autors gibt dem Leser seinen Platz

Völlig gleich, wie perfekt ein Autor seine Geschichte durchdenkt, wie geschickt er mit ihm gegebenen Werkzeugen agiert und wie adäquat seine Wortwahl das wiederspiegelt, was er zu sagen anstrebt; der Leser wird es anders verstehen.

Er wird es mit seinen eigenen Vorstellungen aufladen, es zurechtdrehen, dass es seinen Ansichten entspricht.

Er wird es sich zu eigen machen.

Daran kann der Autor nichts ändern. Er ist tot, seine Gedankengänge ein eigenartiges Frankenstein-Konstrukt, das unmöglich auf die Weise verstanden werden kann, wie er es ursprünglich meinte.

Was auch immer der Autor tut, er wird seine Leser nicht daran hindern, in dem Text das zu sehen, was sie dort sehen möchten.

Doch das ist kein Nachteil, denn so entwickelt der Leser eine Liebe für das Geschriebene eines Fremden – indem er sich selber hineinprojiziert und so darin wiedererkennen kann. Wie der französische Philosoph und Literaturkritiker Roland Barthes betonte, ist der Leser der Ort, an dem sich die Einheitlichkeit des Textes sammelt.

In diesem Wissen findet sich ein Ruhepol für den geplagten Perfektionisten. Er kann sein Ziel nicht erreichen. Er muss lernen, loszulassen.

Denn letzten Endes ist der Leser der Ort, an dem der Text potentiell unsterblich werden kann.

Wenn du auch nur ein bisschen wie ich bist, dann steht Perfektionismus zwischen dir und deinem fertigen Werk.

Doch er muss kein Antagonist für dich sein, vielmehr kannst du ihn dann mit Methode verwenden, wenn es tatsächlich angebracht ist.

Am Ende deines Schreibprozesses.

Niemals vorher!

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