Acht Wege aus der Schreibblockade

Ja, natürlich, wir alle wissen um den Vorteil von Schreibroutinen, wir alle haben Artikel um Artikel gelesen über Techniken, die Kreativität hochzufahren und wir alle wissen um die Notwendigkeit der richtigen, geistigen Haltung – das Schreiben als Hauptberuf zu behandeln.

Und wir alle arbeiten darauf hin, diese Dinge umzusetzen.

Nur stehen wir an unterschiedlichen Stellen; die Umgewöhnung ist ein Prozess, der häufig gestört wird von Alltag und Psyche. Und so stellt sich die Frage: Was machen wir, wenn es uns noch nicht gelungen ist?

Wie motiviert sich der geneigte Laie zum Schreiben?

Zunächst erlaube mir, die Szenerie festzulegen: du sitzt, vor dir liegt brach die gefürchtete weiße Seite, sei sie digital oder aus waschechtem Papier, sei sie völlig leer oder bereits teilweise beschrieben mit Worten des letzten Schreibflusses, der dir nun kläglich abhandenkommt. Und du steckst fest, du kannst dich nicht konzentrieren, irgendwas steckt in deinen kreativen Zahnrädern und blockiert sie, jeder Reiz ist stumm, jede Emotion verraucht. Wut macht sich breit, dann Frustration.

Setz dich grade hin, halt still, lies zu, Autor; ich habe dir etwas zu sagen!

 

  1. Komm rein und lern dich besser kennen, Kumpel

Dieser graue Blob aus Zellen und Nervenbahnen, der in deinem Schädel fröhlich hin und her schwappt, ist ein individuell programmiertes Wunderwerk. Erfahrungen, Gedanken, Biologie – dein ganzes Leben lang wird dein Gehirn konditioniert und trainiert und wird so mit fortschreitendem Alter immer verschrobener.

Deswegen gilt hier, was in jeder guten Beziehung gilt – du darfst nie mit dem Bestreben aufhören, dich selber kennenzulernen.

Welcher Reiz sorgt dafür, dass dein Gehirn sich ein heißes Dopamin-Entspannungsbad einlässt? Und wann ertrinkt es in einer Sturmflut aus Adrenalin? Und vor allem: welcher Zustand begünstigt deine persönliche Kreativität am meisten?

Es gibt Autoren, die brauchen emotionale Ausnahmezustände und bluten erst dann den Kern ihres Wesens auf das Blatt. Wieder andere benötigen den tiefsten Seelenfrieden, einen freien Kopf, damit Charaktere ihn übernehmen können, damit Welten einen Ort zur Entfaltung finden.

Manch ein Gehirn reagiert auf das Gefühl von Papier an den Fingerspitzen mit Freude, manch eines liebt die Effizienz und Schnelligkeit einer Computertastatur. Kaffee, Tee, Wasser oder Whiskey, Hunger oder Sättigung, Nacht oder Tag – probiere dich aus und führe Buch darüber, welche äußeren Umstände dich zu der besten, schriftstellenden Version deiner selbst machen.

  1. Erfülle deine Grundbedürfnisse

Die Augen, mit denen du diese Zeilen liest, die Finger auf deiner Maus, in deinem Gehirn Synapsen, die verarbeiten – all das und all die restlichen Teile deines Körpers bilden ein empfindliches System, das nur auf ein Ziel ausgelegt ist: überleben.

Das Gleichgewicht dieses Systems nennt sich Homöostase.

Schreib dir das Wort auf einen Zettel und hänge es über deinen Arbeitsplatz, mein Kind, denn wenn diese aus dem Gleichgewicht gerät, dann ist alles andere von minderer Priorität. Dein Gehirn gibt einen Dreck auf das nächste Stück Weltliteratur, das zu schreiben du auserkoren bist. Es will nur eines, und zwar:

  • Wasser
  • Nahrung
  • Sex
  • Bewegung
  • Gesellschaft

Da heißt es Ruhe bewahren, mein Lieber, denn das Gehirn ist ein garstig verwöhntes, egozentrisches Narzisstenkind und wird nicht nachgeben, bis es bekommt, wonach es verlangt.

Atme tief ein und wieder aus. Tue es nochmal.

Und wenn du das Problem nicht benennen kannst, dann klappere die Bedürfnisse nacheinander ab.

So ein Glas Wasser ist schnell getrunken, ein Spaziergang schnell getan.

Schiebe dir ein paar Nüsse und ein Stück Obst in den Mund oder grille dir ein Steak, mümmle an einem Brot mit Marmelade oder iss einen Salat.

Geh in den Kiosk um die Ecke und wünsche dem Verkäufer einen schönen Tag.

Oder fröne den Freuden der Fortpflanzung (Aber bitte ohne tatsächliche Fortpflanzung, sofern diese nicht gewünscht ist)

Und dann versuchst du es noch einmal mit dem Schreiben.

  1. Schritt für Schritt für Schritt ans Ziel

„Um tun zu können, was du tust, musst du gehen. Gehen trägt dir die Worte zu, erlaubt dir den Rhythmus der Worte zu hören, während du sie in deinem Kopf schreibst.“

Paul Auster, Winterjournal

Wenn du so bist wie ich, dann muss Bewegung ins Spiel kommen, damit die verstaubte Zahnradmaschinerie in deinem Kopf sich rührt.

Und du bist wie ich, denn, nun, du bist ein Mensch, durch deine Adern fließt Blut und Blut transportiert Sauerstoff zum Gehirn und was bewegt das Blut? Richtig, das Herz. Und das Herz schlägt schneller, wenn man sich bewegt.

Darüber hinaus tun die Reize einer unendlich vielfältigen Welt vor der Haustüre ihr Übriges für die Inspiration.

  1. Schreibe so schlecht, wie du vermagst.

Es ist grausam, ich weiß, gerade weil es so einfach zu sein scheint. Da ist die eigene Psyche, die einem ein Schnippchen schlagen möchte.

Doch dafür bin ich da.

Gib mir deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Und tue für drei Sätze genau das, was ich sage. Bereit?

  • Minimiere das Browserfenster.
  • Öffne dein Schreibprogramm.
  • Und schreibe für fünfzehn Minuten so schlecht, wie du kannst.

Nimm jedes Klischee mit. Achte nicht auf Form und Technik.

Tippen ist von nun an deinem Atem gleich und sollte auch so behandelt werden.

Fünfzehn Minuten. Go!

  1. Worte kommen in vielen Formen – Schreibe etwas Anderes

Kreativ sein ist hart.

Hält man inne und betrachtet das Wort in seiner ganzen Bedeutungsspanne bemerkt man, dass es von uns erwartet, etwas zu schaffen, das vorher nicht da war – etwas zu kreieren.

Nun, es gibt Technik und es gibt Schablonen, vorgegebene und solche, die wir uns selber schaffen und all diese Dinge legen wir an unsere Arbeit an und formen sie. Das kann mühselig sein. Es begrenzt, es hemmt den Fluss.

Also: verwirf alles. Setze dich hin und schreibe etwas anderes.

Schreibe Tagebuch, versuche dich an einem Gedicht, wenn du sonst Prosa schreibst und an Prosa, wenn du dichtest. Schreibe eine Rezension oder ein Rezept oder einen Essay. Schreibe einen Brief.

Schreibe irgendwas, das dich befreit.

  1. Umgib dich mit inspirierenden Leuten

Du steckst fest.

In dir ist ein Magnet, der dich zusammenzieht, der dich komprimiert, sodass du kleiner wirst, als du bist.

Du brauchst Anker in der realen Welt, mein Freund, und dieser Anker findet sich in anderen Menschen. Lass dich nicht einschüchtern. Wenn du dich in einem Gespräch mit einer Person wiederfindest, die dich mit einem Gefühl von Neid erfüllt oder dich deine eigenen Fehler klar sehen lässt, dann sehe dies als Möglichkeit zur Motivation.

Aus eigener Erfahrung sage ich dir: Gespräche mit Gleichgesinnten, mit Fortgeschrittenen oder Andersdenkenden sind Ereignisse, die in meinem kreativen Motor stets Funken schlagen.

  1. Creativity begets more creativity

Wenn du bist wie ich, dann kennst du die rasende Schreiblust, die sich einstellt, wenn man den Schreibprozess anderer Leute verfolgt.

Neben meinem Laptop steht eine Ansammlung von Büchern über das Schreiben, die ich bei Motivationsmangel zurate ziehe. Auch zieren eine Handvoll DVDs mit Filmen über Schriftsteller mein Regal. Ah, süße Motivation.

Filme über Schriftsteller sind für den Autor, was Pornos für den geneigten Masturbator sind.

Der positive Effekt reicht dabei von einer simplen und rationalen Aufnahme von Fakten und Methoden über den Neid des fremden Flows bis hin zu dem Ehrgeiz, es besser oder ebenso gut zu machen.

  1. Ein letzter Ausweg: Stift weg. Entspannung.

Und nun kommt der schwierigste Teil, mein kleiner getriebener Schreiberling.

Wenn alle Stricke reißen, sei gut zu dir. Zwing dich nicht.

Dein Gehirn reagiert mit Widerspinst, je mehr du es in eine Richtung drängst, die ihm nicht genehm ist. Schaue eine Serie, lies ein Buch, treibe Sport. Und vertraue darauf, dass eine zukünftige Version deiner selbst die aktuelle Aufgabe besser wird meistern können – denn dem wird so sein.

Siehe es als das Kreativ-Äquivalent des „Ein-und-wieder-ausschaltens.“

Für mehr gute Ratschläge verweise ich voller Inbrunst auf Karlottas Artikel über Autorenvorsätze.

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