Take a Walk – Der Weg zu Inspiration und Motivation

„Hey Babe – take a walk on the wild side!“ [Lou Reed]

Inspiration und Motivation sind zwei launenhafte Weiber, die nicht immer Hand in Hand gehen wollen. Vor allem wenn es um die große hochgeschätzte Kunst des Schreibens geht, fällt es uns immer wieder schwer, so richtig in die Gänge zu kommen.

Seien es nun die fehlenden 28 Seiten Bachelorarbeit über den Anstieg von Fahrradwegen in Großstädten, der Artikel in der hiesigen Literaturzeitschrift über Prousts Verhältnis zur Zeit , das Geburtstagsgedicht für Omma oder aber – und das ist es, worauf wir hier sicherlich alle hinauswollen – die letzten 213 Kapitel unserer Fantasy Septologie.

Inspiration oder Motivation? Irgendwas fehlt immer.

Als aufstrebende Sterne am Schriftsteller-Firmament kennen wir diese Situationen zuhauf:
Wir führen anregende Gespräche und vollziehen geistreiche Überlegungen, doch danach fehlt es uns an der notwendigen Motivation, um die gedachten Zeilen tatsächlich auch aufs Papier zu bringen.

Andererseits sitzen wir mit Kaffee und Chai Latte bewaffnet an unseren geputzten, einigermaßen gelüfteten Arbeitsplätzen, den Akku voll aufgeladen und bereit, in die Tasten zu hauen und es kommt…nichts. Nichts. Keine Inspiration. Kein Flow. Nur Flaute im Hafen der wehenden Geistesblitze. Denn unsere Muse ist auf den Schwingen ihres geflügelten Inspirations-Einhorns längst davongeritten. Hoffentlich geht es ihr gut, dort wo sie jetzt ist.

Ganz oder gar nicht?

Doch natürlich ist es beim Schreiben nicht nur wie mit Nickelback. Entweder man liebt es oder man hasst es. Es soll ja Leute geben, die finden es sogar mittelmäßig. Also…das Schreiben.

Nicht jeder ist entweder sofort voll und ganz drin im Schreibfluss oder aber überhaupt gar nicht. Nicht jeder schmeißt nach 20 Minuten unproduktivem Geschwafel gleich das Notebook in die Tonne und manch einer schreibt dafür sein bestes Kapitel und löscht es am Tag darauf wieder.

In Eves Artikel „Acht Wege aus der Schreibblockade“ kann sich mit Sicherheit jeder geneigte Autor und Schreibfreund mit seinen Problemen zum Thema Schreibblockaden wiederfinden.

Doch wir maßen uns natürlich nicht an, über alle Wortzirkulationen in euren Köpfen Bescheid zu wissen. Jeder hat seine Stimmungen und Schwankungen. Und jeder muss lernen, sich selber besser zu begreifen, um den Rhythmus zu finden und die jeweiligen Zahnräder ineinander rasten zu lassen.

Der Inspirations-Spaziergang

Um euch gegen Inspirations- und Motivationsflauten zu helfen und die davongelaufenen Musen wieder einzufangen, wollen wir mit gutem Beispiel vorangehen und selbst ein paar der von Eve aufgestellten Tipps austesten.

Für mich stellt der Spaziergang einen höchst interessanten Punkt auf Eves Liste dar.

Manche schwören darauf, vom Schreibtisch aufzustehen und an die frische, geistreiche Luft zu kommen; andere halten es für bloße Ablenkung und Prokrastination. Sie schauen sich die Außenwelt maximal von einer sicheren Position am Fensterplatz an.

Drinnenbleiber

Toni Morrison erzählt in einem Interview mit der Pariser Review („The Art of Fiction“) von ihrer strengen Routine, am Schreibtisch zu sitzen, am besten noch vor Sonnenaufgang, wenn die Kinder noch schlafen und es dunkel ist, und dann zu schreiben. Sie erklärt, wie es für sie als Autorin wichtig ist, einen Raum für sich einzunehmen, um an das eigene erklärte Ziel zu kommen:

I tell my students one of the most important things they need to know is when they are their best, creatively. They need to ask themselves, What does the ideal room look like? Is there music? Is there silence? Is there chaos outside or is there serenity outside? What do I need in order to release my imagination?

 Rausgeher

Der amerikanische Autor, Anthropologe und Verhandlungsexperte William Ury dagegen geht (!) sogar soweit, das Gehen selbst als Konfliktlösungsmittel zu bezeichnen. In seinen Vorträgen Der Weg vom Nein zum Ja plädiert er für die dritte Perspektive, die man durch das Laufen einnehmen kann.

Er referiert damit vor allen Dingen auf einen religiösen Aspekt der Geschichte. Der Abraham’s Walk, den Abraham – Vater der Weltreliogionen – vor 4000 Jahren durch den mittleren Osten gegangen sein soll, ist heute für viele zum Pilgerweg und zum Sinnbild für den Spaziergang als Mittel zur Problemlösung geworden.

Draußen und Drinnen

Der Neurologe Andrew Tate wiederum spricht sich zwar durchaus für das Hinausgehen aus, um den kreativen Fluss anzukurbeln:

A simple walk outside can aid your creative brain if you find yourself stuck at a desk and unable to elicit the next bright spark. Instead of sitting, waiting for inspiration to strike, head outside for five minutes and see if the extra blood flow can get the creative juices flowing.

[Quelle: Eric Ravenscraft: Why you should go for a walk wheen you need creative inspiration]

Tate meint jedoch auch, dass es wichtig ist, am Tisch zu bleiben, wenn man fokussiert sein muss und es darum geht, eine bestimmte Lösung für ein bestimmtes Problem zu finden. Ein Problem, auf das es nur eine Antwort gibt.

Raus aus der Routine – den Stein wieder steinern machen!

Ich habe den Inspirationsspaziergang selbst ausprobiert an einem Tag, der mir anfangs wie jeder andere erschien: träge, trüb und durchlässig wie ein Nudelsieb. Doch am Ende hat mir „Karlottas Walk“ doch noch die Augen geöffnet für die kleine faszinierende Welt, die mich umgibt.

Wir alle leben in einem geregelten Alltag, in dem alles vorgegeben scheint. Wir hinterfragen nur noch wenig, wir stumpfen mehr und mehr ab.

Literatur dagegen – die Liwi-Studenten werden sich an Viktor Sklovskij erinnern – ist dazu da, zu verfremden. Sie soll die Dinge wieder sichtbar, den Stein wieder steinern machen.

Ein Spaziergang, bei dem sich das Augenmerk auf Kleinigkeiten, auf scheinbar unbedeutende Dinge, wie ein Ladenschild oder das Graffito auf einem Zigarettenautomat legt, wirkt Wunder, wenn es darum geht, den kreativen Gehirnstrom wieder in Gang zu setzen.

Alle Fotos, die in diesem Artikel vorgekommen sind, entstanden während meines Inspirations-Spaziergangs durch das Andreasviertel in Erfurt. Erstaunlich, wie viele ulkige und faszinierende Motive sich finden lassen, wenn man – ähnlich einer Wildlife-Safari in Kanada – mit offenen Augen durch sein eigenes Viertel streift.

Habt ihr es schon einmal probiert?
Karlottas Tipp: Nehmt euch unbedingt Musik mit – am besten epische (z.B. „The Sound of Silence“ von Disturbed oder „Run Boy Run“ von Woodkid) und geht bei Regen hinaus. Je weniger ihr auf andere Menschen trefft, desto stärker könnt ihr in eurer eigenen Gedankenwelt versinken.

 

 

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