Das kann sich kein Mensch vorstellen!
Heinz Strunk zur HERBSTLESE 2018 in Erfurt

Full House im Ratsgymnasium Erfurt am 08.11.2018.
Es ist Herbstlese.
Der Hinterkopf des Mannes vor mir zittert. Er kann nicht mehr aufhören zu prusten, die Frau daneben hält sich den Bauch vor Lachen.
Dann wieder Gestöhne, zugekniffene Augenpaare. Igitt, ist das eklig!
Ein Wahnsinn schon wieder alles! Dann wieder Lacher.
Ein bisschen wie RTL II schauen, nur besser. Intellektueller.
Das Monopol auf solche Geschichten überlässt Erfolgsautor und Satiriker Heinz Strunk sicher nicht dem Trash-TV.

Heinz Strunk endlich wieder in Erfurt

Spätestens seit „Der goldene Handschuh“ ist Heinz ‚Heinzer‘ Strunk bekannt für seine düsteren
Geschichten aus der kleinbürgerlichen Mittelschicht. Er schaut da hin, wo jeder andere lieber wegsehen möchte. Doch er schafft es – so textet DIE WELT – immer wieder „Spaß und Depression derart gekonnt miteinander zu verbinden“, so dass wir uns zwischen Schmunzeln und Schaudern im Kreis drehen, als
wären wir an das unerbittliche Windrad seiner Erzählung „Über den Wolken“ gefesselt.

Die Figuren im ‚Teemännchen‘ sind diejenigen, die im Tatort
immer als erstes sterben.

Die masturbierenden, adipösen, dahin vegetierenden, zerlaufenen, absterbenden Gestalten, von denen bei ihm die Rede ist, sind laut Strunk „diejenigen,die im Tatort immer als erstes sterben“.
Da gibt es Schönheitsköniginnen im Schnellimbiss, Axl Rose im Höllenkiez, Möchtegernblogger im Twitterwahnsinn, Notgeile auf Rollsplittgranulat und Teehaus-Start Upper im Spiritusviertel.
Sie alle versammeln sich literarisch unter dem Darjeeling-Dach des Teemännchens und bilden eine
grotesk komische Kurzgeschichtensammlung mit 50 Erzählungen.

'Das Teemännchen' vereint 50 kurze und noch kürzere Geschichten und istim August 2018 im Rowohlt-Verlag erschienen.
 ‚Das Teemännchen‘ vereint 50 kurze und noch kürzere Geschichten und ist im August 2018 im Rowohlt-Verlag erschienen.
Bildquelle: Martin Rommeis

So kann nur einer schreiben. So kann nur einer lesen.

Laien bezeichnen Strunks Figuren als ‚Freaks‘ – so wie sie auch ihren Autor gerne auf ‚Fäkalhumor‘
reduzieren, dabei sind seine Charaktere so vielseitig wie seine Bücher selbst.
Traumlogisch, rätselhaft, verkommen, abgründig, traurig, kafkaesk.

Zeit also, dass sie sich Gehör verschaffen – am besten Fäuste schlagend und mit norddeutscher schneller Zunge vorgetragen, die nur Pause macht, um das Publikum „mit schönen Flötentönen zu verwöhnen“.

Die Steinzeit war nicht zu Ende, weil uns die Steine ausgegangen sind. Was will ich damit sagen? Ich weiß es nicht. Klingt aber gut.

Heinz Strunk ist Entertainer, Sprücheklopfer, Publikumsmagnet.
Er redet ohne Punkt und Komma, haut Weisheiten raus wie:
„Ein Reiter ohne Pferd ist nur ein Mensch, aber ein Pferd ohne Reiter ist immer noch ein Pferd.“
Oder: „Das Leben ist keine Instastory.“
Oder: „Die Steinzeit war nicht zu Ende, weil uns die Steine ausgegangen sind.“
Was will er damit sagen? Er weiß es nicht. Klingt aber gut.
Und darum geht es manchmal.

Autobahnraststätten sind die Schattenreiche Deutschlands.

Seine Erzählungen beruhen teilweise auf realen Erlebnissen, manchmal aber auch auf abstrakten
Gedankenspielen („Was wäre, wenn da einer hängen würde?“).
Gerne begibt sich Strunk in die Schattenreiche Deutschlands (Autobahnraststätten!) und beobachtet
einfach. Er weiß, wo er als Autor Inspiration findet.
(Wir auch: ‚Wege zur Inspiration und Motivation für Autoren‚)

Kurzgeschichten, Romane, Filme, Serien, Bühne – Hauptsache Strunk.


Nicht nur in Kurzgeschichten fasst der Hamburger Bestsellerautor sich gerne kurz.
Gleich zu Beginn der Herbstlesung betont er, dass er kein Fan von Geschwafel sei.
„Ein Prosaseminar mit der Aufgabe: Beschreiben Sie in 7 Seiten eine Birke. Wozu?“
Entgegen detaillierter Gartenbeschreibungen à la Fontane lebt Strunk eher nach dem Motto:
„Wozu die Natur beschreiben? Die Natur kennt ja jeder.“
All killer – no filler!
So will er seine sozialrealistischen Reportagen erzählen.
So wird er auch seine folgenden Romane schreiben.
Neben Bühnenstücken („Der Goldene Handschuh“) und Verfilmungen (Serie „Jürgen“),
plant Strunk bereits neue literarische Werke.

Ein Mann mit Fans. Nach der Lesung im Haus am Breitstrom (Ratsgymnasium Erfurt) gab Heinz Strunk noch Buchsignierungen.
Ein Mann mit Fans. Nach der Lesung im Haus am Breitstrom (Ratsgymnasium Erfurt) gab Heinz Strunk noch Buchsignierungen.
Bildquelle: Mira Held und Florian Beinecke

Die Franks, die Martins, die Marions, die Marcels haben es schwer an diesem Abend, weil ihnen ständig Blicke zugeworfen werden.
Am Ende wissen wir aber alle:
Strunkscher Sozialrealismus lauert im Verborgenen.
Dort die Maschinenabhängigen Yogagänger, die sich in dem Glauben „das Universum wurde für uns
geschaffen“ stretchen – morgen schon die Strandkorbleichen, die wie nach einem Gasangriff verunglückt, liegen und auf Erlösung warten.

Was will ich damit sagen? Ich weiß es nicht. Klingt aber gut.

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