Skillfully Killing Darlings: Perfektion im ersten Entwurf

Diese Woche in
Skillfully Killing Darlings: Skillanes tödlich gute Wochenkolumne

Perfektionismus. Schon wieder.
Dazu Worte über Sand. 
Gesprochen wird über zwei Episoden des Podcasts “Inside Creative Writing” von Brad Reed, die mir in die Ohren fiel, als ich sie am meisten brauchte; mise en scene, zählende Worte und Klischees.  
Am Ende stelle ich noch eine kleine Musikempfehlung in den Raum, die mir aktuell als Freude und Inspiration dient. Wer sie mag, möge sie mitnehmen.
Es bleibt spannend!

Bevor ich eintauche, ein paar kleine Worte zu dem neuen Texthäkchen-Konzept. Nach Nächten der verbitterten Diskussionen und Kompromisse sind wir endlich auf die einfache Wahrheit gekommen: Die Artikelform, der wir uns bis dato verschrieben haben, hat uns zeitweilig eher gehemmt, als beflügelt. 

So viele Themen, so wenig Zeit.

Wir sind interessierte und sich stets wandelnde Wesen, mit wechselnden Problemen und Themen – und darüber reflektiert es sich am besten in einem wöchentlichen Rückblick.

Also schwenken wir um auf dieses Format. Es sei denn, uns dürstet nach einem klassischen Artikel. Dann gibt es sowas. Madness!

Und heute gehört ihr der verrückten Skillane.

Allons-y!

Und wieder ein Wort zum Perfektionismus

Werte Lesende, ich muss mich an dieser Stelle abermals bekennen – ich neige zum Perfektionismus. Damit bin ich selbstverständlich nicht alleine; vor allem unter uns Autoren ist dieser seltsame Hirnmechanismus bekannt.

Ganz oder gar nicht, nicht wahr?

Mein Gehirn macht es sich in der Einfachheit dieser zwei Extreme bequem und quengelt, wenn ich es zur Balance aufrufe. Die Küche putzen? Das machen wir nur, wenn die Zeit dafür ist, jedes Gewürzgläschen von innen zu polieren und die Reiskörner nach Größe und Farbnuance zu sortieren – und wann hat man die schon?

Down the Rabbit-Hole

Beim Schreiben ist es nicht anders.

Perfektionismus, richtig eingesetzt, kann durchaus einen Mehrwert für jedes Werk bieten – darüber habe ich in einem früheren Artikel bereits sinniert. Wie bei vielen Dingen im Leben gilt es auch hier, eine passende Balance zu finden. Denn wenn man zu unkritisch ist, liefert man mangelnde Qualität – kriecht man dagegen zu tief in das perfekte Kaninchenloch hinein, dann bleibt man mitunter stecken und verbleibt gelähmt, ohne vor oder zurück zu kommen.

Das musste ich die letzte Woche feststellen als sich das dritte Kapitel meines Romans als äußerst garstig erwies.

Schaufel den Sand! Und dann lass ihn ruhen.

The Dragonpit, it is called.

“I’m writing a first draft and reminding myself that I’m simply shoveling sand into a box so that later I can build castles.”

Shannon Hale

Ich erinnere mich immer wieder gerne an dieses Zitat, denn es holt mich in die Realität eines ersten Entwurfes zurück. So tat ich es auch mit diesem Kapitel – ich habe blind geschaufelt, tagelang, bis ich zehn Seiten voller Sand hatte. Und dann habe ich in meinem perfektionistischen Eifer zu viel Wasser draufgekippt und bin verzweifelt, weil meine Burg immer wieder zerflossen ist.

Meine Probleme lagen darin, dass ich es zu eilig hatte. Auch fehlten bestimmte Sandkörner und wiederum andere mussten wieder aussortiert werden, doch das erkannte ich natürlich nicht– wenn der Kopf zu tief im Sandhaufen steckt, ist es zu dunkel, um zu sehen, nicht wahr? Und es fehlt der Sauerstoff.

Meine Erfahrungen und mein Wissen sagten mir, dass ich die Zelte abbrechen, dass ich mich einem anderen Kapitel, einer anderen Sichtweise zuwenden sollte, doch mein Verstand hatte seine Zähne zu tief in dieses Ding geschlagen und wollte nicht loslassen, ehe es besiegt ist.

Zu viel vorgenommen

Ich verlangte zu viel von diesem Kapitel, das ja gerade seine ersten Schritte unternahm.

To-Do-Wand, warum quälst du mich?

Charaktere haben ihren ersten Auftritt, also muss ein starker Eindruck erzeugt werden. Eine Figur soll eingeführt werden, während gleichzeitig von ihr abgelenkt wird. Ich wollte Informationen geben in einem Dialog, ohne dass dieser unnatürlich wirkt. Auch ist meine Erzählperspektive die eines unzuverlässigen Erzählers mit einer begrenzten Sichtweise – meine Protagonistin hat so ihre Eigenarten in ihrer Weltsicht und ihrem Fokus. Ich wollte, dass jedes Wort sitzt. “Make every word count”, nicht wahr?

Das alles wollte ich perfekt hinbekommen.

Beim ersten Versuch.

In einer Woche.

Wenn ich es so ausformuliere kann ich nur den Kopf schütteln. Gehirn eines Perfektionisten, du hast es schon wieder getan!

„Make every word count“

Zu meinem großen Glück sind die Musen mir zugeneigt, denn just in dieser Woche beschäftigte sich ein Podcasts, den ich mir beim Sport zu Gemüte führe, mit ebenjenem Problem.

In einer Episode seines Podcasts “Inside Creative Writing” kommt Brad Reed auf den Begriff „mise en scene“ zu sprechen, der aus der Theater- und Filmwelt stammt, und überlegt, wie ebenjener zu einem Mehrwert des kreativen Schreibens angewendet werden kann.

Wenn man schreibt und sich mit dem Handwerk beschäftigt, dann gerät man früher oder später an den ominösen Satz: „Make every word count“ – schreibe so, dass jedes Wort zählt. Brad Reed geht es dabei wohl, wie vielen von uns: er fand sich häufig vor seinem Computer wieder, jedes Wort hinterfragend, ohne wirklich zu wissen, worauf er hinauswill– und völlig überfordert mit der schieren Masse an Arbeit, die er sich damit auferlegt. Das war genau mein Problem bei diesem Kapitel – ich wollte, dass jedes Wort so viel Gewicht trägt wie möglich und habe dabei völlig vergessen, dass es noch immer mein Erstentwurf ist.

Mise en Scene

Kaffee? Kerze? Bildschirm – Ah, da schreibt wohl jemand.

In so gut wie jeder Filmszene gibt es mehrere einzelne Elemente, die das Gesamtbild ergeben: Der Raum, die Requisiten, die Möbel, die Farben, das Licht, die Schauspieler und andere Dinge. Nun ist dieses Arrangement im besten Falle kein willkürliches, sondern bewusst getroffenes, um den Plot, die Thematik, die Stimmung, die Charaktere oder etwaige symbolische Ebenen der Szene bestmöglich zu unterstreichen.

In einem Roman geschieht dies natürlich auf etwas andere Weise –im Gegensatz zum Film werden Details hier durch ihre bloße Benennung in den Fokus gerückt und wirken plump, anstatt subtil im Hintergrund zu bleiben. Und doch gibt es auch hier Details, Elemente, die willkürlich gewählt oder bedacht sein können.

Ein Film hat ein gewaltiges Team hinter sich, das sich die Arbeit teilt – wir dagegen sitzen alleine und verlassen vor einem weißen Blatt Papier.

„This is easy, right? All we have to do is be intentional about absolutely everything in our writing. Yeah, right.”

Brad Reed

Wie also machen wir uns dieses Konzept zu nutze? Jedes einzelne Wort zu überprüfen, demotiviert und ist nicht zweckmäßig.

Deswegen schlägt Brad Reed vor, die Arbeit auf einer größeren Skala anzusetzen: Nicht jedes Wort zählt – sondern jedes Element. Hinterfrage das Haus, in dem deine Figur wohnt, das Auto, das sie fährt, ihre Kleidung – und nicht jeden einzelnen Satzbaustein. Und natürlich sollte dieser Vorgang bei der Überarbeitung stattfinden – und niemals im ersten Entwurf.

Ja. Richtig. Woopsie.

„A good novel is an indivisible sum: every scene, sequence and passage of a good novel has to involve, contribute to and advance all three of its major attributes: theme, plot, characterization.“

Ayn Rand

Hüte dich vor dem Klischee

Einen kleinen Exkurs innerhalb dieser Folge möchte ich euch nicht vorenthalten: Reed geht auch auf die, aus diesem Konzept entstehende Problematik des Klischees ein.

Er erklärt diese mithilfe des Wetters auf einer Beerdigung. Natürlich, sobald man selbigem eine Bedeutung zuspielen möchte, wird es schnell regnen und düster sein, um so perfekt für Stimmung und Symbolik zu funktionieren. Doch es ist bedauerlicherweise keine frische Idee, nicht wahr?

Nachts, wenn die Klischeepire fliegen!

Um das zu umgehen verweist er auf ein kleines Gedankenexperiment, das er in einer früheren Folge mit dem Titel „Spark your Creativity“ vorgestellt hatte: „Reversals“ – Umkehrungen.

Im Grunde nimmt man ein Element der eigenen Geschichte und schreibt drei Grundannahmen auf, die man über selbige hegt. Und im nächsten Schritt werden diese dann experimentell ins Gegenteil umgedreht. So bricht man die eigene Gedankenspirale auf und öffnet den Verstand für neues.

Und das war es für diese Woche. Schalten Sie doch bitte nächstes Mal wieder ein, wenn es heißt: Skillane kills Darlings – with style.

Eine Musikempfehlung habe ich versprochen, sagt ihr? Ich hoffe ihr mögt Murder Ballads über die düsteren Aspekte der amerikanischen Geschichte. Aber wer tut das nicht?

Terrance Zdunich und Saar Hendelman of American Murder Song – play me out!


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