Skillfully Killing Darlings: The angle of the sandbox

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Bild von Greg Montani auf Pixabay


“I’m writing a first draft and reminding myself that I’m simply shoveling sand into a box so that later I can build castles.”

Shannon Hale

Hallo Welt, ich bin es.

Eve Skillane.

Ewig schaufelnd, immer Sand zwischen den Zähnen, verdurstend in Wortwüsten.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich häufig über Perfektionismus rede. Seine Tücke ist uns allen bekannt. Er ernährt sich von unserer Lebenszeit und flüstert uns kleine Unsicherheiten ins Ohr, sodass wir denken, wir werden unseres Lebtags nicht glücklich, wenn wir ihm nicht den Raum einräumen, den er verlangt.

Doch kürzlich habe ich ein neues Mantra gelernt.

B minus work can change the world.

Eine Zwei minus kann die Welt verändern.

Perfekte Arbeit, die nicht vollendet wird, bleibt verschlossen im Perfektionistengehirn.
Doch was, wenn sie nicht perfekt sein muss? Was, wenn sie reicht, wenn sie okay ist? Was, wenn „perfekt“ nicht existiert und eine Annäherung lediglich ein Bonus ist und nicht die Grundvoraussetzung?

Bild von Colin Behrens auf Pixabay
Bild von Colin Behrens auf Pixabay

Für gewöhnlich würde ich hadern, ehe ich einen Blogbeitrag beginne.

Du brauchst Zeit, würde ich denken. Du brauchst Ruhe. Du brauchst Ideen.

Du musst sinnieren und recherchieren und formulieren und richtig, richtig tief in dich gehen, dorthin, wo die Sonne nicht mehr scheint.

Du musst. Einen. MEHRWERT SCHAFFEN.

Nö.
Nicht mit mir.
Heute nicht.

Ich schreibe, was mich gerade beschäftigt. Und es wird so knapp oder lang, so kryptisch oder klar, so schön oder hässlich wie es eben wird. Ganz egal.

Hauptsache es wird.

Und so seht zu wie ich die Schaufel niederlege um krumme Sandburgen zu bauen.

Wo stehst du denn gerade, Eve?

Eine hervorragende Frage, fiktiver interessierter Leser.

Viele Menschen fragen mich das und es ist mir mitunter nicht möglich, darauf eine Antwort zu geben. Denn dazu müsste ich weit, WEIT ausholen um meinen Prozess zu beschreiben.

Der Akt des Schreibens ist ein Labyrinth. Man lernt und lernt und lernt und irrt und irrt und irrt und irgendwann kommt man an einem Ort an, der einem gefällt und beginnt, ihn mit Worten zu zeichnen.

Und dann legt man ihn der Welt vor.

Warum sollte man dann noch den Weg erklären? Es ist müßig und sinnlos und mitunter unmöglich.

Ich müsste die Sackgassen ausleuchten, die ich frequentiere. Müsste die Gedanken, Ideen, Selbstgespräche, Konzepte, Lehren, Zitate und Verwerfungen in meinem Gehirn herabbrechen auf Prozentzahlen und Phrasen.

Ich müsste eine Menge Zeit investieren um für dich sichtbar zu machen, was aktuell nur für mich sichtbar ist – Zeit, die ich nicht habe. Und die ehrlich gesagt verschwendet wäre, weil… why?

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Bild von Matthias Wewering auf Pixabay

Das gesagt: Es gab im letzten Jahr schon einmal eine Phase, in der ich den Perfektionismus verworfen und Kapitel um Kapitel um Kapitel in kürzester Zeit beendet habe. Doch dann bin ich irgendwann an einen Punkt gekommen, wo ich plötzlich keinen Plan mehr hatte.

Jetzt habe ich einen Plan. 

Von vorne bis hinten.   

Ich habe aktuell 4 Kapitel beendet und arbeite an der Nummer 5.

Es gibt Berge um Berge an Sand in diesem Kapitel, doch ich habe mich noch nicht entschieden, in welchem Stil meine Burg am besten ihren Zweck erfüllt. Also wälze ich mich am Anfang umher auf der Suche nach dem, was Journalisten als angle bezeichnen.

Angle?

Was genau versteht man darunter?

Im Cambridge Online Wörterbuch wird es folgendermaßen definiert:

a position from which something is looked at / a way of considering, judging, or dealing with something

Es ist eine große Herausforderung, dass man in der kreativen Schreibarbeit für gewöhnlich keine Grenzen hat. Viele Menschen denken, diese Grenzenlosigkeit wäre eine unverzichtbare Grundlage für Kreativität, doch das ist ein Irrtum. Sie überfordert und macht jeden Fokus unmöglich.

Es ist ein wenig, als versuche man ohne Sprache zu kommunizieren. Natürlich hat man sämtliche Laute, die der menschliche Rachen erzeugen kann zur Verfügung und kann sich auch der Körpersprache bedienen. Doch komplexe Gedanken zu vermitteln ist ohne ein einheitliches Zeichensystem unmöglich.

Schreiben ist nichts anderes als ein Versuch der Kommunikation.

Wenn man in alle Richtungen schreiben kann, passiert es leicht, dass man sich verirrt. Dass man zu viele Richtungen wählt und die Geschichte so weit auseinanderzerrt, dass sie irgendwann reißt.

Der Leser ist hier ein wenig wie ein Kind. Man setzt ihn nicht in der Einöde aus und sagt ihm, er muss seinen Weg ohne Hilfe finden, nein. Man bereitet Wegweiser und Fackeln und Requisiten vor. Man führt ihn sanft, dass er in jeder Szene genug Informationen hat, um zu verstehen, was geschieht und was sie bedeutet.

Wir sprechen nicht umsonst von einem roten Faden.

Eine angle ist ein solch roter Faden.  

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Sie ist der Standpunkt, von dem aus man das Geschehen am effektivsten erzählen kann.

Sie ist nicht unbedingt linear oder simpel und setzt sich mitunter aus vielen Faktoren zusammen – Zeitform, Erzählperspektive, Startpunkt sind einige davon (wobei diese oftmals vorher klar sind). Nutzt man eine Metapher, einen Vergleich, den Blickwinkel einer bestimmten Figur oder gar eines Gegenstandes?

Stellt man eine bestimmte Idee in den Fokus und baut die Geschichte darum herum auf?

Schreibt man im Moment oder bezieht man Vergangenheit oder Zukunft mit ein? 

Schreibt man im Lichte einer bestimmten Emotion?

Es gibt sehr viele unterschiedliche Herangehensweisen.

Die Suche nach einer angle steht für mich am Anfang jedes Kapitels und ist mir der unangenehmste Teil, gerade weil sie so vielfältig ist.

Es ist ein wenig so, als werfe man Kletterhaken in die Dunkelheit und hofft, etwas zu treffen, das das eigene Gewicht aushalten wird, wenn man den Aufstieg wagt.

Ein Beispiel

Letztes Jahr habe ich den NaNoWriMo genutzt um einen meiner Charaktere besser verstehen zu können. Ich habe seine Geschichte aufgeschrieben.

Ohne ins Detail zu gehen, sei so viel über ihn gesagt: Er hat seine Jugend in Reichtum verbracht und ist dann in eine Situation reingeschlittert, in der er sich selber für seine vorherige Arglosigkeit verabscheuen musste.  

Die folgende Passage habe ich damals im Akt des discovery writings geschrieben. Sie ist unbearbeitet und kurz, doch sie soll hier als Beispiel dienen.


„Er saß auf der Matratze. Er spürte den Betonboden durch den Stoff, fucking Prinzessin auf der Erbse, er roch sich selbst nicht mehr. Was er über das Rechtssystem wusste, wusste er aus Filmen und den betrunkenen Prahlereien von Freunden, die Bußgelder verglichen wie Schwänze. Geld war immer etwas Definites, es gab immer Orte, wo es herkam und Orte, wo es hinging um einen im beschissenen Mittelpunkt der Welt bleiben zu lassen.

Die Welt war so still um Gil herum. Die Party war zuende. Man kann Münzen auf einen Sarg schmeißen, wie man will. Es hat keinen Zweck. Du kannst das ganze beschissene Loch mit Scheinen füllen und es ändert doch nichts daran, dass am Grund ein Toter verrottet. Gil glitt in Schlaf und wieder raus. Er träumte davon, dass Scheine auf sein Gesicht fielen, seine Lider waren offen und das Papier schnitt tief in seine Augäpfel, doch er konnte sich nicht rühren.“

Eve Skillane

Die angle hier ist das Geld und Gils eigene Sichtweise darauf. Dieses Bild – zusammen mit all den Emotionen, die der Charakter dabei empfindet – habe ich hier genutzt, um seine Abwärtsspirale zu verdeutlichen.

Indem man sich auf ein einziges Bild, eine einzige angle beschränkt, kann man komplexere Gedanken umzäunen und so greifbar machen. Man kann Dinge miteinander verbinden, die nicht offensichtlich zusammengehören.

Gleichzeitig bleibt die Illusion („wissentliche Aussetzung der Ungläubigkeit“) für den Leser intakt, da es nicht zu viele Gedankensprünge gibt. 

What the…?

Ich schreibe diesen Beitrag unter Ausschluss jedes Perfektionismus.

Das bedeutet, ich bin gerade ein Knecht meines übermüdeten Verstandes.

Womöglich habe ich einige Gedanken überstürzt und nicht soweit ausgeführt, wie es gewünscht wäre – tatsächlich habe ich mich hier nicht um Struktur bemüht, sondern erst (semi-)begriffen, was ich schreibe, während ich es geschrieben habe.

Wenn es etwas im heutigen Beitrag gibt, das besonders interessiert, wenn Fragen aufkommen oder Ergänzungen oder Kritik oder Korrekturen dann sind diese in meinem Postfach mehr als willkommen.

Bis dahin, bleibt gesund und gehabt euch wohl

Eve Skillane

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