Blutpudding: Eine Weihnachtsgeschichte

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Rodney steht im Bürgeramt.

Er ist ein stämmiger Bursche, ein Bauerntrampel, er hat ein Brett vor seinem Kopf, haben seine Lehrer früher gesagt. Sein Vater der Schmied hat ihm dann stets mit seiner warmen Schmiedpranke auf den Rücken gehauen und gesagt: „Rodney, wo ein Brett befestigt wurde, da muss es Schrauben geben. Weißt du woraus Schrauben sind?“

„Eisen?“

„Eisen! Richtig! Und was machen wir aus Eisen?“

„Was wir wollen“

„Ahaha! Das ist mein Sohn!“

„Junger Mann!“

Rodney sieht auf. Die Dame hinter dem Schalter schnippt vor seinem Gesicht. Auf ihrem Synthetik-Pullover klebt ein silbernes Schild mit ihrem Namen drauf. Kein Metall. Nur gefärbtes Plastik. Alles auf dieser Welt ist gefärbtes Plastik. „Ich sage es zum letzten Mal. Treten Sie zur Seite und machen Sie meinen Schalter frei.“

„Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

„Weil ich die Antwort nicht weiß.“

„Sie arbeiten doch im Bürgeramt, oder?“, fragt er.

„Was für eine blöde Frage-„

„Und Bürger sind Personen, oder nicht?“

„Sollte man vermuten, ja.“

„Dann müssen Sie doch wissen, was genau eine Person ist?“

„Ist es nicht jedermanns Job, das für sich selbst zu definieren?“ fragt eine leise Stimme aus der Schlange hinter Rodney, doch jemand anderes bringt sie unwirsch zum Schweigen.

Die Dame vom Bürgeramt stiert ihn aus plastikmatten Augen an.

„Okay. Na schön. Sie wollen es wissen, ja? Sind Sie sicher? Nicht jeder ist bereit dafür.“

„Ja“

„Na gut. Sehen Sie diesen Computer?“ fragt sie und tippt mit ihrem langen roten Plastiknagel auf den Klotz, der vor ihr steht.

Rodney denkt an Blutpudding.

Seine Mutter macht ihn immer zu Weihnachten. Ja, die Schweden wissen, worauf es beim Essen ankommt. Das sagt sein Vater auch immer.

Er bemerkt, dass die Dame ihn anstarrt und schüttelt den Kopf. „Was?“

„Alle Personen sind in meinem Computer“, sagt sie laut und spuckt an die Plastikplatte, die über ihrem Schalter hängt. Rodney ist sehr froh über die Maske, die sein Gesicht bedeckt. Der Draht über seiner Nase fühlt sich an wie die sanfte Umarmung seiner Mutter.

„Hören Sie mir zu?“

„Ja.“

„Wenn Ihr Name da drinsteht“, sie tippt wieder auf den Kasten. Ihr Nagel bricht ab und fällt in das kleine Weihnachtsgesteck auf ihrem Schreibtisch, doch sie ist zu wütend, um es zu bemerken. „Wenn ihr Name da drinsteht dann sind sie eine Person. Reicht Ihnen das als Antwort? Sie- Hey, was tun Sie da?“  

Rodney ergreift den Kasten, reißt das Kabel aus der Wand, trägt es aus dem Gebäude und wirft es zu Boden. Mit seiner ganzen Körpermasse steigt er darauf und zerdrückt es zwischen den Stahlkappen seiner Arbeitsschuhe und dem Asphalt.

Rodney mag es simpel.

Deswegen mag er Metall.

Metallene Dinge sind oft aus einem Guss und haben einen klaren Zweck. Er versteht nicht, warum jemand eine Welt aus anderen Materialen als Metall bauen würde. Metall kann alles sein, was man will. Löffel und Bettpfannen, Waffen und Skalpelle, Kunst, Werkzeuge, künstliche Hüftgelenke, Schlagstöcke, Autos und Totenbahren.

Auch Rodney ist aus einem Guss. Er lebt in einer Welt aus Holz und Plastik, die er ständig eindellt und zerstört, ohne es zu wollen.

Er hebt den Haufen Plastik auf und wirft ihn in den nächsten Stahlmülleimer.

Die Dame krächzt hinter ihm wie zerkratztes Vinyl.

Rodney fühlt sich nicht länger angesprochen.   

Sein Gedankenzug fährt auf eingleisigen Schienen.

Doch was für Schienen das sind. Grandiose, wohlgepflegte, polierte Stränge kaltglänzender Ewigkeit. Stahl, in diesem Fall.

Er holt sein Notizbuch aus der Tasche und macht mit seinem Bleistift den vorletzten Haken auf seine Liste.

Ach, so langsam kommt er richtig in Weihnachtsstimmung. Über der Maske beschlägt seine Brille und die Welt sieht fast aus, als wäre sie mit Schnee bedeckt. In seinem Rucksack gluckert der Benzinkanister im Takt von Jingle Bells. Rodney hüft ein wenig, als er den Weg nach Hause einschlägt. 

Er schließt die Wohnungstür auf und betrachtet den gewaltigen Haufen, den er in der Mitte seiner Ein-Zimmer-Wohnung geschaffen hat. Gardinen, Holzbeine, Kleidung, Polster, Plastiktüten und Tupperdosen. Er hat auch das Besteck draufgeworfen, doch er erwartet nicht, dass es schmilzt. Alle Löffel in seinem Haus sind mit Ruß bedeckt, denn es beruhigt ihn, sie über brennende Kerzen zu halten. Deswegen wurde er schon aus dem einen oder anderen Restaurant geworfen und musste hungrig zu Bett gehen.  

Alles flackert und glänzt wie Weihnachtslichter, als er das Benzin darüber gießt und ein brennendes Streichholz hineinwirft.

Er bleibt eine Weile stehen und beobachtet, wie der metallic-glänzende Plastikrahmen des Fernsehers schmilzt.

Am Ende werden nur noch die Schrauben übrigbleiben.

Der Taxifahrer sieht zu dem brennenden Gebäude auf.

„Soll ich jemanden rufen?“ fragt er.

„Nein“

„Sind Sie sicher?“

„Wozu?“

„Um das Haus zu retten?“

„Ich sehe kein Haus.“

Der Taxifahrer zuckt mit den Schultern und fährt los. Vorbei an Fenstern, in denen Plastiklichter leuchten und durch die Plastikbäume in Plastikständern stehen und von Plastiklächeln betrachtet werden.

Er denkt schon wieder an Blutpudding.

Die Vorstellung des Gerichts auf dem Tisch seiner Eltern umgeben von Kerzen und seinen Geschwistern ist auch wie aus einem Guss. Es stempelt sich wieder und wieder in seinen Verstand wie ein Kupferstich. Doch natürlich versteht er, dass es dieses Jahr nicht so sein wird. Er ist nicht besonders clever, doch er ist kein Idiot.

Vor dem Haus seiner Eltern steht die Karosserie eines alten, ausgeschlachteten Wagens. Auf dem Dach und auf der Motorhaube und auf der Klappe des Kofferraumes sind Windlichter platziert. Rodney steigt aus dem Taxi aus. Er atmet tief ein diesen Geruch nach Eisen.

Er umarmt seine Eltern nicht. Doch seine Mutter sieht ihn an und er erinnert sich an ihre stahlharten Umarmungen, daran, wie ihre leuchtend roten Wangen sich an seine Schläfe drücken wie abkühlende Löffel. Er erinnert sich auch an die Umarmung seines Vaters. Als würde man gedrückt von einem Topf, der gefüllt ist mit heißem Wasser, voller Möglichkeiten, voller Wärme und drum herum ein metallisches Gefäß, das alles aushält.

Der Blutpudding ist aufgegessen. Seine zwei jüngeren Geschwister sitzen bei seinen Eltern am Esstisch im Wohnzimmer. Er kann durch die offene Tür sehen, wie sie das Metallbesteck in die Kerzenflamme halten und kichern, als es sich schwarz verfärbt. Niemand stört sie in ihrer Neugierde.

„Eigentlich dürften wir nicht so sitzen“, ruft seine ältere Schwester aus dem Flur. Sie muss sich leicht vorbeugen um alle durch die Tür sehen zu können. „Wir sind sechs Personen und drei Haushalte.“

„Ich bin keine Person mehr“, sagt Rodney.

„Was?“

„ICH SAGTE ICH BIN KEINE PERSON MEHR!“

„Ich habe dich schon verstanden, doch du redest Schwachsinn.“

„Ich habe den Computer zerstört, in dem mein Name stand.“

„Rodney, du Idiot. So funktioniert das nicht.“

Er zuckt mit den Schultern. „Die Frau vom Bürgeramt ist da anderer Meinung.“

„Nun lass Rodney seine Freude“, sagt ihr Vater. „Wenn er keine Person mehr sein möchte, dann darf er das.“

„Es geht nicht darum, ob er es darf. Es geht darum, dass-„

„In diesem Haus ist man nur dann eine Person, wenn man eine Person sein will!“

Sie alle fallen in Schweigen. Rodney lehnt sich zurück. Seine Zunge ist schwer, seine Glieder warm. Es hat etwas Aufregendes, dass er sich so umsehen muss, um alle seine Lieben zu sehen. Wie ein völlig absurdes Versteckspiel, in dem sie alle richtig, richtig schlecht sind.

In der Luft liegt das leichte klingeln des Radios aus dem Wohnzimmer. Ansonsten ist eine friedliche Stimmung in der Luft.

Weihnachtsstimmung.

„Selbst, wenn dem so wäre sind wir immer noch drei Haushalten“, fängt seine Schwester wieder an.

„Was?“

„ICH SAGTE-„

„ICH WEIß, WAS DU GESAGT HAST“, brüllt sein Vater mit dröhnendem Humor. „ICH ZIEHE DICH NUR AUF.“

„Wir sind nur zwei Haushalte.“

„Was?“

„Ich habe alles verbrannt“, sagt Rodney.

„Was?“

„Mein Haus. Meine Möbel. Alles verbrannt.“

„Du hast alles verbrannt?“

„Wo kein Haus ist da ist auch kein Haushalt mehr.“

Stille herrscht. Rodney sieht, wie sein Vater und seine Mutter sich ansehen. Seine Schwester richtet sich auf und öffnet den Mund, doch sie sagt nichts.

„Rodney“ sagt sein Vater schließlich mit donnernder Stimme. Rodney wird kalt. Vor seinem Auge sieht er, wie er das Haus wieder verlassen muss, wie er zurückkehrt in diese Welt aus Plastik und Holz, wo er überall aneckt und Panik steigt in ihm auf. Sein Vater schlägt mit der Faust auf den Tisch und sieht Rodney funkensprühend an.

Dann sagt er: „Das was du geführt hast war von vorneherein kein Haushalt“ und lacht bellend aus dem Nebenzimmer.

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