Skillfully Killing Darlings: Wir alle sind zu faul!

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Man sieht es, wenn man aus dem Fenster blickt.

Die Menschen sind zu faul, um rauszugehen. Die Weihnachtsmarktbudenbesitzer sind zu faul, ihre Buden aufzubauen. Selbst der Schnee ist zu faul, um zu fallen. 

Das klingt nicht richtig, oder?

Immerhin gehen die Menschen nicht raus, weil eine globale Viruspandemie herrscht. Sie möchten sich und andere schützen.
Weihnachtsmärkte wurden aus demselben Grund untersagt.
Und die globale Erwärmung sorgt dafür, dass die Temperatur kaum unter den Gefrierpunkt fällt.

Mitunter gibt es gute Gründe für Stillstand.

Was ist Faulheit?

Ah, die Zeit der Pandemie war schon immer eine Zeit der Besinnlichkeit. Im Homeoffice werden wir dafür bezahlt, all die kleinen Aspekte unseres Lebens zu hinterfragen und zu zersetzen, bis wir nicht mehr wissen, wer wir sind. Es ist eine friedliche Zeit. Eine Zeit des Frustessens und einsamen Glühweins.

Ich habe über Faulheit nachgedacht. Welches Thema wiegt so schwer auf der geschundenen Autorenseele wie dieses?

Es möge die Hand heben wer nicht sofort weiß, was „Faulheit“ ist?

Wir kennen sie alle.

Das sind die Nichtstuer.
Die Taugenichtse.
Die Nutzlosen.
Diese verachtenswerten Menschen, die eine Sache, die sie tun sollten einfach nicht tun.

Sie wollen die Sache tun.
Sie sind körperlich und geistig in der Lage dazu, die Sache zu tun.
Sie haben die Energie und die Zeit die Sache zu tun.
Sie werden nicht abgelenkt.
Es gibt nichts in ihrem Leben, das wichtiger ist als diese eine Sache.

Und doch tun sie sie nicht.

So denken wir.

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Weil sie faul sind.
Zu faul, von der Couch aufzustehen. Zu faul, die Fenster zu putzen. Zu faul, sich auf diese eine Stelle zu bewerben.
Und sie wissen es. Denn sie sagen es sich selber viele Male am Tag.

„Ich bin zu faul.“

Doch sind sie das wirklich?

Was ist Faulheit wirklich?

https://de.wikipedia.org/wiki/Faulheit

Du dachtest, ich bin hier, um dich davor zu warnen, faul zu sein?

Falsch gedacht.

Dies ist eine Intervention.
Ich werde dir heute die Idee von Faulheit austreiben. Denn sie ist nichts als ein Hirngespinst.

Faulheit gibt es nicht.

Sie ist eine externe Schablone, die früh an uns angelegt wird, um unser Verhalten zu erklären und zu verurteilen.  Eine Vereinfachung. Doch wir sind nicht einfach. Wir sind komplexe Wesen.

Uns faul zu nennen ist nichts weiter als ein Versuch, den Leerraum zwischen gestellten Erwartungen und darauffolgender Tatenlosigkeit zu benennen. Doch hier ist ein Denkfehler. Denn dieser Leerraum ist gar kein Leerraum. Er ist ein komplexes Gebilde. Gedanken, Schmerzen, Müdigkeit, Traurigkeit, Vorfreude, Aufregung, überschwängliches Glück, das Wetter, Hunger, Hoffnungslosigkeit, Selbstaufgabe, Wärme, Kälte, knuddelbedürftige Katzen – viele Dinge tummeln sich hier.

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Nennen wir diesen Raum „Menschsein“.

Bei jedem Menschen sieht dieses „Menschsein“ anders aus. Ach was, an jedem neuen Tag, in jeder neuen Minute verändert es sich bei jedem einzelnen von uns.

Wir wollen die Sache nicht tun.

Wir sind müde.

Wir haben Hunger.

Wir haben lange unsere Lieben nicht umarmt.

Das alles sind Gründe für Stillstand, die leicht behoben sind.

Sie verschwinden hinter dem Begriff der „Faulheit“.

Hinter diesem Begriff steht tatsächlich die Denkfaulheit des Sprechers, der sich nicht dazu herablässt, die wahren Gründe des Stillstandes zu erfragen.

Warum denken wir, dass wir faul sind?

Warum also legen wir diesen Maßstab an uns selber an?

Vielleicht aus Gewohnheit.

Oder aus der Angst vor der Schädigung oder des Verlustes von Beziehungen.

In dem brach liegenden Raum zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung liegt großes Potential für Unbehagen oder Krankheit und es wächst, je klaffender diese Kluft ist.

Um diesen Schmerz zu verhindern versuchen wir, in den Augen anderer nicht als „faul“ wahrgenommen zu werden. Und da wir dieses Attribut zugeschrieben bekommen haben, als wir dachten, wir arbeiten bereits auf Hochtouren, arbeiten wir von nun mehr, als uns angenehm ist. 

Und das Konzept wird zu Stress.

Dieser Zustand ist auch im Schreiben sehr hinderlich, denn er führt zu Gefühlen der Selbstverachtung, mangelndem Selbstvertrauen und womöglich Aufgabe.

Wir empfinden Schuld und Furcht und eine Tätigkeit, die uns eigentlich Freude bereiten würde, wird unangenehm.
Deswegen Prokrastinieren wir und beenden Dinge nicht. Das lässt sich mit so einem Mindset kaum vermeiden. Denn als Autor stecken wir definitionsmäßig oft sehr viel Arbeit in ein Projekt, das erst sehr viel später von Menschen gesehen wird.

Es wäre ein leichtes unsere Anstrengungen von außen zu übersehen und als Faulheit zu benennen.

Was können wir tun?

Ich gebe euch heute ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk.

Es ist eine Wahrheit. Wenn ihr sie verinnerlicht, wird sie euch dabei helfen, gut zu euch selber zu sein.

Faulheit gibt es nicht.

Von nun an möchte ich, dass ihr jedes Mal anhaltet, wenn die Worte in eurem Verstand sind:

„Ich bin (zu) faul“

Es ist niemals wahr. Das verspreche ich euch.

Wenn ihr diese Worte in euren Gedanken findet, dann widersprecht mit dem einfachen Satz:

„Ich bin nicht faul, sondern…“

Grabt etwas tiefer. Sucht nach dem wahren Grund. In vielen Fällen kann der behoben, adressiert oder akzeptiert werden.

„Ich bin nicht zu faul, von der Couch aufzustehen, sondern ich bin hungrig und kraftlos.“


Ich werde etwas essen.

„Ich bin nicht zu faul, die Fenster zu putzen, sondern geputzte Fenster sind mir einfach nicht so wichtig und wegen der Pandemie habe ich meine Liebsten lange nicht zu mir einladen können, wodurch ich sehr traurig bin.“


Ich darf die Fenster ungeputzt lassen. Und stattdessen jemanden anrufen, dessen Stimme mich glücklich macht.

„Ich bin nicht zu faul, mich auf diese eine Stelle zu bewerben, sondern ich möchte dort nicht arbeiten.“


Ich finde heraus, warum und denke darüber nach, was ich wirklich möchte.

Manchmal gibt es keinen ersichtlichen Grund. Manchmal müssen wir einfach nur rasten und nichts tun. Und auch das ist okay.

Kein Mensch kann von außen sehen, welche Ressourcen dir zur Verfügung stehen.

Kein Mensch kann von außen sehen, wie sehr du dich gedanklich anstrengt.

Vertrau auf dich.

Das ist mein Geschenk an dich.

Ich hoffe, es bringt dir ein wenig Seelenfrieden.

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