Lotta liest: Karen Köhlers „Miroloi“ – ein Buch zum Wütendwerden

Karen Köhlers Debütroman sorgt für Furore in den Feuilletons und stürzt Literaturkritiker in eine neue (oder alte?) Sinnkrise. So schnell kann eine Geschichte um den Befreiungskampf einer Außenseiterin selbst zum Außenseiter werden. Eine Einschätzung zur Bedeutung von „Miroloi“ im aktuellen Literaturdiskurs.

Entweder man liebt es oder man hasst es?

Schon mancher Freund des Feuilletons hat durch eine kluge Rezension einen neuen Bücherschatz kennengelernt und so mancher Buch-Connaisseur hat nach der Lektüre eines gutgeschriebenen Artikels eine neue Perspektive auf ein gelesenes Buch bekommen. Was ich auf keinen Fall mehr versuchen werde, ist Buch und Buchbesprechungen gleichzeitig zu konsumieren, denn mein Lesevergnügen an „Miroloi“ wurde – mit Verlaub gesagt –  von Feuilleton-Verrissen zugeschissen wie ein klares schönes Meer. Und ich fing an, alles in Frage zu stellen.

Jetzt im Nachhinein frage ich mich: Was hat es mit diesen aggressiven Angriffen aus der Literaturszene auf sich? Worauf stützt sich diese massive Kritik der Kulturjournalisten, die mit Rezensionen wie „Klagelied für die Literatur“ (SZ) oder „Dieses Buch ist schlecht. Warum sagt es niemand?“ (Welt) um sich werfen? Geht es um das PR-Aufgebot des Hanser-Verlages, der das Buch als Spitzentitel bewarb und damit zu hohe Aufmerksamkeit generierte? Geht es um die immer wiederkehrende Frage:

Was soll Literatur eigentlich bewirken?

Oder ist es am Ende nur der Unmut einiger Herren Gelehrter, die meinen, „Miroloi“ würde im Fahrwasser des Feminismus schwimmen?

Wer hier die Schablone anlegt, fällt leicht auf die einfache Schwarz-Weiß-Prämisse herein:
Entweder man liebt es oder man hasst es.

Leider kommen dabei aber viel zu oft all die anderen Farbnuancen abhanden.
Hier der Versuch, ein neues „Miroloi“ -Bild zu malen.

Mit der wellenförmigen Andeutung eines Meeres auf dem Cover kommt Urlaubsstimmung auf. Da möchte man sich gleich auf die nächstgelegene Insel träumen. Die Insel von "Miroloi"?

Um was geht’s eigentlich?

Eine Frau ohne Namen lebt auf einer Insel, die von der Außenwelt abgeschnitten ist. Das Inselvolk des sogenannten „schönen Dorfes“ lebt zwar vorindustriell, dafür aber so gut wie autark. Es betreibt Viehzucht und Feldwirtschaft, folgt eigenen Ritualen und Gesetzen, die von Männern gemacht wurden. Dazu gehört z.B., dass Frauen nicht lesen und Männer nicht singen dürfen. Wer sich widersetzt, landet am Pranger.

Die Protagonistin kam als Findelkind ins Dorf und wird seitdem als Aussätzige behandelt. Eselshure, Missgeburt, Katastrophenbringerin – sind die einzigen Namen, die sie kennt. Liebe und Schutz vor Gewalt findet sie nur bei wenigen Vertrauten wie dem Betvater, der sie großgezogen hat und Mariah, die als Ersatzmutter dient.

Wir folgen der Ich-Erzählerin in tagebuchartige Szenen, in denen sie beschreibt wie ihr Dorf funktioniert. Wir erleben ihr Frauwerden und Frausein, das sich Schritt für Schritt gegen das männerdominierte Inselregime auflehnt.

Am Ende steht ein Miroloi. Ein Klagelied, in der die Heldin ihr Leben in 128 Strophen besingt, ähnlich der Heldenreise des Odysseus oder den Erlebnissen der griechischen Dichterin Sappho.  

Wo und wann diese Insel zu verorten ist, lässt die Autorin nicht nur offen, sie verschleiert es geradezu.

Ort?
Das heiße Klima, die mediterranen Früchte und Gemüsesorten, die Farben Weiß und Blau, die sich schon auf dem Cover spiegeln – all das lässt ein eher ägäisches Aroma vermuten. Griechenland? Womöglich. Doch Namen wie Jakup Jakupsohn führen uns wiederum auf skandinavische Fährten.

Zeit?
Während das rückständische Dorf selbst jeden Einfluss der Außenwelt ablehnt (und Waschmaschinen maximal als Ziegentrog verwendet), wird es von Hubschraubern gescannt, von Beamten besucht und mit Plastikmüll umspült. Befinden wir uns also in einer dystopischen Zeitebene oder doch eher in der Vormoderne?

Glaube?
Die hauseigene Religion bedient sich aus allen vorhandenen Glaubensrichtungen; nennt das heilige Buch „Khorabel“ und lenkt den Blick auf unendlich viele Metaebenen.

Wie sich diese Parallelgesellschaft entwickeln konnte, lässt Köhler offen.
Ob und wie sie fortbestehen wird, ebenso.

Doch das sind nicht die wesentlichen Fragen, die dieses Buch aufmacht.

"Miroloi" spielt auf einer Insel mitten im Ozean. Alle paar Wochen legt ein Schiff von der "Drübenwelt" an und tauscht ein paar Waren mit den Bewohnern.

Viel serviert und wenig aufgegessen

Theresa Hein schreibt in ihrer Kritik der SZ, dass die vielen angerissenen Erzählmotive in „Miroloi“ sich zu einem „Erzählgulasch“ vereinen, der am Ende schwer im Magen liegt.

Und in der Tat, kommt hier viel auf den Tisch, was nicht aufgegessen wird:

Da wäre z.B. die Frage nach der Herkunft. Wer sind ihre Eltern? Ein Lied, das alle Star Wars Fans singen können, das aber wesentlicher Bestandteil der Identitäsfindung ist. Ebenso wie die erste Liebe, die Entdeckung der eigenen Lust („Magst du mal meine Knospe sehen?“) und die immer wiederkehrenden Glaubenskrisen („Wenn Menschen die heilige Schrift der Götter so einfach umschreiben können, heißt das dann, dass die Khorabel gar nicht heilig ist?“; „Gibt es die Götter überhaupt?“).

Und dann ist da noch der fortwährende Wunsch nach Bildung, die Frauen in dieser Welt verwehrt bleibt. Statt Gleichberechtigung erleben wir Zwangsverheiratung, häusliche Gewalt, sexuellen Missbrauch, Verkrüppelung und Steinigung. Kein Mensch hält so viel Leid und Ungerechtigkeit aus. Doch es handelt sich bei „Miroloi“ schließlich auch nicht um ein Feelgood-Buch.

Dies ist ein Buch zum Wütendwerden.

Es schneidet in der Tat viele existenzielle Fragen an, die am Ende ungelöst bleiben. Doch ist das nicht der Grundsatz existenzieller Fragen?

Sag, wie hältst du es mit dem Feminismus?

Der Vorwurf, den Rezensenten wie Jan Drees (Deutschlandfunk) und Burkhard Müller (ZEIT) dem Buch machen, lautet, es würde den Fahrtwind des Feminismus nutzen, um in den Bestenlisten mitspielen zu können. Weil Feminismus ja gerade so im Trend liegt. Müller wirft dem Buch „unfruchtbare Selbstzufriedenheit“ vor, denn „der Gestus der Rebellion rennt offene Türen ein“.

Eine recht selbstgefällige und blinde Aussage gegenüber einer Welt, die immer noch mit archaiisch-patriarchalischen Systemen kämpft und in der Zwangsehen, legale Vergewaltigungen und selbst Steinigungen durchaus noch eine Rolle spielen.

Ist der feministische Zeitgeist, der hier erzählt wird, nicht real genug, weil er nicht perfekt auf den metoo-Diskurs oder die von Drees eingeschobenen Debatte um Frauen im Literaturbetrieb passt?

Wieder einmal steht dort mit großen roten Fragezeichen am Rand:
Was sollen – was können wir aus diesem Buch lernen?

Wie soll das unseren Kampf gegen das Patriarchat bestärken, wenn wir nur diese einfach gestrickte, diese auf die persönliche Ebene reduzierte Variante von Auflehnung zu lesen bekommen? Und natürlich ließe sich argumentieren, dass es noch mehrdeutiger, noch kapitalismuskritischer ginge, um ideal auf aktuelle Gegenwartsdebatten übertragen werden zu können. Denn das ist es ja schließlich, was wir von guter Literatur erwarten oder? Sie muss – wie Kafka schon so schön sagte – „die Axt sein in dem gefrorenen Meer in uns.“
Nun, hin und wieder sind es aber auch Schraubenzieher, Nagelscheren oder einfach eine sehr heiße Sonne, die das Meer zum Schmelzen bringen.


Auch wenn Köhler der historischen und politischen Festlegung ihrer Geschichte ausweicht, nehmen wir ihr ihren restriktiven Inselkosmos ohne Zweifel ab. Weil er existieren könnte und weil er noch existiert. Das macht die Drohkulisse umso beklemmender.

Ein Zitat der Theoretikerin Hannah Arendt bestimmt das Motto dieser Geschichte:

Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.

Dieser Roman jedoch zeigt höchst eindrücklich wie einfach der Weg des Gehorsams im Vergleich zur Auflehnung ist. Und wie Unterwerfung vor allen Dingen auf Tradition, geregeltem Ablauf und Glaube aufbaut.

Woher kommt die Andersartigkeit?

Trotzdem bleibt der Wunsch nach mehr literarischer Ambivalenz. Würde die Ich-Erzählerin auch ohne ihre aufgezwungene Entfremdung von ihrer Umwelt die Kraft finden gegen diese totalitäre Gesellschaft vorzugehen? Sandra Kegel (FAZ) nennt das ein „reizvolles Gedankenspiel, das unbeantwortet bleibt“. Doch so unbeantwortet ist es gar nicht.

Köhler schafft es vor allen Dingen durch die routinierten Abläufe zu Beginn des Romans („Ich koche beim Kochen. Wenn alles seine Reihenfolge hat, bleibt kein Augenblick frei, ist jede Bewegung da, wo sie sein soll. Dann fließt du wie bei einem Tanz durch die Zeit…“) aufzuzeigen, dass dieses einfach Dorfleben durchaus seinen Reiz haben kann. Kochen, ernten, Feste feiern – selbst religiöse Andachtsrituale bekommen plötzlich einen angenehmen Stellenwert. Spätestens ab dem point of no return klingt es fast schon nostalgisch wenn die Erzählerin sagt: „Es war einmal … da wurde noch Schnaps getrunken und Wein, und alle waren ausgelassen und miteinander… da wurde gelacht und Musik gemacht und das Dorf kam zusammen.“

Es ist der Protagonistin nur zum Teil in die Wiege gelegt worden, anders zu sein. Diese Andersartigkeit spiegelt sich ebenso in vielen Gesichtern des Dorfes wider: In Sofias, Mariahs, Jannis‘, selbst in dem kleinen Dorfmädchen, das plötzlich mit ihr zu reden beginnt. Den Ausschlag zur Veränderung gibt nicht die erlebte Gewalt oder eine besonders große Ungerechtigkeit. Den Ausschlag zur Veränderung geben die Zwischentöne.

"Miroloi" kommt aus dem griechisch-orthodoxen un bedeutet "Klage- oder Totenlied". Das Buch lebt von den Zwischentönen in diesem Klagelied.

Die Zwischentöne im Klagelied

Und hier wird es interessant.

Die Kritik, dass Köhlers Figuren keine Zwischentöne zuließen, ist zwar wenigstens eine, die sich am Inhalt und nicht am Thema Feminismus aufhält, doch auch sie entbehrt jeder Standhaftigkeit, wenn man einen genauen Blick auf die Charaktere wirft. Die zunächst als lückenlos feindselig wahrgenommenen Dorffratzen bekommen mit der Zeit Risse und brechen sogar in ihrer starren Genderaufteilung auf. So ist es beispielsweise der schroffe Müller, der zum Geheimniswahrer und Beschützer wird; es ist der schüchterne Nachrichtensprecher Jannis, mit dem sie Kleider tauscht, es ist die schüchterne Noura, die zur Verräterin wird.

Dieser Roman ist überraschend unvorhersehbar.   

Es sind simple Kapitelüberschriften wie „das Kleid“, „Das Spinnen“ oder „Der Sommermond“, die die Einfachheit und Eintönigkeit des Dorfes widerspiegeln, das von Mondphase zu Mondphase lebt und dem Rhythmus der Jahreszeiten folgt.

Die Lücken und schwarzen Stellen, die die Heldin erlebt, werden nicht bloß beschrieben, sondern auch sichtbar ins Buch eingezeichnet. So entstehen Kapitel mit nur einem Namen; es entstehen Seiten ohne Worte und Passagen, in denen Worte geschwärzt wurden.

Es ist der anschauliche und fast greifbare Detailreichtum, der diesen dystopischen Inselkosmos schmückt; es sind die unmittelbaren, sehr szenischen Dialoge, die zeigen, welche Fähigkeiten die junge Theaterautorin Karen Köhler zu bieten hat. Sie zielt auf das Universelle, aber leben kann die Geschichte viel eher vom Konkreten.

Das Spiel der Sprache

Allein das Spiel der Sprache bekommt von Anfang an eine besondere Bedeutung. So finden wir z.B. in der zwölften Strophe eine große Sammlung von „Worten, die das Mädchen weiß“. Wer hier nur überfliegt, verpasst die ganz bewusste Aufeinanderfolge von „Wäsche, Mutter, Karton“, „Rot, Band, Jungfrau“ und „Gesetze, Mann, Stammbuch“.

Wortneuschöpfungen wie „Tausendaugen“ (die Augen des Dorfes sind überall), „Drübenwelt„, „Lichtsammler“ und das „Untenrum“ bergen ein fast kindliches Einfühlungsvermögen, das sich auch in creshendoartigen Beschreibungen wie „weichweichweichem Flaum“ Bahn bricht.

Es ist eine märchenhafte, zum Teil höchst poetische, wenn auch durch die Naivität der Hauptfigur gekennzeichnete Sprache, die kitzelt, streichelt, aufweckt und aufreißt. Diese Grundstruktur verleiht dem Roman einen eigenen Rhythmus, eine besondere Dramaturgie, die das Lesen vorantreibt.

Es sind diese feinen Nuancen, die das Leseempfinden stärken und aufregend machen. Und als wäre das die eigentliche Message, ist es im Kern das Lesen selbst, das dem Mädchen ohne Namen die Macht gibt, einen neuen Zugang zur Welt zu finden. Und sich damit aus der alten zu befreien.

So erklärt ihr der Bethausvater beispielsweise, wie viel Kraft der Konjunktiv besitzt – da er die Möglichkeit gibt, mithilfe von Sprache Distanz einzunehmen (Unterschied zwischen: Die anderen sagen, ich bin eine Eselshure oder: Sie sagen, ich sei eine Eselshure).

Er sagt ihr außerdem über die Buchstaben: „Wenn du sie einmal kennen gelernt hast, gibt es kein Zurück mehr, du kannst dann nicht mehr nicht lesen, nicht mehr nicht wissen. Verstehst du?

Allein die Tatsache, wie die Autorin den Prozess des Lesenlernens an so vielen Stellen so gekonnt und teilweise urkomisch in die Geschichte einfließen lässt („Yael schultert Decke und Sack. Es Ah El Zett. SALZ. Steht da drauf. Salz, sage ich.“), ist bezeichnend für die Bedeutsamkeit der Sprache, des Lesens, Schreibens und schlussendlich auch des eigenen Namens, der zur Selbstbestimmung dieser jungen Frau beiträgt.

Selbstbestimmung durch Lesen. "Miroloi" zeigt wie wertvoll die Bedeutung von Worten sein kann und welchen Stellenwert Bildung für das Leben einer jungen Frau einnimmt.

Fazit

Mag sein, dass dieses Buch kein Wenderoman wird und sicher ist er keine zweite Simone de Beauvoir oder Margaret Atwood. Trotzdem werden hier vielversprechend neue Töne angeschlagen, die diese soghafte Story so verfeinern wie es nur ein guter Wein vermag. Für mich war „Miroloi“ genau die richtige Lektüre zur Sommerzeit – ein Buch mit Aroma und Biss; ein Buch, das ich schmecken und fühlen konnte. Gleichzeitig lässt sich damit allemal ein gefrorenes Meer einschlagen.

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