Märchenzeit: „Der Mondprinz“ – eine Geschichte über die Kraft von Tränen

„Sei nicht traurig“, „weine doch nicht“ – es sind nur kleine Floskeln, die wir daher sagen, ohne zu wissen, warum eigentlich. Dabei sind Tränen und Traurigkeit oft gut für uns und helfen uns, mit Gefühlen umzugehen. Manchmal braucht es nicht einmal einen Grund um zu weinen.

Dieses Märchen handelt von einem Prinzen mit einem besonderen Lachen, der eines Tages traurig wird ohne zu wissen wieso.
Ich widme es allen Menschen, die sich schon so oft verhalten die Tränen aus den Augenwinkeln gewischt haben, in der Hoffnung, dass niemand es bemerkt oder sich schluchzend hinter geschlossenen Türen versteckt hielten, damit niemand sie hört.

In einem Land am Rande der Welt lebte einst ein Prinz, der war liebevoll und gütig und behandelte alle seine Untertanen mit Respekt. Schon als er noch als junges Königskind im Palast spielte, war alle Welt verzückt von ihm, weil er so ausgelassen und fröhlich lachte. Sein Lachen war laut und klar wie ein Gebirgsbach und jeder, der es hörte, fühlte sich dadurch frisch und fröhlich wie nach einer Schneeballschlacht. Sein Lachen klang so anziehend, dass sogar das Meer sich danach verzehrte und hin und wieder zu ihm strebte.

Jeden Morgen kam der Kammerdiener des Prinzen und brachte ihm neue Geschenke und Kostbarkeiten von seinen abertausend Bewunderern. Edle Kleider, kostbares Geschirr – sogar einen goldenen Thron hatte die Sonnenkönigin eigens für ihn anfertigen lassen. Doch der Prinz nahm die Geschenke nur an, um damit große Feste zu Ehren seiner Untertanen zu feiern. Zu diesen Festen stand das Schloss allen Bewohnern des Reiches offen und jeder konnte kommen, um zu tanzen, zu essen, zu singen und sich an dem Lachen des Prinzen zu erfreuen.

Eines Tages aber, nachdem ein solches Fest gefeiert worden war, scherzte eine der Zofen, indem sie sagte, dass nicht einmal eine Horde Seeungeheuer mehr Unordnung im Schloss anrichten könnten als die Untertanen des Prinzen es vermochten. Doch obwohl es ein sehr gelungener Scherz gewesen war, konnte der Prinz nicht darüber lachen. Er versuchte erst seinen linken, dann seinen rechten Mundwinkel nach oben zu ziehen, doch seine Lippen blieben still und unbewegt. Und auch seine Augen, die früher immer vor Freude gefunkelt hatten wie Kronleuchter, blickten nun ausdruckslos und leer im Thronsaal umher.

„Er muss krank sein“, dachten seine Gefolgsleute und holten eilig den Schlossarzt herbei. Dieser untersuchte den Prinzen bis auf die Zehenspitzen. Schließlich sagte er:

„Ich kann an seiner Majestät keine Krankheit feststellen. Es scheint mir, der Prinz ist lediglich ein wenig betrübt und benötigt Aufheiterung.“

Sofort machten sich die Diener des Prinzen daran, ihn aufzuheitern. Man brachte ihm bunte Kleider zum Anziehen, gutes Essen zum Probieren, auserlesene Gemälde zum Anschauen und die Schlosskappelle spielte seine Lieblingslieder auf dem Dudelsack. Aber so sehr sie sich auch bemühten, nichts davon konnte den Prinzen wieder fröhlich stimmen.

„Warum seid ihr traurig, mein Prinz?“, fragte einer seiner Kammerdiener. „Woran fehlt es euch?“

Darauf antwortete dieser:

„Ach, es fehlt mir weder an schönen Kleidern noch an gutem Essen, noch muss ich auf Kunst oder Musik verzichten. Und doch liegt ein finsterer Schleier über meinem Herzen, der nicht von mir weichen will.“

Dem Diener wurde bange bei diesen Worten und er beschloss, Hilfe zu holen. Bald wurde im ganzen Land und darüber hinaus folgende Botschaft verkündet:

„Wer es schafft, unseren geliebten Prinzen von seiner großen Traurigkeit zu befreien, dem wird jede Belohnung zuteilwerden, die er oder sie verlangt.“

Daraufhin strömten allerlei Besucher und Besucherinnen zum Palast des Prinzen.

Es kamen die Seejungfrauen und Meermänner, um den Prinzen mit Schaumbädern und Gesang einzulullen, es kamen die Kobolde und Elfen aus dem Reich des Weihnachtslandes, um dem Prinzen ihre Spielzeuge zu schenken. Es kamen Frühling, Sommer, Herbst und Winter um Sonne, Regen, Wind und Schnee für das ganze Land zu bringen, doch nichts davon konnte den Prinzen wieder fröhlich stimmen.

Als sein Kammerdiener ihn erneut fragte:

„Warum seid ihr traurig, mein Prinz? Woran fehlt es euch?“, da antwortete dieser:

„Ach, es fehlt mir weder an Zerstreuung und Fürsorge noch an wunderbaren Geschenken, und selbst Zeit habe ich mehr als ich nutzen kann. Doch es liegt ein finsterer Schleier über meinem Herzen, der nicht von mir weichen will.“

Selbst die Sonnenkönigin hatte von der großen Traurigkeit des Prinzen gehört. Sie hatte schon lange ein Auge auf ihn geworfen und wollte ihn gerne zu ihrem Gespielen machen. Also stieg sie von ihrem Sonnenthron herab. Als sie in den Palast des Prinzen trat, lächelten alle, die von ihren Strahlen berührt wurden, denn sie waren warm und wohltuend. Nur der Prinz sah mit leeren Augen zu Boden.

Da sprach die Sonnenkönigin mit goldener Stimme:

„Mein lieber Prinz, ich weiß, warum Ihr traurig seid. Es fehlt euch an Liebe, Wärme und Geborgenheit. Ein Kuss von mir und ihr werdet alle Traurigkeit vergessen und für immer mit mir glücklich sein.“

Der ganze Hofstaat hielt den Atem an als die Sonnenkönigin ihre warmen Lippen spitzte und den Prinzen küsste.  

Zufrieden lächelnd sah sie ihn an und fragte:

„Nun mein Prinz, seid ihr noch traurig? Fehlt es Euch an etwas?“

„Meine Königin“, sprach der Prinz. „Ich danke euch für Eure Mühen. Es fehlt mir weder an Wärme noch an Geborgenheit und Liebe. Und doch liegt ein finsterer Schleier über meinem Herzen, der nicht von mir weichen will.“

Da wurde die Sonnenkönigin zornig. Sie lief feuerrot an und verkündete:

„Wenn mein Licht es nicht vermag, euch wieder strahlen zu lassen, so wird Euch nichts und niemand helfen können. Ein Herz, das so finster ist wie Eures, hat auf der Erde keinen Platz. Daher verbanne ich Euch und Euer Volk auf den Mond in das Reich meiner Schwester, der Nachtkönigin. Dort sollt Ihr fortan in ihrem Schatten wandeln. Kein Licht soll Euch mehr scheinen, kein Blick Euch mehr begegnen. Ihr bleibt für alle Augen in Dunkelheit gehüllt.“

Und mit diesen Worten verließ die Königin den Saal. Mit ihrem letzten Schritt verschwand die Wärme und alles Licht aus dem Palast. Dieser erhob sich in die Luft und landete hoch oben auf dem Mond, inmitten nachtschwarzer Dunkelheit. Und so sehr die Gäste des Prinzen nun nach ihm suchten, sein Antlitz und das all seiner Untertanen blieb für alle Augen in Dunkelheit gehüllt, wie die Sonnenkönigin es prophezeit hatte.

Nach und nach verließen die Gäste nun das Reich des Prinzen, denn für sie gab es dort nichts mehr zu sehen.

Einzig der Junge Morgentau, der sich mit unter die Gäste im Palast gemischt hatte, blieb noch zurück. Er war ein Zögling der Sonne, doch auch ein Schüler ihrer Schwester, der Nacht. Deshalb war er in der Lage, den Prinzen und sein Mondschloss trotz des Fluchs zu sehen. Er hatte Mitleid mit dem Prinzen und so trat er an ihn heran und sprach:

 „Teurer Prinz, auch ich kann Euch nicht sagen, wieso die Traurigkeit über Euch kam und Euer Herz in finsteren Schleiern liegt. Doch ihr sollt wissen, dass ihr nicht alleine seid: Auch ich kenne die große Traurigkeit und habe schon so manche Träne mit ihr geweint.“

Da hob der Prinz den Kopf und sah den Jungen Morgentau mit großen Augen an. Dieser fügte noch hinzu:

„Habt ihr denn je zuvor getrauert, je geweint?“

Der Prinz antwortete:

„Nein, nie. Welchen Grund sollte ich haben, um zu weinen? Ein Prinz muss immer lächeln, immer fröhlich sein und stark.“

Der Morgentau antwortete darauf:

„Mit Tränen werdet ihr nicht schwächer werden und Euer Volk wird Euch nicht weniger verehren. Mein Prinz, jeder verdient es, einmal traurig sein zu dürfen. Die Sonnenkönigin mag glauben, dass Dunkelheit ein Fluch sei, doch im Dunkeln wirken Kräfte, die oft noch stärker sind als Licht. Lasst es mich Euch zeigen.“

Mit diesen Worten strich der Junge Morgentau mit sanften Fingern über das Gesicht des Prinzen, sodass dessen Augen sich mit Wasser füllten.

„Ich schenke euch diese magischen Tränen“, sagte der Morgentau.

„Sie wachsen auf der Dämmerungswiese, zwischen Traum und Wirklichkeit und sind nur in der Dunkelheit zu sehen. Mit ihnen könnt ihr weinen, wann immer ihr traurig seid.“

Der Prinz nahm eine Träne von seiner Wange und betrachtete sie. Die Träne begann silbrig zu leuchten. Je länger der Prinz sie betrachtete, desto stärker fühlte er, wie sich tief in seinem Inneren ein Knoten löste. Und da hob sich der Schleier von seinem Herzen und er begann, zu weinen.

Seine silbernen Tränen ergossen sich über den Saal des Palasts. Als seine Untertanen sahen wie er weinte, wurde auch sie davon angesteckt. Ein jeder weinte nun aus vollem Herzen und das Tränenwasser strömte in Bächen aus dem Schloss hinaus. Der silberne Fluss zog langsam über das Mondgestein und ließ es hell und immer heller strahlen. Inmitten des dunklen Reichs der Nachtkönigin leuchtete der Mond nun wie die Sonne am Tage.

Dort, wo die Tränen im Boden versiegt waren, begannen silberne Ähren und Bäume zu wachsen. Darüber musste der Prinz lächeln. Erst zog er den linken, dann den rechten Mundwinkel nach oben und schließlich lachte er wie ein Kind am Weihnachtsabend.

Seine Dienerschaft, ja sein ganzes Volk brach in großen Jubel aus. Sie tanzten, lachten und freuten sich, denn das Tränenwasser hatte nicht nur den Prinzen geheilt, es hatte auch den Mondboden fruchtbar gemacht.

Der Prinz aber erhob die Hand und sprach:

„Meine lieben Untertanen, es tut mir leid, dass ihr um mich in Sorge wart. Nur meinetwegen müsst ihr nun ein Leben auf dem Mond führen, wo niemand euch je sehen kann.“

Da deutete sein Kammerdiener auf die Erde und sagte:

„Hoheit, seht doch all die strahlenden Gesichter dort unten auf der Erde, wie sie zum Himmel blicken. Unser Antlitz mögen sie nicht sehen, doch die silbernen Tränen haben den Mond leuchtend hell gemacht, sodass niemand ihn mehr übersehen kann.“

Und tatsächlich, als der Prinz zur Erde schaute, blickten ihm sehnsüchtige und hoffnungsvolle Gesichter entgegen.

„Von heute an soll jeder weinen können, dem danach ist“, sprach da der Prinz.

„Denn Tränen sind Heilung und nur wo Tränen sind, kann neue Hoffnung wachsen. Jeder Mensch, der zu uns aufschaut soll wissen, dass er nicht alleine ist. Dass Dunkelheit nicht schlechter ist als Licht. Denn nur dort, wo Schatten ist, können die Lichter hell erstrahlen. Lasst uns zusammen lachen und zusammen weinen.“

Und so geschah es.  

Das Volk des Prinzen lernte nun nicht nur zu lachen, sondern auch zu weinen. Manche taten sogar beides gleichzeitig.

Und was wurde aus dem Jungen Morgentau?

Der Prinz bat ihn, ins Schloss zu ziehen und mit ihm das Reich des Mondes zu regieren. Einmal im Monat laufen sie zusammen zur Dämmerungswiese zwischen Traum und Wirklichkeit und pflücken silberne Tränen, damit der Mond in neuem Glanz erstrahlen kann.

ENDE

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