Weihnachtliche Bekehrung Inc.

Und so trug es sich zu, dass im ehrwürdigen Zeitvakuum die Geister der Vergangenen, Heutigen und Zukünftigen Weihnacht in den wohlverdienten Feierabend gingen. Die Damen hatten einem alten, geizigen Tattergreis namens Ebenezer Scrooge aufgezeigt, dass es lohnend und erfüllend sein kann, ein guter Mensch zu sein, sodass diese Erholung ihnen mehr als vergönnt war.
Die Namen dieser Geister waren Victoria, Helen und Zita aus der Abteilung S – Spezialfälle, der Firma „Geisterbekehrungen Unlimited.“  
Victoria rührte den Glühwein und ließ noch einige Zimtstangen in diesen reinplumpsen, während Zita bereits ihre Sense neben dem prasselnden Kamin abgestellt und sich selbst auf das Sofa geworfen hatte.
„Haben wir eigentlich noch so ein paar unbequeme Zeitgenossen für heute auf der Liste?“, fragte Helen.
Zita ließ ihre Hand durch die Luft gleiten und hielt wenige Sekunden später ein Pergament in der Hand.
„Wie du als Zukünftige Weihnacht einfach noch nicht auf Tablets umgestiegen bist, ist mir schleierhaft. Was du an Papier einsparen könntest!“ sprach Victoria.
„Ich mag das Altmodische. Papier ist zeitlos. Und ich bin die Zukunft. Ich mag Hologramme sehr, aber ich muss mich doch nicht im ehrwürdigen London damit blicken lassen, wenn ich ansonsten täglich damit arbeite.“
Victoria rückte ihre Toga zurecht und schnaubte. „Du mit deiner falschen Nostalgie.“
Helen schürte im Feuer und sauste zum Topf herüber, in dem der Glühwein dampfte und schaute zwischen den beiden Geistern hin und her.
„Aber, aber … wir wollen uns doch nicht streiten. Es ist ein gutes Weihnachten dieses Jahr und wir haben doch so einen versöhnlichen Tagesabschluss. Könnt ihr euch noch an die Schererei aus dem Jahr 2020 erinnern? Es war ein Drama.“
„Können wir die Corona-Leugner nicht einfach an das Team mit Victor, Henry und Zach abgeben? Ich habe keine Lust mehr auf diese Spinner“, sagte Zita. „Wir hatten die schon letzte Woche bei der Spanischen Grippe. So viele haben wir versucht zu überzeugen und letzendlich sind sie doch früher gestorben. Ich will auch nicht mehr auf meine Provision verzichten. Und was für eine Show wir geliefert haben!“
„Ach, Zita. Wir haben doch auch schon die Pest gebeutelten, Hexenjäger und diese schlimmen Höflinge, die keine Ahnung von Hygiene hatten durchgestanden. Was sind denn da so ein paar Maskenverweigerer?“
Helen nippte an ihrem Glühwein und pflückte vorsichtig eine Zimtstange heraus, auf der sie dann herumkaute.
„Ich habe gehört, sie wollen jetzt auch die Abteilung für Diktatoren auflösen, nachdem Erdogan und Orban jetzt nicht bekehrt werden konnten. Das wurde auch höchste Zeit. Ich meine, deren Quote ist ja einfach super schlecht“, sagte Helen.
Victoria hatte angefangen ihre Sandalen aufzuschnüren. „Keine Ahnung, warum der Chef das überhaupt probieren wollte. Wir hätten doch mit Cäsar schon ahnen können, wohin das führen würde. Und als dann die Christen kamen, wurde es ja nur noch schlimmer.“
„Du magst sie doch nur nicht, weil du dich als Römerin identifitzierst.“, sagte Zita.

„Ich hätte mal wieder Lust auf einen italo-amerikanischen Mobster. Die tragen immer so schicke Anzüge. Lucky Luciano, auch wenn wir den nicht bekehren konnten, war so gutaussehend.“ Victoria seufzte und ihr abwesender Blick war zum Fenster gerichtet.
„Die Mafia. Das war auch nicht gerade erfolgsversprechend, aber zumindest konnte ich tolle Klamotten anziehen,“ sagte Helen.
„Ja ja. Erzähl du mir was über Klamotten. Ich finde das so blöd, dass ich ständig diese Fake-Sensenmann-Kutte tragen muss. Nur weil dies besser zur Firmenphilosophie passt. Wir könnten doch mal eine neue Todesgeist-Variante ausprobieren. Ich habe doch hier so ein vollautmatisches Bein und das kommt einfach nie zur Geltung.“ Zita war unglaublich stolz als eine der wenigen Cyborgs als Geist der Zukünftigen Weihnacht genommen worden zu sein. Böse Zungen behaupteten jedoch, dass sie nur eine Quote erfüllen sollte und deswegen eingestellt wurde. Man wollte neben der Frauenquote noch ein paar andere Quoten, sonst hätten Männer anderen nicht wieder Kompentenzen absprechen können. So war das schwache Geschlecht beruhigt und weniger hysterisch und Frauen wie Zita, Victoria und Helen konnten in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen.
„Es gibt andere modische Verbrechen. Immerhin musst du nicht wie ein kleines Mädchen und eine alte Frau gleichzeitig aussehen. Das war wirklich eine schlimme Projektion bei dem guten Scrooge. So schlimm sah ich bei den Pegida-Hutbürgern zuletzt aus.“
Victoria schüttelte sich und Helen erhob, einer Mahnung entsprechend, einen Finger in die Höhe.
„Ihr beiden. Ihr zeigt nicht die aktuelle Gegenwart. Ich kann mich noch erinnern, als wir bei Henry VIII. waren und er mich erst heiraten und dann köpfen wollte. Da hätte ich gerne einen Gefahrenzuschlag gehabt.“
Zita prustete los. „Oder als du aussahst wie Adolf H….“
„ZITA! Wir reden nicht drüber!“
Victoria hielt die nackten Füße an das wärmende und prasselnde Kaminfeuer. „Wen müssen wir eigentlich vor unserem Weihnachtsurlaub noch abarbeiten?“
Es war dieses Mal Helen, die die Liste der Bekehrungen auf ihrem Tablet aufrief, bevor Zita auch nur einen Finger krumm machen konnte, was diese mit einem Nase schnauben quittierte.
„Lasst uns mal sehen. Wäre doch nett vor Jahresende, bevor wieder alle Versicherungen abgebucht werden ein paar zusätzliche Provisionen zu erhalten. Oh. Dieter Nuhr, Lisa Eckhart und J. K. Rowling können wir uns bestimmt abschminken. Aber wir haben auch die Französische Königin Marie Antoniette drauf. Sie ist eine tolle Mutter. Wir bekommen das bestimmt hin, dass sie ihren Mann gleich mit überzeugt mehr für das Französische Volk zu tun.“
„Das klingt machbar. Aber das wäre dann ja nur eine. Sind da keine weiteren aussichtsreichen Kandidaten?“
„Irgendein Andreas Scheuer. Keine Ahnung. Der ist schwer einzuschätzen. Aber wenn wir dem vielleicht zeigen, dass er die Rechnung für die Maut-Geschichte selbst tragen muss, sollte da vielleicht was drin sein.“ Zita kicherte und machte sich bereits an einige Skizzen für künftige Illusionen zu schaffen.
„Lass mal sehen“, Helen schnappte sich das Tablet. „Wir haben doch tatsächlich noch einen aus der Abteilung V bekommen.“
„Abteilung V?“ Zita schaute von ihren fein geschwungenen Zeichnungen auf.
„Du weißt schon, die Abteilung für Verschwörungsideologen.“
„Schon wieder? Wir hatten doch erst den Chef der Flat-Earthers. Und der war schon unbelehrbar.“
„Der nächste hier ist auch ein komischer Kauz. Veganer Koch.“
„Was? Das ist doch unmöglich! Warum kriegen wir vor Jahresende diese Fälle? In dieser Firma hat doch noch nie jemand einen Veganer bekehren können!“, schimpfte Zita.
Helen machte ein ganz und gar trübsinniges Gesicht. „Geschweige denn von einen Verschwörungsideologen. Wir haben also echt nur Marie Antoniette, die wir überzeugen könnten. Verabschieden wir uns doch gleich von der schönen Provision.“
Und so saßen die Geister der Vergangenen, Heutigen und Zukünftigen Weihnacht aus der Abteilung S – Spezialfälle – im gemütlichen Zeitvakuum und bliesen Trübsal in ihren Glühwein. Während an anderer Stelle ein gewisser Ebenezer Scrooge sein schönstes Weihnachten seit Langem feierte.

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